Immersives Lernen

Immersives Lernen im Arbeitsschutz: Interview mit Berna Top

Immersives Lernen gewinnt in der betrieblichen Weiterbildung zunehmend an Bedeutung. Gerade im Arbeitsschutz bieten virtuelle Lernumgebungen neue Möglichkeiten, Mitarbeitende praxisnah und sicher auf kritische Situationen vorzubereiten, ohne sie einer realen Gefahr auszusetzen. Im Interview mit Berna Top, Geschäftsführerin von TOUGH Training, einer Tochter von HOCHTIEF, sprechen wir über Potenziale, Herausforderungen und Einsatzmöglichkeiten dieser Lernform.

Top, Berna

Grundlagen und Methodik des immersiven Lernens

Haufe Redaktion: Frau Top, immersives Lernen wird häufig als Zukunft des betrieblichen Lernens bezeichnet. Was genau versteht man unter immersivem Lernen und was unterscheidet es von klassischen Lernmethoden?

Berna Top: Immersives Lernen versetzt Lernende in eine realitätsnahe Umgebung, in der sie sich mit einer konkreten Arbeitssituation auseinandersetzen. Der Unterschied zu vielen klassischen Lernmethoden liegt weniger im Medium als in der Art, wie Inhalte vermittelt werden: Regeln und Abläufe werden nicht isoliert dargestellt, sondern in einen nachvollziehbaren Handlungskontext eingebettet.

Immersives Lernen ist dabei nicht automatisch mit Virtual Reality gleichzusetzen. Auch eine browserbasierte 3D-Simulation auf einem Laptop oder Tablet kann ein immersives Lernerlebnis schaffen. Entscheidend ist nicht die Hardware, sondern ob die Umgebung fachlich plausibel ist, zum Lernziel passt und die Teilnehmenden sinnvoll einbindet.

Immersives Lernen im Arbeitsschutz – Anforderungen, Mehrwert und Praxiserfahrungen

Haufe Redaktion: Welche besonderen Anforderungen stellt der Arbeitsschutz an Lern- und Schulungskonzepte, und warum eignen sich immersive Technologien aus Ihrer Sicht besonders für diesen Bereich?

Berna Top: Im Arbeitsschutz müssen Lerninhalte verständlich, tätigkeitsbezogen und auf die tatsächlichen Gefährdungen am Arbeitsplatz abgestimmt sein. Es genügt nicht, eine Vorschrift zu präsentieren. Die Beschäftigten müssen auch verstehen, warum eine bestimmte Schutzmaßnahme notwendig ist und wie unterschiedliche Einflüsse zusammenwirken.

Gerade in sicherheitskritischen Arbeitsumgebungen entsteht eine Gefahr häufig nicht durch einen isolierten Fehler. Maschinenbewegungen, Sichtverhältnisse, Arbeitsorganisation, Verkehrswege und das Verhalten verschiedener Beteiligter, das alles kann sich gegenseitig beeinflussen.

Immersive Lernformate können diese Zusammenhänge sichtbar machen. Dadurch lassen sich abstrakte Regelungen mit konkreten Situationen verbinden. Beschäftigte erkennen beispielsweise, warum eine scheinbar unproblematische Handlung unter veränderten Rahmenbedingungen kritisch werden kann.

Haufe Redaktion: Welche Rolle spielt das Erleben von Gefahrensituationen für den Lernerfolg?

Berna Top: Eine sehr große. Wenn ich eine Regel nur höre, kenne ich zunächst ihren Wortlaut. Wenn ich dagegen selbst eine Entscheidung treffe und anschließend erkenne, welche Gefahr ich übersehen habe, wird die Bedeutung der Regel wesentlich greifbarer.

In einer Simulation können Fehlentscheidungen sichtbar gemacht werden, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Die Teilnehmenden erhalten Rückmeldung, können eine andere Vorgehensweise ausprobieren und die Situation erneut durchlaufen. So wird aus einer abstrakten Vorgabe eine persönliche Erfahrung.

Wichtig ist allerdings auch die Auswertung. Das Training sollte nicht nur zeigen, dass eine Entscheidung falsch war, sondern verständlich machen, warum sie zunächst plausibel erschien und welche Informationen für eine bessere Entscheidung gefehlt haben.

Haufe Redaktion: Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit immersiven Lernformaten gemacht? Welche Einsatzszenarien oder Inhalte eignen sich besonders gut, und wo sehen Sie den größten Mehrwert?

Berna Top: Unsere Erfahrung zeigt, dass realitätsnahe Szenarien den Wissenstransfer deutlich stärker fördern, da sie unmittelbar fachliche Diskussionen und die Reflexion des eigenen Handelns anstoßen. Die Teilnehmenden diskutieren nicht mehr allgemein über eine Vorschrift, sondern über eine Situation, die sie aus ihrem eigenen Arbeitsumfeld kennen. Erfahrene Beschäftigte bringen dabei oft zusätzliche Praxisbeispiele ein, während neue Mitarbeitende einen verständlichen Zugang zu komplexen Abläufen erhalten.

Besonders geeignet sind Situationen, die in der Realität gefährlich, selten, teuer oder organisatorisch nur schwer trainierbar sind. Dazu zählen beispielsweise Arbeiten im Gleisbereich, die Absicherung von Straßenbaustellen sowie Notfall- und Baustelleneinweisungen. Auch das Erkennen von Fehlern in bereits aufgebauten Sicherungen lässt sich sehr gut trainieren. Grundsätzlich sind den Einsatzmöglichkeiten aber kaum Grenzen gesetzt, nahezu jedes sicherheitsrelevante Szenario kann realitätsnah abgebildet und trainiert werden.

