Die agile Organisation ist die erfolgreichste Organisationsform bei der digitalen (Unternehmenskultur-)Transformation. Bild: Capgmini Consulting

Unternehmen mit einer ausgeprägten digitalen Kultur haben zufriedenere Mitarbeiter und größeren wirtschaftlichen Erfolg, so das Ergebnis der Change Management Studie 2017 von Capgemini Consulting. Doch was macht eigentlich eine digitale Unternehmenskultur aus?

Im Rahmen der Studie „Culture First!“ hat Capgemini Consulting qualitative Interviews mit 20 Wissenschaftlern und Vorreitern der digitalen Transformation aus Unternehmen wie beispielsweise Google, IBM und SAP geführt. Die Fragestellung lautete: Welche Merkmale kennzeichnen die Kultur von Unternehmen, die bei der digitalen Transformation bereits weit gekommen sind? Welche Denk- und Verhaltensweisen, welche Werte und Normen und welche Art von Führung prägt diese digitale Kultur? In Kooperation mit der Universität Innsbruck haben die Berater von Capgemini Consulting anschließend acht unterschiedliche Dimensionen digitaler Kultur herausgearbeitet.

Merkmale einer digitalen Unternehmenskultur

1. Kundenorientierung

Eine Kultur mit hoher Kundenorientierung zeichnet sich dadurch aus, dass der Kunde ins Zentrum von Denken und Handeln gestellt wird. Es herrscht ein enger Austausch sowie individuelle Interaktion und Kommunikation mit den Kunden. Lösungen werden gemeinsam entwickelt und kontinuierlich an die Bedürfnisse des Kunden angepasst. Der Dialog mit dem Kunden wird durch digitale Tools gefördert. Kundenbedürfnisse und Wünsche werden fortlaufend anhand von digitalen Daten und Tools analysiert

2. Entrepreneurship

Unternehmen mit einer hohen Ausprägung in der Dimension „Entrepreneurship“ zeichnen sich durch die Integration aktueller Marktimpulse und Trends in ihr bestehendes Geschäftsmodell aus. Mitarbeiter werden ermutigt und befähigt, Risiken einzugehen und eigene Ideen voranzutreiben. Sie spielen daher eine aktive Rolle bei der Mitgestaltung des Unternehmens. Wettbewerb wird als Motivation und Quelle für Anregung wahrgenommen. Das eigene Geschäftsmodell wird kontinuierlich analysiert und entsprechend sich verändernder Marktverhältnisse und neuer technologischer Trends angepasst. Auch wenn es Risiken birgt, wird danach gestrebt, eigenständig Veränderungen am Markt auszulösen

3. Autonome Arbeitsbedingungen

Unternehmen, die sich durch autonome Arbeitsbedingungen auszeichnen, gewähren ihren Mitarbeitern Freiräume zum eigenverantwortlichen Arbeiten. Genutzt werden flexible Arbeitsmodelle, die es den Mitarbeitern zum Beispiel über digitale Tools ermöglichen, selbst über Arbeitszeiten sowie den Arbeitsort zu entscheiden. Dabei werden die Selbstständigkeit, Eigeninitiative und Selbstführung der Mitarbeiter gefördert und durch die internen Unternehmensstrukturen unterstützt. Die Mitarbeiter erleben dadurch einen hohen Grad an Gestaltungs- und Entscheidungsspielraum.

4. Kollaboration

Organisationen und Unternehmen mit einer hohen Ausprägung in der Dimension „Kollaboration“ fördern den interdisziplinären und bereichsübergreifenden Austausch unter ihren Mitarbeitern, mit Kunden und Wettbewerbern sowie zu und mit anderen Unternehmen. Das Sammeln und vor allem auch das Teilen und Strukturieren von Wissen wird als essentiell angesehen. Die Mitarbeiter unterstützen sich gegenseitig, auch über Bereichs- und Hierarchiegrenzen hinweg. Sie nutzen Synergien und überwinden das Silo-Denken. Ein hoher Grad an Partizipation und gelebter Offenheit ist hier ebenso in den Unternehmenswerten verankert wie der allem zu Grunde liegende Teamgeist. Digitale Technologien, wie zum Beispiel digitale Plattformen, werden gezielt dazu eingesetzt, Kollaboration zu ermöglichen und zu fördern. (Einen Überblick hierzu gibt auch die Infografik "Social Collaboration in deutschen Unternehmen" von Campana & Schott.)

5. Digitale Technologien und digitalisierte Prozesse

Die Verwendung digitaler Technologien und digitalisierter Prozesse ist ein zentraler Faktor dieser Dimension. Digitale Tools und Plattformen werden hierbei für die Weiterentwicklung der internen und externen Prozesse genutzt. Entscheidungen werden datenbasiert getroffen. Es besteht Offenheit gegenüber neuen Technologien als Basis für zukunftsorientierte Geschäftsmodelle. Nutzerorientierte, effiziente Prozesse flankieren diese Haltung. Digitale Technologien werden im Unternehmen flächendeckend zur Planung, Durchführung und Analyse von Arbeitsprozessen und Ergebnissen eingesetzt.

