Warum die Immobilienwirtschaft jetzt handeln muss
Paula S. (40)*, Gewoba-Mitarbeiterin aus Bremen, wollte schon lange zur Hautkrebsvorsorge. Für gesetzlich Versicherte zahlen das die Krankenkassen alle zwei Jahre. Ihr Problem: Sie bekommt keinen Termin, höchstens als Selbstzahlerin.
Ein Beispiel, das zeigt, wie schwierig Prävention im Alltag ist. Genau hier setzt die Gewoba seit 2014 mit einem strategischen Ansatz an.
Mitarbeitergesundheit: Steigende Belastungen in Immobilienunternehmen
Sie bietet jährlich wechselnde Gesundheitsprogramme an, die sich niedrigschwellig an den Bedarfen der Mitarbeitenden orientieren. "Die Basis dafür bildet eine regelmäßige unternehmensweite Gesundheitsbefragung, ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das BGM", betont Andrea Wiskandt, Referentin für das BGM und Leiterin des Arbeitskreises Gesundheit bei der Gewoba.
Besonders gefragt seien Angebote zur Stressbewältigung, Teamgesundheit, Immunsystem, Ernährung und Schlaf. 2025 lag der Schwerpunkt zudem auf Untersuchungen und Screenings zur Früherkennung gesundheitlicher Risiken, ergänzt durch Bewegungs-, Informations- und Ernährungsangebote. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Insgesamt wurden vergangenes Jahr 137 Maßnahmen mit insgesamt 2.168 Teilnehmenden durchgeführt.
Fast alle Maßnahmen waren ausgebucht, oftmals mussten Zusatztermine organisiert werden. "Das war eine deutliche Steigerung gegenüber 2024", so Wiskandt. Und auch das Ergebnis gibt ihr Recht. In mehreren Fällen hätten Verdachtsdiagnosen zu weiterführenden medizinischen Abklärungen geführt. Bislang hätten aber alle glücklicherweise durch frühzeitiges Erkennen einen guten Ausgang gefunden.
Immobilienunternehmen: BGM in der Praxis
Dass dieser ganzheitliche BGM-Ansatz der Gewoba kein Luxus ist, zeigt der Arbeitsalltag in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft: Heben, Tragen und Montieren gehören für Mitarbeitende im technischen Service, in der Instandhaltung oder bei Modernisierungen zum Tagesgeschäft und bedeuten hohe körperliche Belastungen. Gleichzeitig steigen auch in Verwaltung, Bestandsmanagement und Kundenservice die Anforderungen.
Arbeitsverdichtung, komplexe rechtliche Rahmenbedingungen und eine zunehmend konfliktreiche Mieterkommunikation führen vermehrt zu psychischen Belastungen. Hinzu kommen neue Faktoren wie mobile Arbeit, digitale Dauererreichbarkeit und hybride Arbeitsmodelle. Der demografische Wandel verschärft diese Entwicklung zusätzlich: Viele Wohnungsunternehmen etwa verfügen über eine alternde Belegschaft, während qualifizierter Nachwuchs immer schwerer zu gewinnen ist. Die Folgen sind steigende Krankenstände, längere Ausfallzeiten und ein wachsender Druck auf Führungskräfte und Personalverantwortliche.
Aroundtown: Vom Fitnessstudio bis zur Wellbeing-Plattform
BGM hat bei vielen Immobilienunternehmen schon eine große Bedeutung. Zu Recht, denn optimal eingesetzt, bringt es operativ und strategisch zahlreiche Vorteile mit sich. Unabhängig davon, ob es digital oder analog umgesetzt wird. Die Angebote sind in der Praxis oft sehr unterschiedlich, werden aber alle konsequent gelebt.
Bei der Aroundtown ist betriebliches Gesundheitsmanagement fest in der HR verankert und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Gesundheit wird ganzheitlich und standortübergreifend gedacht. Kostenfreie Impfungen, ein hauseigenes Fitnessstudio am Berliner Hauptsitz sowie eine Corporate-Wellbeing-Plattform für alle weiteren Standorte machen Gesundheitsangebote niedrigschwellig zugänglich.
Darüber hinaus unterstützt Aroundtown die Teilnahme an Firmenläufen, Mitarbeitende werden hierfür von der Arbeit freigestellt. Ein Schwerpunkt liegt zudem auf mentaler Gesundheit und Work-Life-Balance. Führungskräfte sind ausdrücklich dazu angehalten, die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeitenden aktiv zu berücksichtigen.