Der größte Mehrwert entsteht aus meiner Sicht dort, wo nicht nur Fakten abgefragt werden, sondern mehrere Informationen gleichzeitig bewertet werden müssen. Das betrifft insbesondere die Gefahrenwahrnehmung, die Priorisierung von Maßnahmen und das Entscheiden unter dynamischen Bedingungen.

Ein weiterer Vorteil liegt in der Standardisierung. Unternehmen mit mehreren Standorten oder internationalen Teams können dieselben Kernaussagen konsistent vermitteln und die Szenarien dennoch an unterschiedliche Sprachen oder Einsatzbereiche anpassen. Wir stellen unsere browserbasierten Trainings derzeit in mehr als 20 Sprachen einschließlich Sprachausgabe bereit.

Zugänglichkeit für KMU sowie Herausforderungen und Grenzen der Methode

Haufe Redaktion: Ist immersives Lernen auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) realistisch oder richtet sich das Angebot hauptsächlich an Großunternehmen?

Berna Top: Immersives Lernen ist nicht nur für große Unternehmen relevant. Gerade kleine und mittlere Betriebe verfügen oft über begrenzte Schulungsressourcen, wenige interne Trainerinnen und Trainer oder Teams an unterschiedlichen Einsatzorten. Browserbasierte Trainings können hier organisatorisch entlasten, weil sie ohne eigene Schulungsräume, Reiseaufwand oder spezielle VR-Ausstattung genutzt werden können.

Wichtig ist, den Umfang am tatsächlichen Bedarf auszurichten. Ein KMU muss nicht unmittelbar eine vollständig individuelle virtuelle Lernumgebung entwickeln lassen. Für wiederkehrende Themen bieten wir auch standardisierte Trainingsmodule an, wie beispielsweise zu allgemeinen Sicherheitsgrundlagen auf Baustellen, zum sicheren Verhalten im Gleisbereich, oder RSA 21.

Solche Module können einen idealen Einstieg ermöglichen, insbesondere wenn zunächst einzelne Themen oder ausgewählte Tätigkeitsgruppen geschult werden sollen. Individuelle Szenarien sind vor allem dann sinnvoll, wenn ein Unternehmen einen speziellen, häufig wiederkehrenden oder besonders kritischen Arbeitsprozess abbilden möchte. So lässt sich zwischen standardisierten Inhalten und unternehmensspezifischen Anforderungen unterscheiden, ohne von Beginn an eine umfassende Sonderlösung entwickeln zu müssen.

Haufe Redaktion: Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Einführung immersiver Lernmethoden in Unternehmen, und in welchen Anwendungsbereichen im Arbeitsschutz entfalten sie aus Ihrer Sicht das größte Potenzial bzw. wo stoßen sie derzeit an ihre Grenzen?

Berna Top: Die Einführung steht und fällt aus meiner Sicht damit, ob das Training wirklich zum Arbeitsalltag passt. Nicht jede Gefährdung braucht eine Simulation, und nicht jede Simulation ist automatisch hilfreich. Unternehmen sollten deshalb nicht mit der Frage starten: „Welche Technologie wollen wir einsetzen?“, sondern: „Welche Situation bereitet unseren Mitarbeitenden heute tatsächlich Schwierigkeiten?“. Denn sie haben grundsätzlich die Wahl, erst nach einem Unfall zu reagieren oder bereits im Vorfeld einen präventiven Ansatz zu verfolgen.

Besonders gut funktionieren immersive Formate dort, wo Beschäftigte mehrere Dinge gleichzeitig im Blick behalten müssen. Im Gleisbereich kann das zum Beispiel bedeuten, Maschinenbewegungen, Fahrwege, Sperrungen und das Verhalten bei einer Zugdurchfahrt zusammen zu bewerten. Im Straßenbau geht es häufig darum, eine Absicherung nicht nur regelkonform aufzubauen, sondern auch mögliche Fehler und ihre Auswirkungen frühzeitig zu erkennen.

In der Einführung erleben wir außerdem, dass die fachliche Glaubwürdigkeit entscheidend ist. Ein Training wird nur akzeptiert, wenn sich die Beschäftigten darin wiederfinden. Stimmen Abläufe, Rollen oder Details nicht, ist das Vertrauen schnell weg. Deshalb müssen Fachkräfte aus der Praxis früh eingebunden werden.

Die Grenzen sind ebenfalls klar: Eine Simulation ersetzt keine praktische Übung, wenn es um körperliche Abläufe, den Umgang mit Maschinen oder konkrete Handgriffe geht. Sie kann sehr gut vorbereiten, Zusammenhänge sichtbar machen und Entscheidungen trainieren. Das tatsächliche Tun vor Ort bleibt aber unverzichtbar. Den größten Nutzen sehen wir daher in der Kombination aus digitalem Training, praktischer Übung und gemeinsamer Reflexion. So lassen sich theoretisches Wissen, sicheres Handeln und praktische Erfahrung optimal miteinander verbinden.

Über TOUGH
Die TOUGH Training GmbH entwickelt digitale und immersive Sicherheitstrainings für die Bau- und Infrastrukturbranche. Reale Arbeits- und Gefahrensituationen werden in interaktive Szenarien übertragen, in denen Beschäftigte Risiken erkennen, Entscheidungen treffen und sicherheitsrelevante Abläufe wiederholen können. Die cloudbasierte Plattform ist am Desktop, im Browser, auf Tablets und in Virtual Reality nutzbar. TOUGH wurde 2021 gegründet und ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von HOCHTIEF. Mehr als 7.000 Beschäftigte wurden bereits mit den digitalen Trainings geschult.


Schlagworte zum Thema:  Arbeitsschutz , Unterweisung
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