6. Agilität

Agile Unternehmen setzen auf dynamisches Denken und Handeln. Sie zeichnen sich durch eine schnelle Anpassungsfähigkeit auf sich verändernde Umweltbedingungen und Kundenbedürfnisse aus. Diese Anpassungsfähigkeit wird unter anderem durch die hohe Ambiguitätstoleranz der Führungskräfte und Mitarbeiter sowie der Flexibilität des Unternehmens als Ganzes unterstützt. Neue Impulse werden schnell aufgenommen, bewertet und umgesetzt. Die agilen Prozesse und Strukturen werden dynamisch und bedarfsgerecht angepasst und unterstreichen die hohe Veränderungsbereitschaft des Unternehmens. (Lesen Sie auch: Die sechs Dimensionen der agilen Organisation und Agilität als Meta-Erfolgsfaktor der digitalen Transformation).

7. Digital Leadership

In dieser Dimension liegt ein starker Fokus auf der Entwicklung der Mitarbeiter. Die Führungskräfte vermitteln ihnen eine klare digitale Vision und Strategie. Außerdem haben die Führungskräfte eine ausgeprägte Mitarbeiterorientierung. Sie befähigen die Mitarbeiter und agieren als Coach, um ihnen in ihrer Entwicklung zu helfen. Die Führungskräfte bringen ihren Mitarbeitern ein hohes Maß an Vertrauen entgegen. Dadurch werden die Bindung an das Unternehmen sowie die Loyalität der Mitarbeiter zum Unternehmen gestärkt. Führungskräfte nutzen auch die Möglichkeiten von digitaler Führung. Sie arbeiten mit Teams unabhängig von Zeit und Ort zusammen. Mehr zum Thema "Digital Leadership" lesen Sie im Beitrag "Führen im Digitalzeitalter".

8. Innovation und Lernen

Unternehmen mit einer hohen Innovations- und Lernorientierung sehen die Weiterentwicklung des Unternehmens und ihrer Mitarbeiter als einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren an. Es wird ein kreativitätsförderndes Umfeld geschaffen, das Experimentierfreudigkeit und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen fördert. Um sich schnell an verändernde Gegebenheiten anpassen zu können, werden bisherige Gewohnheiten und Prozesse kritisch hinterfragt. Fehlschläge werden als Teil des Entwicklungsprozesses akzeptiert und Scheitern als wichtiger Lernprozess angesehen. So entsteht die Bereitschaft, Neues zu wagen.

Digitale Unternehmenskultur messen: Wo stehen Unternehmen bei der digitalen Transformation?

Auf Basis dieser Erkenntnisse hat Capgemini Consulting einen Online-Fragebogen entwickelt. Darin wurde jede einzelne der acht definierten Kulturdimensionen über durchschnittlich vier individuell zu bewertende Aussagen erfasst. Mit einer Auswahlskala von 1 (= Bestehendes ausschöpfen) bis 10 (= Digitalisierung vorantreiben) konnten die Teilnehmer ihre Einschätzung zu den Aussagen zum Ausdruck bringen. Daraus ermittelte Capgemini Consulting bei allen teilnehmenden Unternehmen „Digital Culture Scores“ zwischen 1 und 10 für jede der acht Kulturdimensionen sowie einen Digital-Culture-Gesamtscore.

Digitale Unternehmenskultur bringt wirtschaftlichen Erfolg und zufriedene Mitarbeiter

1.139 Teilnehmer haben im Rahmen der Studie den Online-Fragebogen beantwortet. Über alle Teilnehmer hinweg fand sich im Ergebnis eine signifikante positive Korrelation zwischen Digital-Culture-Gesamtscore und finanziellem Unternehmenserfolg (Korrelationskoeffizient r = .27) sowie zwischen Digital-Culture-Gesamtscore und Mitarbeiterzufriedenheit (r = .21).

Das Fazit der Studienautoren: "Je ausgeprägter die digitale Kultur der Unternehmen ist, desto erfolgreicher sind sie finanziell. Und je stärker die Unternehmenskultur die Bedingungen des Digitalzeitalters erfüllt, desto zufriedener sind die Mitarbeiter. Das hat natürlich wiederum einen positiven Rückkopplungseffekt auf den Unternehmenserfolg zur Folge. Insofern hängen die beiden Einzelresultate eng miteinander zusammen."

Agile Unternehmen: Erfolgreichste Organisationsform für die Digitalisierung

Ein Vergleich der Organisationsformen mit dem Digitalisierungserfolg (siehe Abbildung), zeigte sich in der Studie, dass Unternehmen mit einer agilen Organisation mit einigem Abstand die höchsten Digital Culture Scores aufweisen (5,99). "In Anbetracht der zur Digitalisierung passenden Charakteristika dieser Organisationsform ist das wenig verwunderlich", so die Studienautoren. "Wir sehen hier einen weiteren Anhaltspunkt dafür, dass der Dreiklang von Strategie, Organisation und Kultur die besten Ergebnisse hervorbringt."

Tipp: So messen Sie Ihren digitalen Reifegrad

Eine Kurzversion des von Capgemini Consulting entwickelten und für die Studie verwendeten „Digital Culture Assessments“ steht online zur Verfügung.  Einen Überblick über andere Assessments und Analysetools zur Bestimmung des digitalen Reifegrads von Unternehmen finden Sie im Beitrag „Sind Sie reif für die Industrie 4.0?“. Ihre persönliche "Digital Preparedness" können Führungskräfte mit dem Self-Assessment "Are you fit for the digital age?" messen, das im Rahmen des Projekts "LeadershipGarage" unter der Leitung von Professor Sabine Remdisch entwickelt wurde. 

 

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Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Transformation, Digital Leadership, Agilität, Change Management

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