Studie: Tech-Welt zur Digitalisierung der Immobilienbranche

Wie steht es um die zu digitalisierende Immobilienbranche? Kommen die Lösungen der PropTechs wirklich an bei den etablierten Unternehmen? Woran hapert es für eine fruchtbare Zusammenarbeit? In einer Studie kommen nun erstmals Immobilien-Startups zu Wort.

Den erschwerten Zugang zu Daten und ihre Auswertung empfinden die meisten (94 Prozent) PropTech-Unternehmen als die "größte Hürde" beim Aufbau eines Geschäftsmodells zur Digitalisierung von etablierten Immobilienfirmen ("Establishment"). Das Strukturieren und Importieren von Daten – die Basis vieler PropTech Produkte – sei bei großen Teilen des Establishments noch nicht Usus im Tagesgeschäft. Zum Teil würden Daten auch nicht herausgegeben.

Dieses Manko ist ein zentrales Ergebnis der aktuellen "PropTech Germany 2020"-Studie. Sie ist eine Gemeinschaftsarbeit der Technischen Hochschule (TH) Aschaffenburg, der auf die Digitalisierung der Immobilienbranche spezialisierten Blackprint Booster GmbH und Brickalize, einem Anbieter von PropTech-Consulting.

Als weitere signifikante Hürden für den Aufbau eines neuen Geschäftsmodells nannte eine Mehrheit der PropTechs (88 Prozent) die Heterogenität der Branche, das fehlende Verständnis der etablierten Immobilienunternehmen für die Geschäftsmodelle (75 Prozent) und den Mangel an fachlich qualifizierten (und versierten) Entwicklern (75 Prozent). Philipp J. Liebold, Co-Founder und CEO von Brickalize, sieht "einen großen Gap zwischen beiden Welten".

Befragt wurden für die Studie Vertreter von neun PropTechs, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen befinden, zu ihren Erfahrungen beim Markteintritt in die deutsche Immobilienwirtschaft und den dabei auftretenden Herausforderungen. – Die Immobilien-Startups, die diese Themen "stemmen" müssen, seien in bisherigen Studien nur selten selbst zu Wort gekommen, sagt Sarah Schlesinger, COO von Blackprint Booster.

Leichte Zweifel an technologischer Kompetenz der Platzhirsche

Die für die Studie befragten Tech-Unternehmen waren zu gleichen Teilen in die Kategorien "Early-Stager" (deutsche PropTechs in der Etablierungsphase), "Grown-ups" (deutsche, bereits im Markt etablierte PropTechs) und "Conquerer" (ausländische PropTechs, die den Markteintritt in Deutschland planen oder bereits vollzogen haben) eingeteilt. Das Gros der befragten Early Stager und Conquerer sprechen dem Establishment technologische Kompetenz ab. So würden zum Beispiel zwar digitale Innovationen eingekauft, nicht aber auch "ins Team" eingebracht, was bedeutet: Man behält die alte Unternehmenskultur schlicht bei. Grown-ups dagegen sind in der Befragung gnädiger mit ihrem Urteil: Sie sehen in der Immobilienbranche eher hohe Kompetenzen.

Die drei Gruppen drückt zudem, so zeigte die Studie, durchaus an unterschiedlichen Stellen der Schuh, wenn es um das Entwickeln ihres Geschäfts und um den Austausch mit der etablierten Immobilienwirtschaft geht:

PropTechBedürfnisseHerausforderungenPain-Points
Early Stager

Zugang zu Netzwerk; Positionierung & Image/Visibilität; Branchen-Know-how; Business Development; Zugang zur PropTech-Szene

Aufmerksamkeit/richtige Positionierung bzw. positives Image bei Auftraggebern; Suche nach Kapitalgebern

Geschäftsmodell adressiert nicht (gezielt) Branchenbedürfnisse; wenig Zeit & hoher Druck; kein Budget; fehlendes VC-Setup/fehlende Unterstützung durch einen VC
Grown-upsPositionierung & Image/Visibilität; Zugang zu Branchennetzwerken & AuftraggebernAufmerksamkeit/richtige Positionierung bzw. positives Image bei Auftraggebern;

Aktualität des Produkts/Lebenszyklus

Wenig Zeit & hoher Druck mit geringem Budget; Konkurrenz; Unternehmensführung
ConquererMarkteintritt Deutschland; Branchen-Know-how Deutschland; Platzierung & Identifikation der Mitbewerber; Business Development; Markt zur SkalierbarkeitSprache; Vergeichbarkeit Heimatmarkt & deutscher MarktSteuerliche Schwierigkeit/Gewerbesteuerbefreiung von Grundstücksgesellschaften;

