"Lockdown Light" hemmt Wiederaufschwung am Immobilienmarkt

Der innerstädtische Handel war im freien Fall nach den Corona-Maßnahmen im Frühjahr. Im Sommer dann die Verschnaufpause. Mit den neuen Teil-Lockdowns – über den November hinaus – wird sich die Lage Ökonomen zufolge weiter verschärfen. Das trifft auch Hotels. Bei den Büros sind Konzepte gefragt.

Bund und Länder haben spät am 25. November das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie beschlossen. Der Teil-Lockdown – wie er seit Anfang November befristet bis zum Monatsende gilt – wird vorläufig bis zum 20. Dezember verlängert und zum Teil verschärft. Die Schließungen betreffen vor allem Hotels (Übernachtungsangebote im Inland sind weiter nur für notwendige und ausdrücklich nicht für touristische Zwecke erlaubt) und Gastronomie sowie den Kultur- und Freizeitbereich.

Ob Gastronomie und Hotels ab dem 20. Dezember wieder uneingeschränkt öffnen dürfen, ist noch nicht sicher – am 15. Dezember soll neu verhandelt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schloss nicht aus, dass der "Lockdown Light" erneut verlängert wird, sollten die Fallzahlen bis dahin nicht deutlich sinken. Die am 24. November von der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) in einem vorab geleakten Papier vorgeschlagenen scharfen Zugangsbeschränkunken für den Handel wurden leicht gelockert im Bund-Länder-Beschluss.

Innenstädte: Einzelhandel in Existenznot

Die Länderchefs hatten in ihrem Entwurf dafür plädiert, dass sich ab dem 1. Dezember nur noch ein Kunde pro 25 Quadratmeter in einem Laden aufhalten dürfen soll – die Vorschrift kommt in dieser scharfen Form nicht. Bei Ladenflächen bis 800 Quadratmeter sollen auf einen Kunden wie bisher zehn Quadratmeter erlaubt sein, in Geschäften, die größer sind als 800 Quadratmeter, gelten 20 Quadratmeter pro Kunde. "Durch ein abgestimmtes Einlassmanagement müssen Einkaufszentren und Geschäfte verhindern, dass es im Innenbereich von Einkaufspassagen oder Einkaufszentren zu unnötigen Schlangenbildungen kommt", heißt es im jüngsten Bund-Länder-Beschluss zur "Bekämpfung der SARS-Cov2-Pandemie".

"Es ist gut, dass die ursprüngliche 25-Quadratmeter-Regel gekippt wurde, die Grenze von 800 Quadratmeter und die Vorgaben zur Kundenbegrenzung sind jedoch fachlich nicht nachvollziehbar – zumal diese vor Gericht teilweise bereits gescheitert sind", kommentierte ZIA-Präsident Dr. Andreas Mattner den Beschluss. Für die Innenstädte bedeute die Krise einen wirtschaftlichen Überlebenskampf – mit den neuesten Beschlüssen verschärfe man grundlos deren Notsituation.

Die Passantenströme in den Innenstädten waren schon im freien Fall vor dem ersten Bund-Länder-Gipfel am 28. Oktober, auf dem die Corona-Maßnahmen für November beschlossen worden waren. In der dritten Novemberwoche brach der Umsatz im Einzelhandel im Vergleich zum Vorjahr um knapp ein Drittel ein, wie aus Zahlen des Handelsverbands Deutschland (HDE) hervorgeht, im Bekleidungshandel sogar um 40 Prozent. "Einzelhändler geraten oft schon bei Umsatzeinbußen von 20 Prozent in Existenznot", erklärte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Die staatlichen "Novemberhilfen" müssten auch dem Einzelhandel zukommen, so Genth.

Gastronomen beklagen mangelnde Perspektive

Die sogenannten "Novemberhilfen" werden an die von Schließungen betroffenen Unternehmen ausbezahlt. Sie sollen verlängert werden, heißt es in dem Beschluss. Wo "absehbar noch über Monate größere Einschränkungen des Geschäftsbetriebs zu erwarten" sind, werden die Überbrückungshilfen bis Mitte 2021 verlängert – das gilt unter anderem für die Reisebranche.

Die Gastronomen hatten im Vorfeld gefordert: "Aus der Novemberhilfe muss eine Winterhilfe werden, wenn die Politik eine weitere Schließung der Restaurants beschließe. Alleine in Berlin sieht sich jeder zweite Gastrobetrieb von Insolvenz bedroht, wie aus der Befragung der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) hervorgeht. Auch die Fitnessbranche beklagt eine mangelnde Perspektive und warnt vor Insolvenzen, sollten Studios nicht bald wieder öffnen dürfen.

