Dena-Studie: "Weiter so" in der Klimapolitik ist keine Option

CO2-Neutralität bis 2045 wäre machbar, auch im Gebäudebestand – falls die Politik mitspielt. Nötig wären tiefgreifende Veränderungen mit hoher Geschwindigkeit, sagte Andreas Kuhlmann, Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena) bei Vorstellung der neuen Klimastudie: Die zeigt auf, wie es gehen kann.

Im Gebäudebereich müssten die CO2-Emissionen bis 2030 um 44 Prozent sinken (von rund 120 auf rund 67 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (CO2ä), um bis 2045 Klimaneutralität im Gebäude­bestand zu erreichen, heißt es in der Leitstudie "Aufbruch Klimaneutralität" der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Dafür brauche es "tiefgreifende Veränderungen mit hoher Geschwindigkeit", sagte Dena-Chef Andreas Kuhlmann bei Vorstellung des Abschlussberichts am 7. Oktober. "Ein Weiter so ist keine Option."

Die Leitstudie bietet konkrete Handlungsempfehlungen für strategische Entscheidungen politischer und wirtschaftlicher Akteure, wie Deutschland bis 2045 klimaneutral werden kann das betrifft vor allem den Gebäudebestand. In diesem Sektormodul waren unter anderem der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen GdW und der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) als Projektpartner beteiligt.

Dena-Chef: Kein klimaneutraler Gebäudebestand ohne Wasserstoff

Gebäude mit dem schlechtesten Standard müssen laut Dena-Studie zuerst angepackt, Sanierungsverfahren standardisiert, massiv intensiviert und die Wärmeversorgung schnell dekarbonisiert werden.

So sollte etwa der Einsatz von Wärmepumpen und der Ausbau der Anschlüsse an Wärmenetze massiv vorangetrieben werden bis 2030 müssten 4,1 Millionen Gebäude mit Wärmepumpen versorgt sein, im Jahr 2045 sieht die Studie neun Millionen Wärmepumpen vor. Gegenüber dem Vergleichsjahr 2019 könnten im Jahr 2030 schon 1,3 Millionen weitere Wohnungen durch Wärmenetze versorgt werden, 2045 wären es dann 2,7 Millionen. "Auch der Einsatz von klimaneutralen Brennstoffen muss sich schon bis 2030 mehr als verdreifachen", so Kuhlmann: Von heute neun auf dann 32 Terawattstunden (TWh) und auf 120 TWh im Jahr 2045, was einer Vervierfachung gleichkäme.

Aufgrund der Vielschichtigkeit des Gebäudesektors mit seinen sehr spezifischen Herausforderungen sei außerdem aus heutiger Perspektive ein klimaneutraler Gebäudebestand ohne Wasserstoff und klimaneutrale Gase nicht denkbar. Eine besondere Herausforderung wäre der dafür erforderliche Umbau der Infrastruktur.

Kleinteilige Klimapolitik: Gesamtkonzept muss her

Energiewende und Klimapolitik müssten besser organisiert werden, so Kuhlmann. Das "historische Klein-Klein" der vergangenen Jahre müsse überwunden werden. Die Regierung müsse Entscheidungsprozesse besser organisieren. Es brauche eine starke Steuerung im Kanzleramt, außerdem müsse der Bundestag stärker eingebunden werden. Kuhlmann empfiehlt einen neuen Bundestagsausschuss Klimaneutralität und eine Enquete-Kommission.

Konkrete sektorspezifische Jahresziele werden Kuhlmann zufolge in den kommenden Jahren "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" aber nicht erreicht werden dafür sei zu viel liegen geblieben in den vergangenen Jahren. Falls Klimaziele in Sektoren wie dem Gebäudebereich nicht erreicht werden, sieht das neue Klimaschutzgesetz vor, dass die zuständigen Ministerien Sofortprogramme vorlegen müssen. Kuhlmann äußerte Zweifel, ob diese Vorgabe sinnvoll sei. Ein schlüssiges Gesamtkonzept forderte Veronika Grimm, Mitglied des Beirats der Dena-Leitstudie und "Wirtschaftsweise".

Die Autoren der Studie setzen sich zudem dafür ein, zur Entlastung von Privathaushalten und Unternehmen bei den Strompreisen die EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms abzuschaffen.

KfW: Klimaneutralität bis 2045 kostet fünf Billionen Euro

Nach einer Studie der staatlichen Förderbank KfW sind insgesamt rund fünf Billionen Euro an Investitionen erforderlich, damit Deutschland im Jahr 2045 klimaneutral wird. "Das ist eine gewaltige Summe, aber es ist machbar. Damit die Herausforderung gelingt, müssen öffentliche Investitionsmittel zielgerichtet eingesetzt und private Investitionen mobilisiert werden", sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib.

Den eigentlichen Mehrbedarf an Investitionen beziffert die im Auftrag der KfW erstellte Studie allerdings deutlich geringer auf insgesamt 1,9 Billionen Euro. Dazu müssten ohnehin erforderliche Investitionen verstärkt in Alternativen gelenkt werden, die einen Beitrag zur Klimaneutralität leisten.

"Deutschland sollte bei der Umsetzung des "Fit for 55"-Pakets zum Vorreiter werden die nationale Energiepolitik den europäischen "Green Deal" als Leitbild nehmen", forderte Kuhlmann.

Dena-Klimastudien

In einem Zwischenbericht, den die Dena am 25. März veröffentlicht hatte, wurden zunächst offene Fragen und Handlungsfelder identifiziert und Lösungsansätze skizziert. In der zweiten Phase ging es um die Konkretisierung: Zehn wissenschaftliche Institute haben ihre Expertise eingebracht und mehr als 70 Unternehmen ihre Branchenerfahrungen und Markteinschätzungen gegeben, ebenso ein 45-köpfiger Beirat mit Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.

Dena-Leitstudie "Aufbruch Klimaneutralität" (Abschlussbericht)

Dena-Leitstudie "Integrierte Energiewende" (Juli 2018)


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dpa