Wohnen am Tempelhofer Feld: In Berlin dreht sich der Wind
In einem Volksentscheid stimmte 2014 eine Mehrheit der Berliner dagegen, dass das frühere Flughafengelände Tempelhof bebaut werden soll – die Sicht hat sich laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Industrie- und Handelskammer (IHK) geändert.
Nur noch 25 Prozent der Hauptstädter sagen "lehne ich (eher) ab". 59 Prozent befürworten eine maßvolle Randbebauung zur Schaffung von zusätzlichem Wohnraum, wenn die zentrale Freifläche erhalten bleibt. Befragt hat das Meinungsforschungsinstitut Insa Consulere im Zeitraum vom 7. bis 14. April 1.000 Berliner ab 16 Jahren. Die Stichprobe spiegelt den Angaben zufolge die demografische Struktur Berlins wider.
Tempelhofer Feld: Debatte um Bebauung
Erstmals im Sommer 2019 wurde die Diskussion um eine Randbebauung mit Wohnungen wieder angestoßen – von drei SPD-Bezirkspolitikern. Im Januar 2020 wärmten CDU und FDP die Debatte auf und plädierten für eine neue Abstimmung unter den Bürgern für eine Überarbeitung des Tempelhof-Gesetzes.
Die Berliner FDP initiierte im Oktober 2020 das Volksbegehren "Baut auf diese Stadt". Und auf einer Klausur des SPD-Landesvorstands im Januar 2021 kam das Thema ebenfalls wieder auf den Tisch: Das Tempelhofer Feld solle als grüne Lunge in der Stadt mit Freiflächen zur Erholung und Bewegung erhalten werden, doch Wohnungsbau auf ausgewählten Randflächen möglich sein, hieß es.
Die Regierungsparteien CDU und SPD verständigten sich Anfang 2023 in Koalitionsgesprächen darauf, dass Teile des Tempelhofer Feldes für den Wohnungsbau zur Verfügung gestellt werden sollen. Die Pläne bauen auf alten Vorstößen auf, die seit Jahren eine "behutsame Randbebauung" fordern. Für Sport, Freizeit, Kultur und Erholung soll genügend Raum bleiben. Christian Gaebler (SPD), Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen des Landes Berlin im Senat Wegner, stellte im Dezember 2023 die Pläne für den Ideenwettbewerb und die Bürgerwerkstatt zum Tempelhofer Feld vor.
Im Frühjahr 2024 wurde ein Bürgerbeteiligungsverfahren gestartet. Die Ergebnisse flossen in die Aufgabenstellung des planerischen Ideenwettbewerbs ein – der wurde im Juni 2025 abgeschlossen. Von den sechs ausgewählten Entwürfen sehen einzelne eine Randbebauung des Tempelhofer Felds vor, die Mehrzahl aber nicht, teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Bauen damals mit.
Volksentscheid 2014 und Tempelhof-Gesetz
Seit Ende 2008 ist das zirka 350 Hektar große ehemalige Flughafenareal Park- und Freizeitfläche und läuft unter dem Namen Tempelhofer Feld. Im Jahr 2010 wurde das Gelände für die Öffentlichkeit zum Skaten, Joggen oder Picknicken freigegeben. Mit dem Volksentscheid 2014 lehnten knapp zwei Drittel der Berliner den Bau von Wohnungen hier ab. Seitdem verbietet das sogenannte Tempelhof-Gesetz die Bebauung.
"Ja, es gab einen Volksentscheid. Aber seither hat sich die Welt verändert", kommentierte der Präsident der IHK Berlin, Sebastian Stietzel, die neuen Daten aus der Umfrage von April 2026. "Günstigen Wohnraum gibt es nur, wenn mehr gebaut wird."
Bereits im Juli 2025 hatte sich bei einer Civey-Umfrage im Auftrag des "Tagesspiegel" eine Mehrheit von 57 Prozent der Berliner für eine Randbebauung ausgesprochen.
Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes (Tempelhof-Gesetz)
Initiative: 21.400 bezahlbare Wohnungen möglich
Die Initiative "Zuhause am Tempelhofer Feld" hat am 20.5.2026 ein neues Konzept vorgestellt: Am äußeren Rand des Areals sollen rund 21.400 bezahlbare Wohnungen für etwa 50.000 Menschen in Verbindung mit Gewerbeflächen, sozialer Infrastruktur und einem dauerhaft geschützten inneren Freiraum entstehen – 100 Hektar würden für Wohnungsbau und urbane Nutzung entwickelt, die zentrale Wiesenfläche mit rund 200 Hektar würde als öffentliche Grünfläche erhalten bleiben und durch eine gemeinnützige Stiftung vor künftiger Bebauung geschützt werden.
Die Initiative reagiert auf die angespannte Lage am Wohnungsmarkt und fordert eine neue, ideologiefreie Debatte über eines der größten innerstädtischen Entwicklungsareale Europas. Das städtebauliche Konzept wurde von den Architekten Hans Kollhoff und Tobias Nöfer entwickelt. Nach Angaben der Initiative könnte das Projekt innerhalb von sechs Jahren realisiert werden. Die Investitionskosten lägen bei rund neun Milliarden Euro.
Im nächsten Schritt soll das Gespräch mit Politik, Wirtschaft und Stadtgesellschaft gesucht werden, um eine neue Debatte über die Zukunft des Tempelhofer Feldes anzustoßen. Die Initiatoren betonen, dass sie keinen wirtschaftlichen Eigennutz verfolgten. Das Konzept sei ehrenamtlich entwickelt worden.
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