Hotelimmobilien: Kampf gegen den Vertrauensverlust

Hotels – bereits vom Lockdown im Frühjahr hart getroffen – leiden besonders unter dem nun verlängerten bundesweit verordneten touristischen Übernachtungsverbot. "Hotelimmobilien haben mit einem anhaltenden Vertrauensverlust zu kämpfen", zitierte Andreas Rehfus, Vorstand der Deutschen Hypo, aus dem Immobilienklima-Index, der auch einen Blick auf zukünftige Marktentwicklungen ermöglicht. Die November-Befragung unter den Akteuern am deutschen Immobilienmarkt ergab mit 13,9 Punkten (minus 16,8 Prozent) bei der Bewertung von Hotels einen neuen Negativrekord. 

Dadurch verharrt der Index insgesamt auf seinem aktuellen Tiefstwert von 69,4 Punkten. Die Stimmung der Marktexperten ist zwar wieder etwas heiterer als im Monat zuvor, was an den Erträgen liegt, die wesentlich zu der Stabilisierung beitrugen (plus 3,8 Prozent auf 66,1 Punkte) – beim Investment wiederum sackte der Wert deutlich ab (minus 3,4 Prozent auf 72,7 Punkte).

Arbeitswelten: Büroimmobilien ja, aber nur anders?

Entgegen der rückläufigen Entwicklung der verangenen Monate gibt es beim Büroklima erstmals wieder eine leichte Zunahme von 0,7 Prozent (auf 64,2 Punkte). In der Assetklasse Büro herrscht laut Rehfus viel Dynamik. Er geht davon aus, dass sich das "Home Office" langfristig etablieren wird und dass künftig mehr flexible Büroflächenkonzepte und Mietverträge gefragt sein werden. "Qualität und Standort der Büroräume rücken in den Vordergrund", so Rehfus. Das werde sich auch auf die Stadtentwicklung auswirken.

Die Wohnungswirtschaft geht davon aus, dass im Zuge der Coronakrise mit einem erhöhten Ausweichen auf mobile Arbeitsplätze der Bedarf an Gewerbeflächen insgesamt sinken wird: Davon wären neben Hotel- und Handelsimmobilien auch Büroimmobilien betroffen, meinte Andreas Breitner, Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW). Eigentümer von Gewerbeimmobilien sollten die aktuelle Chance nutzen und bisher als gewerblich genutzte Immobilien in Wohngebäude umwandeln. "Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum bietet auf viele Jahrzehnte hinaus eine sichere Einnahmequelle", so Breitner.

Ökonomen: Einbruch des Wirtschaftswachstums

Im Frühjahr war die deutsche Wirtschaft mit dem ersten großen staatlich verordneten Lockdown um 9,8 Prozent eingebrochen, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Mit einem unerwartet kräftigen Wachstum im dritten Quartal von 8,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal war dann einen Teil des Corona-bedingten Einbruchs wieder wettgemacht. Grund war der Behörde zufolge unter anderem die Kauflaune der Verbraucher – die privaten Konsumausgaben legten um 10,8 Prozent zu. Zum Jahresende dürfte es mit Erholung wegen des neuen Teil-Lockdowns vorbei sein.

Nach Einschätzung der Bundesbank und anderer Volkswirte werden die aktuellen und neuen Beschränkungen die Konjunkturerholung vorerst beenden – das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte im Schlussquartal 2020 "stagnieren oder sogar zurückgehen", heißt es im November-Bericht der Bank. Im Vergleich zum Einbruch von März und April werde der Rückgang jedoch "sehr milde ausfallen", ergänzte Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Die "Wirtschaftsweisen" gehen für das Gesamtjahr von einem BIP-Rückgang um 5,1 Prozent aus. Der Sachverständigenrat ist damit etwas optimistischer als Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU): Der rechnete zuletzt mit einem Einbruch um 5,5 Prozent – vergleichbar mit der Rezession 2009 infolge der globalen Finanzkrise mit einem Minus von damals 5,7 Prozent.


Das könnte Sie auch interessieren:

Corona-Verhaltenskodex: Appell für faire (Gewerbe-)Mietlösungen

Prognosen: Nach Corona wird es neue Boom-Towns geben

RICS-Umfrage: Nachfrage nach Büros und Mieten im Sinkflug

dpa
Schlagworte zum Thema:  Coronavirus, Immobilienbranche