Frauen und Männer noch lange nicht gleichauf: Der Weg zur Gleichstellung gleicht einem Marathonlauf. Bild: pixabay

Am 30. Juni läuft für rund 3.500 Unternehmen in Deutschland eine wichtige Frist ab. Bis dahin müssen sie ihre selbst gesetzten Ziele zur Erhöhung des Frauenanteils umgesetzt haben. Die Bilanz ist bescheiden. Auch der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung sorgt für Ernüchterung.

Es gilt als einer der großen Erfolge der SPD in der großen Koalition: 2015 hatte die damalige Familienministerin Manuela Schwesig das Gesetz „für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im Öffentlichen Dienst“ (kurz: „Frauenquote“) durchgesetzt. Von einem Kulturwandel war die Rede. Jetzt wird eine Zwischenbilanz gezogen. Die fällt eher ernüchternd aus.

Das Gesetz zur Frauenquote: Eine Mischung aus Zwang und Freiwilligkeit

Die Regelung besteht aus zwei Säulen. Da ist zum einen eine feste Quote von 30 Prozent für das jeweils unterrepräsentierte Geschlecht für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in börsennotierten und voll mitbestimmungspflichtigen Unternehmen. Das sind in der Regel Unternehmen mit mehr als 2.000 Beschäftigten. Die zweite Säule besteht aus einer Zielgrößenverpflichtung. Demnach müssen sich rund 3.500 Unternehmen eigene Ziele zur Erhöhung des Frauenanteils setzen - und zwar für Aufsichtsräte, Vorstände und die beiden obersten Management-Ebenen.

Zahl der Frauen in Aufsichtsräten auf Rekordhoch

Nach den neuesten Zahlen der Organisation FidAR (Frauen in die Aufsichtsräte) ist der Anteil der Frauen bei Neubesetzungen in den Aufsichtsräten der aktuell 105 börsennotierten und voll mitbestimmten Großunternehmen auf 28,1 Prozent gestiegen und liegt damit nur noch wenig unter den gesetzlich geforderten 30 Prozent. Allerdings gibt es nach FidAR-Angaben große Unterschiede: von einem Anteil von 50 Prozent bis hinunter zu null Prozent.

Frauenanteil in Vorständen: Zielgröße „Null“ reicht nicht für einen Kulturwandel

Mit den Zielgrößen für die Vorstände und obersten Management-Ebenen klappt es allerdings nicht so recht: Zum 30. Juni müssen die betroffenen Unternehmen ihre Vorgaben für den Frauenanteil in den Führungsgremien umgesetzt haben. Die Ergebnisse sind bislang bescheiden: In den Vorständen von 185 ausgewählten Unternehmen liegt der Frauenanteil gerade mal bei 6,8 Prozent. 65,2 Prozent davon haben keine weiblichen Vorstände und setzen sich die Zielgröße „Null“ für die Vorstandsetage. „Es wachsen die Zweifel, ob die Festlegung von Zielgrößen alleine den notwendigen Kulturwandel in den Unternehmen einleiten kann“, heißt es in der FidAR-Studie, dem sogenannten Women-on-Board-Index. (Lesen Sie auch: "Vorstände bleiben Männerclubs" sowie unsere News zum DIW-Managerinnen-Barometer 2017).


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Etwas besser stehen die öffentlichen Unternehmen da: Die Quote im obersten Management liegt dort mit 17,3 Prozent mehr als doppelt so hoch als in den Dax-Konzernen. „Schaut man genauer hin, besteht aber weiterhin Handelsbedarf“, betont FidAR. Das gelte besonders für die Unternehmen, die nach dem Bundesgremienbesetzungsgesetz eine paritätische Zusammensetzung der Gremien anstreben müssten.

Forderungen nach weitergehenden gesetzlichen Regelungen

Die Forderung nach weiterem gesetzlichen Druck wird lauter. Katarina Barley (SPD), seit einigen Wochen Nachfolgerin von Manuela Schwesig im Familien- und Frauenministerium betont, der Gesetzgeber müsse erneut tätig werden, wenn es bei den Zielgrößen für Vorstände nicht sehr bald bessere Ergebnisse gebe. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert feste Quoten auch für Aufsichtsräte und Vorstände nicht börsennotierter Unternehmen. FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow sagt klar: „Wir brauchen ein neues Gesetz - zunächst die 30-Prozent-Quote für die Aufsichtsräte der 3.500 Unternehmen.“

Gleichstellung? Immer noch Fehlanzeige

Für Ernüchterung hatte auch der kürzlich veröffentlichte Gleichstellungsbericht der Bundesregierung gesorgt, der einmal pro Legislaturperiode vorgelegt wird. „Bei der Verteilung von Belastungen und Chancen zwischen den Geschlechtern geht es in unserer Gesellschaft immer noch ungerecht zu“, sagte Bundesfamilienministerin Barley anlässlich der Vorstellung des diesjährigen Berichts. „Frauen arbeiten oft mehr und bekommen dafür weniger.“

Gender Care Gap, Gender Pay Gap und Gender Pension Gap

So leisten Frauen für Kinder, Haushalt, Pflege und Ehrenamt täglich über 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer, heißt es in dem Sachverständigen-Gutachten, auf dem der Gleichstellungsbericht basiert. Demnach bringen Frauen pro Tag 87 Minuten mehr Zeit für diese unbezahlte Arbeit auf als Männer. Zur Schließung der als „Gender Care Gap“ bezeichneten Lücke fordern die Experten, auch Männern zu ermöglichen, mehr private Sorgearbeit zu leisten.

