Straubs Seitenblick

Ukrainische Geflüchtete – Erfolgreiche Integration bei hohen Sozialtransfers


Straubs Seitenblick zur Integration ukrainischer Geflüchteter

Was bewegt die HR-Community? Reiner Straub, Herausgeber des Personalmagazins, widmet sich in seiner Serie aktuellen Personalthemen. In dieser Folge beleuchtet er die Integration ukrainischer Geflüchteter in den deutschen Arbeitsmarkt – vier Jahre nach Beginn des Krieges.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine am 24. Februar 2022 sind 6,7 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer geflüchtet, etwa eine Million fand Schutz in Deutschland. Von Anfang an engagierten sich viele HR-Fachleute, Verbände und Unternehmen für die Integration der Geflüchteten. Die Ampel-Regierung startete vor 26 Monaten den "Job-Turbo", um den Zugang zum Arbeitsmarkt zu beschleunigen. Die Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP) unterstützte diese Initiative aktiv: "DGFP-Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach agiert als Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. Er nimmt unter anderem auch eine wichtige Mittlerfunktion zu den Arbeitgebern ein. Dabei unterstützt ihn die DGFP mit ihrem Netzwerk", hieß es damals in einer Pressemitteilung.

Arbeitsmarktintegration: überraschend erfolgreich

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das Forschungsinstitut der Agentur für Arbeit, zog diese Woche mit dem Bericht "Deutliche Fortschritte bei der Arbeitsmarktintegration ukrainischer Geflüchteter" Bilanz. Sie unterscheiden zwischen Geflüchteten, die in den ersten sechs Monaten nach Kriegsbeginn ins Land kamen, und Geflüchteten, die ab Juni 2022 kamen, als die Jobcenter entsprechende Strukturen geschaffen haben, um die Flüchtlinge besser unterstützen zu können. Von den Geflüchteten aus den ersten sechs Monaten sind heute 50 Prozent erwerbstätig, bei der Gesamtbevölkerung liegt die Erwerbstätigenquote bei 68 Prozent. Überraschend positive Ergebnisse für alle, die nach Juni 2022 ins Land kamen, als die Jobcenter ihre Strukturen aufgebaut hatten: 75 Prozent der Männer und 63 Prozent der Frauen sind beschäftigt. Der geschlechtsspezifische Unterschied liegt vor allem an der Betreuung minderjähriger Kinder durch die Frauen.

Vergleicht man diese Zahlen mit früheren Migrationsbewegungen – etwa während der Jugoslawienkriege –, zeigt sich ein deutlich schnellerer Erfolg. Sprachbarrieren, fehlende Anerkennung von Berufsqualifikationen und Netzwerke erschweren den Arbeitsmarktzugang traditionell. Dennoch wurde das Beschäftigungsniveau bei den ukrainischen Geflüchteten rund zweieinhalb Jahre früher erreicht als in vergleichbaren Fällen.

Jobs im Niedriglohnsektor

Wie in anderen EU-Ländern arbeiten viele Ukrainerinnen und Ukrainer in Jobs nahe dem Niedriglohnsektor. Frauen sind vor allem in der Dienstleistung tätig – etwa im Gastgewerbe, in der Reinigung oder im Pflegebereich. Männer finden Beschäftigung im Bau, in der Logistik oder im Verkehr. Diese Tätigkeiten sind gesellschaftlich wertvoll: "Ein großer Teil der Beschäftigung entfällt auf systemrelevante Tätigkeiten", betonen die Forscher. Dennoch bleibt das Verdienstniveau niedrig und steigt nur langsam über die Niedriglohnschwelle.

Hohe Sozialtransfers trotz Beschäftigung

Zur Realität gehört auch: Viele Geflüchtete beziehen weiterhin Transferleistungen. 37 Prozent der beschäftigten Männer und 42 Prozent der Frauen erhalten ergänzende Leistungen, insbesondere Familien mit Kindern. "Insgesamt verharrt der Leistungsbezug auf hohem Niveau", heißt es im Bericht.

Die Bundesregierung analysierte die finanziellen Belastungen durch den Ukrainekrieg im Bericht zum 31. Dezember 2025. Seit Kriegsbeginn wurden 55 Milliarden Euro für militärische Unterstützung und 39 Milliarden Euro für zivile Hilfe und Geflüchtete aufgewendet. Davon flossen 24 Milliarden Euro aus dem Etat des Bundesarbeitsministeriums in soziale Transferleistungen. Diese Investitionen in Integration sind humanitäre Hilfe und zahlen sich am Arbeitsmarkt erst langfristig aus. Die Integration von jungen Familien wird sich positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken, da die Zahl der Erwerbstätigen durch den demografischen Wandel zurückgehen wird.

Kontroverse öffentliche Wahrnehmung

Wie kontrovers das Thema ist, zeigt die mediale Berichterstattung. Der Spiegel titelte: "Viele Ukrainer finden einen Job in Deutschland", während "Die Welt" schrieb: "So viele Ukrainerinnen hängen hierzulande im Sozialbezug fest". Beide Aspekte finden sich im IAB-Bericht wieder.

Gefahr für die schnelle Integration

Die neue Bundesregierung verschärft seit Monaten die Migrationspolitik, was auch ukrainische Kriegsflüchtlinge betrifft. Seit dem 31. März 2025 erhalten neu Ankommende kein Bürgergeld mehr, sondern fallen unter das Asylbewerberleistungsgesetz. Ziel ist es, den Druck zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen – ähnlich wie in anderen EU-Ländern wie etwa Tschechien. Die IAB-Forscher warnen jedoch, dass diese Maßnahmen, zusammen mit Einschränkungen bei Sprachkursen, die Integration in den Arbeitsmarkt erschweren könnten.


Über den Autor:  Reiner Straub ist Herausgeber des Personalmagazins und schreibt über die Themen Management, Human Resources, Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarkt und Bildung. Er führt Gespräche mit Meinungsbildnern aus der Unternehmenspraxis, der HR-Szene und der Wissenschaft und beobachtet die Marktentwicklung.

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