Aachener Modell: Gewaltprävention im Betrieb
Von rund 60 Arbeitsunfällen ist einer die Folge von Gewalt, so berichtet die DGUV und vermutet, dass die Dunkelziffer noch weit höher liegt. Allein im Jahr 2022 wurden den Unfallkassen über 13.000 Arbeitsunfälle aufgrund von Gewalt, Bedrohungen und „ähnlichen Vorfällen“ gemeldet. Sicher einer der Gründe, warum die DGUV im Dezember 2023 die Aktion „Gewalt angehen“ ins Leben rief, mit der sie die Unternehmen sowohl auf die ansteigende Bedrohung durch die verschiedenen Formen von Gewalt als auch auf die Bedeutung von Gewaltprävention am Arbeitsplatz aufmerksam machen will.
Formen von Gewalt
Beim Schlagwort Gewalt denken die meisten Menschen vermutlich an physische Gewalt. Aber Gewalt hat viele Formen. Beleidigungen, Mobbing und andere Formen der nicht-körperlichen Bedrohung werden in der Regel aber deutlich weniger angezeigt und gemeldet als es bei physischen Gewaltausübungen passiert. Dabei kann psychische Gewalt für die Betroffenen manchmal genauso eine gravierende negative Wirkung haben wie körperliche Angriffe. Nicht umsonst ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung mittlerweile gesetzlich vorgeschrieben.
Unternehmenskultur
Darüber hinaus haben Gewaltvorfälle auch negative Folgen für das gesamte Unternehmen. Sie können die Motivation und Zusammenarbeit der Beschäftigten verschlechtern und dadurch das Betriebsklima negativ beeinflussen. Dies kann wiederum den Unternehmenserfolg schmälern. Was können Betriebe für eine möglichst gewaltfreie Arbeitsumgebung tun, um die Sicherheit von Beschäftigten zu verbessern? Das ist in erster Linie eine Frage der allgemeinen Unternehmenskultur. Die Geschäftsleitung und der Arbeitgeber müssen klar machen: Gewalt gegen Beschäftigte und unter Beschäftigten wird nicht toleriert. Gewaltprävention muss daher als Führungsaufgabe gesehen werden, Führungskräfte müssen das Thema ernst nehmen und aktiv angehen. Dabei kann die Sanktionierung von Gewalt nur eine Maßnahme von vielen sein. Viel wichtiger sind ein wertschätzendes Miteinander und eine offene und faire Kommunikation, wenn Probleme durch Gewalt doch entstehen sollten.
Anzeige - Online Seminar Umgang mit Gewalt am Arbeitsplatz Gewalt am Arbeitsplatz gewinnt in vielen Branchen an Bedeutung und hat erhebliche Auswirkungen auf Betroffene und Unternehmen. Dieses Seminar vermittelt Grundlagen zu Ursachen, Risikofaktoren und rechtlichen Rahmenbedingungen. Ansätze wie das Aachener Modell sowie praxisnahe Best Practices helfen, Gewalt präventiv zu begegnen und angemessen zu handeln. Darüber hinaus wird die Rolle des Arbeitsschutzes bei der Prävention und Bewältigung von Gewalt am Arbeitsplatz beleuchtet, einschließlich des Meldewesens und der Dokumentation von Vorfällen. Referent: Sascha Tetzlaff Dienstag, 29.09.2026, 14 Uhr |
Besonders betroffen: Öffentlicher Dienst
Besonders betroffen, vor allem von verbaler und psychischer Gewalt, sind Arbeitsplätze mit regelmäßigem Publikumsverkehr. Dort, wo Menschen oft anonym aufeinandertreffen. Dazu gehört auch der Öffentliche Dienst. Laut einer forsa-Umfrage im Auftrag des DGB aus dem Jahr 2025 gab die Hälfte der Beschäftigten im öffentlichen Dienst an, schon einmal bei ihrer Tätigkeit behindert, beschimpft oder tätlich angegriffen worden zu sein. 84 Prozent der Befragten empfanden den Umgang der Menschen untereinander als rücksichtsloser und brutaler als in der Vergangenheit. 38 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst sahen sich bereits mit digitaler Gewalt im beruflichen Alltag konfrontiert, 13 Prozent waren direkt betroffen, oft durch Beleidigungen und Bedrohungen.
Aachener Modell: Null Toleranz
Das Aachener Modell in der öffentlichen Verwaltung ist ein umfassendes Konzept zur Gewaltprävention und zum Schutz von Mitarbeitenden an Arbeitsplätzen mit Publikumsverkehr – es wurde auch Grundlage für das Gewaltpräventionsverständnis der DGUV. Unter dem Motto „Null Toleranz gegenüber Gewalthandlungen“ entwickelte die Unfallkasse NRW in Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium Aachen dieses Modell, um Bedrohungen und Übergriffe durch eine strukturierte Gefährdungsanalyse zu reduzieren und konkrete Maßnahmen abzuleiten. Das Modell bewertet Arbeitsplätze anhand von vier Stufen, von geringem bis hin zu hohem Risiko, und leitet aus der jeweiligen Einstufung notwendige Sicherheitsmaßnahmen ab. Die Übergänge zwischen den Stufen werden dabei als fließend betrachtet, was bedeutet, dass Gewaltprävention immer auch für die jeweils höhere Stufe mitgedacht werden muss.
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