Barley bedauerte im ZDF-„Morgenmagazin“: „Frauen verdienen immer noch weniger als Männer, in den Berufen, die sie wählen.“ Diese Lohnlücke („Gender Pay Gap“) beim durchschnittlichen Bruttostundenverdienst beträgt in Deutschland 21 Prozent (23 Prozent im Westen inklusive Berlin, 8 Prozent im Osten). Zudem gibt es dem Bericht zufolge eine Rentenlücke („Gender Pension Gap“): 2015 erhielten Frauen in Deutschland um 53 Prozent geringere Ruhestandsbezüge als Männer.

Mindestlohn, Elterngeld und Pflegezeit setzen wichtige Impulse

Barley betonte aber auch, dass im Vergleich zum ersten Gleichstellungsbericht von 2011 „bereits wichtige Impulse gesetzt“ worden seien. So profitierten von der Einführung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns mehrheitlich Frauen in niedrig entlohnten Dienstleistungsbereichen und in geringfügiger Beschäftigung. „Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung, dem Elterngeld und dem Elterngeld Plus sowie mit der Verbesserung der Familienpflegezeit wurden neue Möglichkeiten zur partnerschaftlichen Arbeitsteilung und zur dauerhaften eigenständigen Existenzsicherung geschaffen.“

Jubiläum und Erfolgsmeldung fürs Elterngeld

Das Elterngeld war vor zehn Jahren, zum 1. Januar 2007, eingeführt worden. Seither kommen immer mehr Mütter früher in den Job zurück. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Während demnach im Jahr 2006 rund 27 Prozent der Mütter zwischen Geburt und erstem Geburtstag ihres Kindes in Elternzeit waren, verdoppelte sich der Anteil auf knapp 60 Prozent aller Mütter im Jahr 2014. Im zweiten Lebensjahr des Kindes - also zwischen erstem und zweitem Geburtstag - waren hingegen mehr Mütter berufstätig: Es arbeiteten rund 43 statt zuvor 35 Prozent. Auch im dritten Lebensjahr nahm der Anteil berufstätiger Mütter zu.

Das IW wies jedoch darauf hin, dass nicht abschließend geklärt werden kann, ob die staatliche Leistung für die Entwicklung verantwortlich ist. Dennoch lasse sich sagen, „dass Mütter heute deutlich früher wieder in den Arbeitsmarkt zurückkehren“.

Berufliche Auszeit und anschließende Rückkehr nach wie vor schwierig - für Arbeitnehmer und Arbeitgeber

Arbeitgeber und Gewerkschaften begrüßten die Zahlen gleichermaßen. Der Arbeitgeberverband BDA verwies jedoch darauf, dass es für Unternehmen schwieriger geworden sei, für Mütter geeignete Vertretungen zu finden, wenn sie nach der Geburt kürzer aussetzten. „Gerade für kleinere Firmen können sich so personelle Engpässe ergeben“, sagte ein Sprecher. Befristete Arbeitsverträge und Minijobs dürften zum Ausgleich dessen nicht „diffamiert werden“.


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Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) meinte hingegen, Mütter und Väter hätten weiterhin Schwierigkeiten, ihren Wünschen entsprechend in den Job zurückzukehren. Aus der Rechtsberatung der Gewerkschaften seien viele Fälle bekannt, in denen Arbeitgeber die Rückkehr von Müttern in Teil- oder später Vollzeit zu verzögern versuchten. „Flexibilität im Sinne der Beschäftigten“ werde vielerorts vermisst. Die Arbeitgeber seien dafür verantwortlich, flexible Lösungen zu schaffen - und etwa von einer „Präsenzkultur“ im Job abzurücken. (Wie Sie Austieg und Wiedereinstieg nach der Elternzeit richtig managen, lesen Sie in unserer Serie "Elternzeit").

Frauenförderung: Bemühungen der Unternehmen laufen häufig ins Leere

Unternehmen weltweit bemühen sich zwar verstärkt um die Förderung von Mitarbeiterinnen - aber einer aktuellen Studie zufolge mit mäßigem Erfolg. Die Beratungsfirma Boston Consulting Group befragte 17.500 Beschäftigte und 200 Topmanager zur Frauenförderung in ihrer Firma. Ergebnis: Fast alle Frauen kannten solche Initiativen in ihrem Betrieb - aber nur jede vierte sagte, sie persönlich habe etwas davon. Für mehr als die Hälfte der Befragten wären flexible Arbeitszeiten das Wichtigste.


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Die in vielen Unternehmen verbreiteten Mentoren-Programme für talentierte Frauen oder einzelne Seminare hätten oft nicht den erhofften Erfolg, heißt es in der Studie. Helfen würden dagegen mehr Unterstützung bei der Rückkehr aus dem Mutterschutz, bei einem Auslandseinsatz oder bei einer Beförderung. 45 Prozent der befragten Frauen sagten, Geschlechtervielfalt würde in ihrem Unternehmen zu wenig unterstützt.


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Das Engagement – gerade auch das freiwillige -  der Unternehmen in Sachen Frauenförderung ist also nach wie vor dringend notwendig. Es funktioniere nicht alles über Verordnungen, die Politik müsse aber die Rahmenbedingungen schaffen, so Katarina Barley im ZDF. Gleichzeitig verweist sie auch auf den langen Atem, den Unternehmen, Gesellschaft und insbesondere die Frauen selbst noch brauchen werden: „Gleichstellung ist ein Marathonlauf, das ist kein Sprint“.

 

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Schlagworte zum Thema:  Gleichstellung, Chancengleichheit, Frauenquote, Elterngeld, Vereinbarkeit von Familie und Beruf

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