Eignung des Produktes für den deutschen Markt; Real Estate is local but PropTech is international: kein nationales PropTech-Unternehmen/erfährt eher Misstrauen

Quelle: PropTech Germany 2020 Studie, 10/2020


Branche spricht lieber mit PropTechs, die sich schon am Markt behauptet haben

Differenziert nach den befragten Gruppen, scheinen die Early-Stager die Auftragsbereitschaft des Establishments negativer einzuschätzen als Grown-ups. Das ist damit zu erklären, dass insbesondere der Aufbau eines Netzwerkes in der etablierten Immobilienwirtschaft eine deutliche Hürde darstellt. Vor allem die Early-Stager berichten zudem von der mangelnden Risikobereitschaft des Establishments, das über den reinen Informationsaustausch hinaus nur wenige Investitionen tätigt oder zunächst keine Verträge abschließen will.

Dennoch berichten die PropTechs von einer steigenden Aktivität und Aufgeschlossenheit im Establishment. Insbesondere im Zuge der andauernden Covid-19-Pandemie suche man vermehrt das offene Gespräch. Vertreter der Grown-Ups sowie die länger im Markt aktiven Conquerer gaben zu Protokoll, dass die Zahl der Akquise-Gespräche in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen habe – ob diese jedoch final in Abschlüssen münden, ist ungewiss.

Die häufigsten Fragen des "Establishments" an die PropTechs (Anzahl der Nennungen):

  • Was spare ich an Kosten / Wie kann ich mit dem Produkt mehr Geld verdienen? (4)
  • Wie schnell geht das? / Was spare ich an Zeit? (4)
  • Was kostet mich das? / Preis?
  • Wie funktioniert die Integration? / Implementierung? (3)
  • Ist das DSGVO-konform? / Was ist mit Datenschutz?
  • Wie viele Kunden habt ihr? Welche Referenzen könnt ihr vorweisen? (2)

Die aktuelle Einschätzung der Marktteilnehmer zeigt eine ausgeglichene Geschäftssituation. Auch die Marktentwicklung und ihre künftige Auftragslage hinsichtlich Kundenakquise und Neugeschäft sehen die Studienteilnehmer grundsätzlich positiv. Covid-19 ist für die Mehrheit (56 Prozent) der Befragten keine Hürde für das eigene Geschäftsmodell. Die Rahmenbedingungen für PropTechs in der Immobilienbranche sind der Studie zufolge aber nach wie vor ausbaufähig.

PropTechs kooperieren untereinander, um größere Lösungen bieten zu können

Um Branchenbedürfnisse zielgerecht adressieren zu können, ist nach Einschätzung der Studienteilnehmer von PropTech-Seite ein umfassendes Verständnis für die komplexe und heterogene immobilienwirtschaftliche Wertschöpfungskette notwendig, um erfolgreich sein zu können. Grundsätzlich treten PropTechs mit IT-getriebenen Geschäftsmodellen in den Markt ein – hier raten die erfahreneren Interviewpartner, bei Bedarf Branchenexpertise extern einzuholen.

Kooperationen unter den PropTechs gewinnen dabei an Bedeutung. Rund 78 Prozent der Befragten sagten, dass sie bereits mit anderen PropTechs zusammenarbeiten, um etablierten Immobilienunternehmen Gesamtlösungen anzubieten und die eigene Wahrnehmung im Markt zu verbessern. Alle Tech-Unternehmen (100 Prozent) gaben an, dass sie für eine produktorientierte Zusammenarbeit aufgeschlossen sind. 

Hintergrund zur PropTech Germany 2020-Studie

Die PropTech Germany 2020-Studie (pdf) bewertet die Digitalisierung der Immobilienbranche aus Sicht der PropTechs und bildet den Auftakt einer Studienreihe. Die Interviews wurden im Juli und August 2020 geführt. Im Fokus standen Fragen zur Markt- und Geschäftsentwicklung, den Voraussetzungen für die erfolgreiche Etablierung eines PropTech-Geschäftsmodells, den größten Hürden beim Aufbau eines Geschäftsmodells und Kooperationen im PropTech-Markt.

An der ersten Befragung nahmen 21st Real Estate, Allthings, Assetti, Dabbel, Doc Estate, Evana, Inzept 3D, Kiwi und Plentific teil.


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Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Immobilienbranche, Startup, PropTech