PropTech-Studie zur Digitalisierung der Immobilienbranche

Influencer müssten zu Entscheidern und das Establishment bei Investitionen in neue Technologien risikofreudiger werden – so wären die größten Hürden bei der Digitalisierung der Immobilienbranche überwindbar, sagen PropTechs in einer Umfrage. Die gute Nachricht: Die Szene wächst.

Wenn aus den Influencern in Fachabteilungen Entscheider würden, Entscheidungen für PropTech-Lösungen in etablierten Immobilienfirmen (Establishment) nicht alleine vom Chef getroffen würden und die Position des Chief Digital Officers (CDO) eine deutliche Aufwertung erführe, dann ließe sich die Verbreitung digitaler Lösungen im deutschen Immobilienmarkt von der strategischen auf die operative Ebene schneller erreichen, schreiben die Autoren der "PropTech Germany Studie 2021". Trotz aller Hürden gaben die meisten Tech-Unternehmen an, ihr Geschäft in der Immobilienwirtschaft weiter ausgebaut und an Relevanz in der Branche gewonnen zu haben.

Neugeschäft und Corona-Effekt

Die für die Studie 2021 befragten Tech-Unternehmen waren zu gleichen Teilen in die Kategorien "Early-Stager" (deutsche PropTechs in der Etablierungsphase), "Grown-ups" (deutsche, im Markt etablierte PropTechs) und "Conquerer" (ausländische PropTechs, die den Markteintritt in Deutschland planen oder vollzogen haben) eingeteilt.

Die meisten der Unternehmen gaben in der Befragung im Dezember 2020 und im Januar 2021 an, dass sie ihr Geschäft weiter ausgebaut haben: Knapp 71 Prozent meldeten mehr Neugeschäft, rund ein Drittel davon (36 Prozent) sprach sogar von deutlich mehr Neugeschäft. 42 Prozent der befragten PropTechs sagten, sie hätten explizit von einem Corona-Effekt profitiert. Zwei Drittel (66 Prozent) der PropTechs rechnen künftig mit einer weiteren Zunahme des Geschäfts durch Corona.

Hürden: Entscheidungsstruktur und Risikoabwägung

Trotzdem gibt es immer noch viele Hindernisse. Beim Aufbau des Geschäftsmodells gab die Mehrzahl (84 Prozent) der PropTechs die Entscheidungsstrukturen auf Seiten der etablierten Unternehmen als größte Hürde an. In der Phase des Produktverkaufs führten 74 Prozent der befragten Unternehmen die geringe Risikobereitschaft des Establishments zu Investitionen in Technologien von PropTechs als größtes Hindernis an. Immerhin ist diese Phase für mehr als die Hälfte (53 Prozent) der befragten PropTechs die heikelste, um ins Geschäft zu kommen. In der Produktimplementierung selbst ist es vor allem an der Kundenseite: Dass die keine Priorität dafür setzt, macht knapp 54 Prozent der PropTechs die meisten Schwierigkeiten.

Als wichtigsten Entscheider auf Unternehmensseite im Verkaufsprozess nannten mehr als 33 Prozent der PropTechs den Chief Exekutive Officer (CEO) – das bedeutet, dass Digitalisierungsentscheidungen immer noch auf strategischer Ebene getroffen werden. Wichtigste Influencer bei Kaufentscheidungen und Kooperationen sind aus Sicht von etwa 28 Prozent der Tech-Anbieter die operativ verantwortlichen Fachabteilungen auf Seiten der Etablierten.

Kooperationen: Strategie geht vor

Kooperationen haben für PropTechs grundsätzlich einen hohen Stellenwert. Rund 72 Prozent der aktuell befragten Unternehmen unterhalten bereits "horizontale" Kooperationen mit anderen PropTechs oder "vertikale" mit Corporates. Die Koopera­tionsbereitschaft nimmt grundsätzlich mit steigen­dem Reifegrad der PropTechs zu. Ziele der Kooperationen sind meistens die Umsatz-, Netzwerk- und Zielgruppenerweiterung.

Horizontale Kooperationen zwischen PropTechs sind überwiegend technischer Natur (rund 24 Prozent). Bei den vertikalen Kooperationen sind strategische Partnerschaften die favorisierte Wahl. Zwei Drittel (rund 62 Prozent) der PropTechs streben nach strategischen Partnerschaften. Das ist die Mehrheit. Die Entwicklungs- und Vertriebspartnerschaften liegen mit rund 46 beziehungsweise 45 Prozent auf Platz zwei und drei der angestrebten Arten der Kooperationen. "Neben der besseren Skalierbarkeit, die durch Kooperationen entsteht, wird so ein aus Kundensicht barrierefreies PropTech-Ökosystem gefördert", heißt es in der Studie.

Befragt wurden im Dezember 2020 und im Januar dieses Jahres 185 Tech-Unternehmen. Es handelt sich bei der PropTech Germany Studie 2021 um den zweiten Teil einer dreiteiligen Studienreihe der Technischen Hochschule (TH) Aschaffenburg, dem Digitalisierungsspezialisten Blackprint Booster und dem Beratungsunternehmen Brickalize, unterstützt von der German PropTech Initiative (gpti). Im zweiten Quartal 2021 ist für den dritten Studienteil eine geclusterte Befragung der etablierten Immobilienbranche geplant. Die Befragung der PropTechs soll danach in einem jährlichen Turnus wiederholt werden.

PropTech-Studie 2020: "Gap zwischen beiden Welten"

In Teil eins der Studienreihe kamen im Oktober 2020 erstmals Immobilien-Startups zu Wort. Sie beurteilten den erschwerten Zugang zu Daten und deren Auswertung mit großer Mehrheit (94 Prozent) als "die größte Hürde" beim Aufbau eines Geschäftsmodells zur Digitalisierung des Establishments. Das Strukturieren und Importieren von Daten – die Basis vieler PropTech-Produkte – sei bei großen Teilen der etbalierten Immobilienformen noch nicht Usus im Tagesgeschäft.

Als weitere signifikante Hürden für den Aufbau eines neuen Geschäftsmodells nannten viele PropTechs (88 Prozent) die Heterogenität der Branche, das fehlende Verständnis der etablierten Firmen für die Geschäftsmodelle (75 Prozent) und den Mangel an fachlich qualifizierten (und versierten) Entwicklern (75 Prozent). Philipp J. Liebold, Co-Founder und CEO von Brickalize, sprach von einem "großen Gap zwischen beiden Welten".

Befragt wurden für Teil eins der Studie die Vertreter von neun PropTechs, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen befanden, zu Erfahrungen beim Markteintritt in die deutsche Immobilienwirtschaft und den dabei auftretenden Herausforderungen. Die Immobilien-Startups, die diese Themen "stemmen" müssten, seien in bisherigen Studien nur selten selbst zu Wort gekommen, sagte Sarah Schlesinger, Chief Operating Officer (COO) von Blackprint Booster.

Die Interviews für die PropTech Germany Studie 2020 wurden im Juli und August des vergangenen Jahres geführt. Im Fokus standen Fragen zur Markt- und Geschäftsentwicklung, zu Voraussetzungen für die erfolgreiche Etablierung eines PropTech-Geschäftsmodells, den größten Hürden beim Aufbau eines Geschäftsmodells und Kooperationen im PropTech-Markt.


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