„Nachhaltigkeitsverantwortliche sind Überzeugungstäter:innen“
Vom Boom zur Konsolidierung
Jahrelang lautete die Standardschlagzeile vieler Branchenberichte sinngemäß: Nachhaltigkeit gewinnt weiter an Bedeutung. Unternehmen bauten Stellen auf, schufen Abteilungen, professionalisierten das Reporting. Damit ist es vorerst vorbei. Der Sustainability People Report 2026 – eine Studie von sustainability people in Kooperation mit EY, Haufe Sustainability und DKB, basierend auf einer Befragung von mehr als 700 Nachhaltigkeitsverantwortlichen – zeigt ein anderes Bild: Stellen werden abgebaut, Budgets gekürzt, und der Personalzuwachs von 2025 ist in vielen Unternehmen bereits wieder rückläufig.
Mitten in dieser Konsolidierung zeichnet sich eine strukturelle Veränderung ab, die weit über Budgetfragen hinausgeht: die Rolle der Nachhaltigkeitsverantwortlichen selbst wandelt sich.
Der Allrounder als Normalfall
62 Prozent der befragten Nachhaltigkeitsmanagerinnen und -manager bezeichnen sich im aktuellen Report als Allrounder – drei Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr. Gleichzeitig gehen fast alle inhaltlichen Spezialisierungen zurück: Nachhaltigkeitsberichterstattung verliert 4,3 Prozentpunkte, Projektmanagement sogar 10,3 Prozentpunkte, Klimamanagement und CO₂-Bilanzierung 8 Prozentpunkte. Nur ESG-Risikomanagement und Compliance legen leicht zu.
Das Muster erklärt sich zum Teil durch die Unternehmensstruktur: In kleinen Unternehmen bis 500 Mitarbeitende – wo 73 Prozent der Befragten als Allrounder tätig sind – ist Nachhaltigkeit oft eine Solo-Funktion. Wer allein für das Thema verantwortlich ist, muss notgedrungen alles ein bisschen können. In größeren Unternehmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten liegt der Allrounder-Anteil immerhin noch bei 49 Prozent.
Hier werden sich beide Seiten ehrlich machen müssen: Wie viel Spezialisierung ist in der jeweiligen Position wirklich nötig – und ist dieser Spezialisierungsgrad als Generalist erreichbar und gewünscht?
Henrik Zaborowski berät Unternehmen bei der Besetzung von Positionen in HR, CSR und Leadership und beobachtet den Markt seit Jahren aus nächster Nähe. Ihn überrascht der Trend zum Allrounder nicht: „Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema mit sehr vielen Spezialgebieten und Querverstrebungen zu anderen Disziplinen, die gesehen, verstanden und idealerweise auch bespielt werden können. Daher verwundert es nicht, dass sich viele Nachhaltigkeitsmanager:innen als Allrounder sehen und verstehen.“ Gleichzeitig, so Zaborowski, werde das Thema immer komplexer, sodass irgendwann Spezialisierungen unausweichlich werden: „Hier werden sich beide Seiten ehrlich machen müssen: Wie viel Spezialisierung ist in der jeweiligen Position wirklich nötig – und ist dieser Spezialisierungsgrad als Generalist erreichbar und gewünscht?“
Was Stellenausschreibungen verraten – und was nicht
Auf den ersten Blick sendet der Arbeitsmarkt andere Signale als der Alltag in den Unternehmen. Laut Jobmonitor im Report ist Kreislaufwirtschaft derzeit die am häufigsten gesuchte Spezialisierung in Stellenanzeigen für Nachhaltigkeitspositionen. Gleichzeitig geht genau diese Rolle bei Festangestellten zurück. Der Report deutet das als mögliches Zeichen für einen wachsenden Reifegrad: Unternehmen verlagern die operative Steuerung in die Fachbereiche – und suchen extern gezielt praxiserfahrene Spezialistinnen und Spezialisten.
Nicht jede:r kann alles abdecken
Zaborowski begegnet diesem Befund mit einer gewissen Skepsis: „Die Aussage wundert mich ein wenig. Sollte sie so stimmen, vermute ich, dass vielen Nachhaltigkeitsmanager:innen die Kreislaufwirtschaft einfach noch zu unsicher ist, um dort wirklich ihre Karriere zu suchen. Gleichzeitig bringt das Thema eine Tiefe mit sich, die auch nicht jede und jeder abdecken kann und will.“ Sein Rat an Unternehmen: lieber in den eigenen Reihen nach passenden Grundqualifikationen suchen und bestehende Mitarbeitende gezielt weiterbilden, als ausschließlich auf externe Besetzung zu setzen.
Jobwechsel ja – aber nicht raus aus dem Thema
40 Prozent der Befragten planen laut Report, ihren Arbeitgeber innerhalb der nächsten zwei Jahre zu wechseln – ein Rückgang von neun Prozentpunkten gegenüber 2024. Wer wechseln will, will das Berufsfeld aber nicht verlassen: 81 Prozent der Wechselwilligen suchen eine andere Stelle im Nachhaltigkeitsbereich, nicht in einem anderen Fachgebiet. Das ist eine bemerkenswert hohe Identifikation mit dem Thema, gerade angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen.
Oft fehlt auch die Wertschätzung vom Management.
Für Zaborowski ist das weniger ein Zeichen von Loyalität als von Frustration: „Nachhaltigkeitsmanagerinnen und -manager sind in der Regel Überzeugungstäter:innen. Wenn so viele wechselwillig sind, hat das vermutlich weniger damit zu tun, dass sie unbedingt wechseln wollen, sondern mehr damit, dass viele Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsbudgets und -bemühungen runterfahren und die Nachhaltigkeitsmanager:innen nicht mehr das bewegen können, was sie eigentlich wollen. Oft fehlt auch die Wertschätzung vom Management.“
Der Report bestätigt dieses Bild: Als häufigster Wechselgrund nennen 70 Prozent der Wechselwilligen emotionale Distanz und Enttäuschung über fehlende Fortschritte bei Nachhaltigkeitsthemen im eigenen Unternehmen. Auf Platz zwei folgt mit 62 Prozent ein neuer Wert: mangelnde Aufstiegs- und Weiterentwicklungschancen – ein Sprung von fast zwölf Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Das Gehalt landet erst auf Platz sechs.
Was das für Unternehmen und Karrieren bedeutet
Für Unternehmen, die Nachhaltigkeitskompetenz halten oder aufbauen wollen, legen die Daten einige Schlüsse nahe. Wer als Allrounder einstellt, sollte auch als Allrounder führen: mit klarem Mandat, realistischen Erwartungen und ausreichend Budget. Wer Spezialkompetenz etwa in der Kreislaufwirtschaft sucht, findet sie möglicherweise eher durch gezielte Weiterbildung im Bestand als durch externe Suche. Und die häufigste Ursache für Wechselgedanken ist nicht das Gehalt, sondern das Gefühl, nichts bewegen zu können.
Für Fachkräfte im Berufsfeld zeigt der Report eine Profession im Realismus-Modus. Der missionarische Impuls, der viele ins Feld gezogen hat, bleibt – aber er reicht allein nicht mehr als Haltekraft. Flexible Arbeitszeiten (82 Prozent), hohe Gestaltungsfreiheit (81 Prozent) und inhaltliche Komplexität (80 Prozent) sind laut Report die drei stärksten Faktoren, die zufriedene Fachkräfte im Unternehmen halten. Wertschätzung durch das Management und Transparenz bei Unternehmensentscheidungen haben dagegen deutlich an Bedeutung verloren.
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