BGM-Modelle von Vonovia, Nassauischer Heimstätte und SAGA
Bei Vonovia wird BGM konsequent inklusiv gedacht. Alle Mitarbeitenden – im Handwerk, Außendienst oder in der Verwaltung – profitieren von jährlichen Vorsorgeuntersuchungen, ergonomischen Arbeitsplätzen sowie umfangreichen Fitness-, Online- und Achtsamkeitsangeboten. Besonderheit ist der Blick über den Arbeitsplatz hinaus: Familienservice, Employee Assistance Program, Gesundheitskommunikation und gesunde Kantinenangebote begleiten Mitarbeitende durch alle Lebensphasen.
Die Nassauische Heimstätte/Wohnstadt verankert Gesundheit seit 2011 verbindlich in einer Gesamtbetriebsvereinbarung. Das BGM ist ganzheitlich organisiert, wird über feste Gremien gesteuert und reicht von Bewegungs- und Entspannungspausen über Gesundheitskurse bis zu regelmäßigen Gesundheitstagen. Gesundheitsbeauftragte Ricarda Schwingen bringt den Anspruch auf den Punkt: "Prävention soll sich nahtlos in den Arbeitsalltag integrieren lassen – getragen von Geschäftsführung und Betriebspartnern."
Die Saga geht noch einen Schritt weiter in Richtung Absicherung. Eine betriebliche Krankenzusatzversicherung, eine Unfallversicherung auch für private Risiken, Jobrad-Leasing sowie ein breites internes Weiterbildungsangebot zu Resilienz, Ergonomie, Ernährung, Pflege und Konfliktmanagement verbinden Prävention, soziale Verantwortung und persönliche Entwicklung.
Was westliches BGM von Japan lernen kann
Japan hat mit Karoshi sogar einen eigenen Begriff für Tod durch Überarbeitung, ein extremes Sinnbild für chronische Erschöpfung, Stress und gesundheitliche Überlastung. Gleichzeitig leben nirgendwo auf der Welt Menschen so lange wie auf der japanischen Insel Okinawa: Mehr als 900 der rund 1,3 Millionen Einwohner sind 100 Jahre und älter. Dieser scheinbare Widerspruch offenbart einen blinden Fleck in westlichen BGM-Debatten: Entscheidend ist nicht die Menge einzelner Maßnahmen, sondern die kulturelle Logik, in der Arbeit, Gesundheit und Sinn zusammenkommen.
Auf Okinawa prägen maßvolle Ernährung (hara hachi bu), starker sozialer Zusammenhalt, Wertschätzung älterer Menschen und ein klares Lebensziel (Ikigai) den Alltag. Übertragen auf Unternehmen heißt das: Nachhaltige Gesundheitswirkung entsteht dort, wo Führung Sinn vermittelt, soziale Bindung stärkt und kontinuierliche Verbesserung als Alltagshaltung lebt, nicht als Projekt. Genau dieser kulturelle Hebel wird im betrieblichen Gesundheitsmanagement bislang oft unterschätzt.
In Schweden gehört das Glück nicht nur zur Privatsache, sondern ist Teil der Arbeitskultur. Ein unterschätzter Erfolgsfaktor ist die Fika, die feste Kaffeepause im Arbeitsalltag. Sie steht nicht für Koffein, sondern für bewusste Unterbrechung, soziale Begegnung und Abstand vom Leistungsdruck. Regelmäßige Pausen sind selbstverständlich, stärken den Zusammenhalt und wirken präventiv gegen Stress.
Gesundheitskultur als ESG-Faktor in der Immobilienwirtschaft
Nicht immer sind es zusätzliche Angebote, die den Unterschied machen, sondern gemeinsam akzeptierte Routinen, die Erholung, Austausch und Wertschätzung systematisch im Arbeitsalltag verankern.
Die Immobilienwirtschaft ist mehr als ein Wirtschaftszweig. Sie ist eine Schlüsselbranche und trägt Verantwortung für soziale Stabilität und Lebensqualität. Wer täglich Gebäude für Millionen Menschen baut, instand hält und verwaltet, prägt eine Gesellschaft. ESG glaubwürdig umzusetzen heißt deshalb, diese Verantwortung auch im eigenen Unternehmen ernst zu nehmen. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist daher keine nice-to-have Zusatzleistung, sondern gelebte soziale Nachhaltigkeit.
Dieser Beitrag erschien der Ausgabe 03/26 der "Immobilienwirtschaft".
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