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25.08.2014 | Serie Kolumne Talent Management

Vigilanz wird im Talent Management wieder modern

Serienelemente
Talent-Management-Experte Martin Claßen
Bild: Claßen

Talent Management, Employer Branding, Resilienz: das sind Hype-Begriffe, die Personaler heute umtreiben - aber Vigilanz? Das sagt eher Betriebsräten der 70er-Jahre noch etwas. Unser Kolumnist Martin Claßen zeigt, warum diese Begriff heute wieder modern werden könnte.

Jeder Begriff hat seine Zeit. Dieser hat den Zenit längst überschritten: Vigilanz, also Wachheit und damit ein Zustand andauernder Aufmerksamkeit. In Zeiten starker Gewerkschaften und emsiger Betriebsräte, also in den siebziger und achtziger Jahren und damit lange vor dem Talent-Management-Hype, hatte Vigilanz große Konjunktur. Die arbeitswissenschaftliche Diskussion drehte sich um die Frage, wie belastend daueraufmerksame Arbeitsplätze seien und welche speziellen Vergütungsformen anzuwenden wären. Daueraufmerksame Arbeitsplätze gab es schon damals zuhauf, vor allem bei sicherheitsrelevanten Überwachungstätigkeiten, etwa im Flughafen, im Kraftwerk, im Weltall.

Vergessene Kernkompetenz

Heute erwähnen selbst 1.300 Seiten dicke Personalmanagement-Lehrbücher wie das druckfrische Opus von Professor Christian Scholz diesen Begriff nicht mehr. Vigilanz scheint ausgestorben. Dabei ist im Talent-Management-Zeitalter der Zustand andauernder Aufmerksamkeit gefragter denn je. Denn moderne Talente müssen hellwach sein, rund um die Uhr, und dies nicht nur beim beständigen Blick auf ihr Smartphone – auf dem eigentlich immer eine wichtige Info hochpoppen könnte und das deshalb eine daueraufmerksame Überwachungstätigkeit verlangt.

Vigilanz wird in Meetings wieder modern

Für Physiologen ist Vigilanz die Erregungshöhe des zentralen Nervensystems und zeigt sich in intensiver Hirnaktivität. Sie unterscheiden zudem Zustände geringer Vigilanz und zwar in absteigender Wachheit: Somnolenz (Schläfrigkeit), Sopor (Tiefschlaf) und Koma (Unweckbarkeit). Solche Erregungslöcher sind mittels Talent Management unbedingt zu vermeiden.

Dabei hilft der Vigilanztest, bei dem die Daueraufmerksamkeitsleistung eines Talents ermittelt wird. Er misst die Fähigkeit, selbst in langweiligen Situationen auf plötzliche Reize hellwach zu reagieren. Dies gehört zu den wichtigsten Kernkompetenzen eines Talents im Business. Im Meeting, bei der Videokonferenz und künftig während der Vorstandssitzung gibt es immer wieder Momente, an denen man aus einem Zustand schläfrigen Dahindümpelns – mit allerlei Pillepalle zur Ablenkung – in den scharfsinnigen, gewitzten, hellen Modus schalten muss, in Millisekunden. Ein Talent muss sich im entscheidenden Augenblick fokussieren können. Seit Boris Becker bezeichnet man dies als "mental gut drauf für die big points".

Vigilanztest als Eignungsdiagnostik

Daher können Vigilanztests die Eignungsdiagnostik für Talente im Sinne der Methodenvielfalt sinnvoll ergänzen, am besten mittels Elektroenzephalografie (EEG). Im Zustand wacher Aufmerksamkeit ("alert attentiveness") zeigt sich im EEG bei geschlossenen Augen in einem Zeitraum von acht bis zwölf Sekunden eine Spannungshöhe von 30 bis 200 Mikrovolt. Nicht wenige vermeintliche Talente werden bereits daran scheitern, die Augen für etwa zehn Sekunden geschlossen zu halten – ohne auf ihr Smartphone zu blinzeln. So scheidet sich im Talent Management die Spreu vom Weizen.

Martin Claßen hat 2010 das Beratungsunternehmen People Consulting gegründet. Talent Management gehört zu einem seiner fünf Fokusbereiche in der HR-Beratung.

Haufe Online Redaktion

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