22.12.2014 | Serie Kolumne Talent Management

Der Dresscode für Talente

Serienelemente
Talent-Management-Experte Martin Claßen
Bild: Claßen

Die Knigge-Regeln sind, was die Bürokleidung angeht, heute meist nicht mehr gar so streng anzuwenden – ganz im Gegenteil: Ein ausgefallener Stil wird gerne für das Ego–Marketing eingesetzt. Warum die Krawatte zumindest bei unserem Kolumnisten Martin Claßen trotzdem wieder "in" ist.

Inzwischen trage ich wieder klassische Krawatte. Dies ist mein ganz bewusstes Statement.

Zugegeben, die Erklärung klingt etwas kompliziert. Einst war das Dresscode-Einmaleins, zitiert aus knigge.de, eindeutig. Hierarchischer Aufstieg von Talenten war mit deren Verschwarzung verbunden. „Je höher die Position, desto dunkler die Farben. Der Business-Look für den Herrn bestand aus Anzug mit richtiger Beinlänge und aus hochwertiger Schurwolle plus einer zum weißen Hemd farblich stimmigen Krawatte. Die Dame trug Kostüm oder Hosenanzug mit Bluse. Bei hohen Temperaturen hatte sich das klassische Etuikleid bewährt“. Als Tabu galten beim Herrn solche Gimmicks wie bunte Strümpfe im Comicstil oder zu viel Schmuck, also mehr als ein Ring und eine Uhr. Damen machten sich mit knappen Miniröcken, tiefem Dekolleté und buntem Makeup unmöglich; auch sichtbare Achsel- und Beinbehaarung galt als No-Go.

Neuer Talent-Look

Doch spätestens mit den Herren Steve Job, im Rollkragenpulli, und Marc Zuckerberg, mit Kapuzenshirt, gelten neue Sitten. Wer als selbstbewusstes Talent viel von sich hält, setzt auf sein absichtlich nonkonformistisches Outfit. Dieser Abschied von der Stromlinie wird durch eine Studie der Harvard Business School bestätigt. Die Logik wahrer Talente kommt aus der von jahrhundertalten Generationenkonflikten bekannten Antihaltung. Wer Courage zur Auflehnung gegen den altbackenen Mainstream aufbringt, der hat etwas, vermutlich großen Erfolg, wie Steve und Marc. Heute ist Abweichung der neue Trend. Längst sind Barthaare wieder in, vermutlich gelten bei Talenten bald schon sichtbare Achsel- und Beinbehaarung als „dernier cri“.

Nun sind Harvard-Studien bekanntlich niemals ganz einfach gestrickt – keine Erkenntnis ohne Bedingungen. Die Hauptsache-Unkonventionell-These hat zwei Voraussetzungen: Die Empfänger der „ohne-Krawatte“-Message müssen die eigentliche Kniggenorm kennen und daraus ein Gespür für das Spiel mit der Abweichung entwickeln. Die Sender der Botschaft, also die lässigen Talente ohne Krawatte, müssen ihrem „ich-bin-anders“-Statement eine hohe Bedeutung zumessen, als Ausdruck ihrer talentierten Einmaligkeit.

Zurück zur Einmaligkeit

Mittlerweile ist – nicht nur am „Casual Friday“ – die Krawatte vielerorts verpönt. Jetzt verstehen Sie vermutlich, warum ich nach meiner krawattenlosen Zwischenphase zum Binder zurückgekehrt bin. Die wirklich wahren Talente können es sich erlauben, ihre Einzigartigkeit mit Nonformismus auszudrücken. Der Schlips ist quasi als doppelte Verneinung ein Ja zur Krawatte.

Wenn Sie mich allerdings demnächst mit roten Sneakern bei einer Vorstandssitzung antreffen, liegen Sie mit Ihrer Vermutung richtig, dies sei so etwas wie meine „ohne-Krawatte“-Talent-Message 2.0. Oder ich versuche es mit der sichtbaren Achsel- und Beinbehaarung. Damit werde ich garantiert einmalig.

Martin Claßen hat 2010 das Beratungsunternehmen People Consulting gegründet. Talent Management gehört zu einem seiner fünf Fokusbereiche in der HR-Beratung.

Schlagworte zum Thema:  Talent Management, Personalentwicklung, Recruiting, Mitarbeiterbindung

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