Berlin wärmt Diskussion um Bebauung von Tempelhofer Feld auf

Bis zum Juli 2019 war die große Mehrheit der Berliner gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes. Dann kippte die Stimmung. In der Stadt fehlen bald 100.000 Wohnungen, vor allem bezahlbare. Die Opposition will eine neue Volksabstimmung – der Senat setzt auf den Beschluss des Mietendeckels am 30. Januar.

Die Berliner CDU will möglichst schnell einen neuen Volksentscheid, am liebsten mit zur Abgeordnetenhauswahl 2021. "Berlin wächst, und bis 2030 fehlen mindestens 100.000 Wohnungen. Da ist das Tempelhofer Feld mit seiner zentralen Lage für eine behutsame Randbebauung mit viel Grün und einem Klimawald ideal geeignet", argumentiert Berlins CDU-Vorsitzender Kai Wegner.

Mit einem Volksentscheid im Jahr 2014 hatten fast zwei Drittel der Berliner  den Bau von Wohnungen auf dem Areal abgelehnt. Seitdem verbietet das Tempelhof-Gesetz jegliche Bebauung. Seit Ende 2008 ist das Tempelhofer Feld eine zirka 350 Hektar große Freifläche, die im Jahr 2010 für die Öffentlichkeit zum Skaten, Joggen, Picknicken frei gegeben wurde. Auch die Berliner FDP will mit einer neuen Volksabstimmung eine Überarbeitung des Tempelhof-Gesetzes erreichen.

Die Slogans: "Sozialverträgliche Randbebauung" und "neue grüne Lunge"

Bei einer Befragung des Instituts Civey im Auftrag des "Tagesspiegel"im Juli 2019 bewerteten dann 64,6 Prozent der rund 3.000 befragten Hauptstadtbewohner die Idee einer "sozialverträglichen Randbebauung" mit Wohnungen, wie sie von drei SPD-Politikern angestoßen worden war, positiv. 27,3 Prozent sprachen sich dagegen aus; und 8,1 Prozent waren unentschieden.

Genau genommen geht es um die Areale östlich des Tempelhofer Damms und am südlichen Rand des Feldes bis hin zur Autobahn. "Wir wollen bei der Bebauung behutsam vorgehen und 6.000 Wohnungen für etwa 20.000 Menschen am südwestlichen Rand errichten", sagt Wegner. Gedacht sei an klimaneutrale, barrierefreie und bezahlbare Wohnungen für Familien, Studenten, Senioren und Normalverdiener. Nettokaltmieten von 6,50 Euro pro Quadratmeter stellt sich der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende Sven Kohlmeier vor.

Mit dem Bau beauftragt werden sollen landeseigene Wohnungsunternehmen und Genossenschaften, so die stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Iris Spranger. Sie plädiert dafür, dass das sogenannte "Columbia-Quartier" und das Schillerkiez nördlich und östlich des Feldes als Freizeit- und Erholungsfläche erhalten bleiben. Die CDU will noch eine Art Klimawald als "neue grüne Lunge" Berlins anlegen: "Der 110 Hektar große Mischwald wird etwas größer sein als die Hälfte der Tiergartenfläche und bietet Lebensraum für Pflanzen und Tiere", verspricht Wegner. Der Senat müsse ein Konzept erarbeiten, das den Volksentscheid würdige und neu bewerte, fordert Spranger.

Rot-Rot-grün uneins: Tempelhofer Feld für Wohnungen gar nicht gebraucht?

Doch innerhalb der rot-rot-grün Berliner Regierung gehen die Ansichten erheblich auseinander. So betont etwa Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke): "Fakt ist, das Tempelhof-Gesetz bindet die Koalition und den Senat". Dass die Stadt zusätzlichen Wohnraum baruche, sei unstrittig, dafür solle man sich aber auf das Umsetzen laufender Projekte konzentrieren.

Die Grünen sehen das ähnlich. "Im Koalitionsvertrag sind elf neue Quartiere ausgewiesen mit einer Gesamtfläche von 532 Hektar, erklärt Susanna Kahlefeld, Sprecherin für Partizipation und Beteiligung der Fraktion. Das Tempelhofer Feld werde als Baufläche gar nicht gebraucht. Kahlefeld unterstellt der FDP zudem Pläne, den Verkauf von Teilen des Feldes möglich zu machen, was "in Hochzeiten der Bodenspekulation ein wirtschaftlicher Irrwitz" sei.

Carola Bluhm, Vorsitzende der Linksfraktion, sieht zwar angesichts der wachsenden Stadt den Bedarf an mehr Wohnungen, ist aber der Ansicht, dass eine Randbebauung die klimatischen, Freizeit- und Erholungsfunktionen des Tempelhofer Feldes beschneiden würde. Vorstöße für eine neue Volksabstimmung sieht sie als "durchsichtiges Manöver in Hinblick auf den kommenden Wahlkampf".

Am 30. Januar könnte der Mietendeckel das Abgeordnetenhaus passieren

Die Potenziale, die das Tempelhofer Feld in den Randbereichen biete, dürften nicht mehr außer Acht gelassen werden, insistierte – nach der jüngsten Umfrage unter Berliner Bürgern mit dem Ergebnis pro Randbebauung – Susanne Klabe, die Geschäftsführerin des BFW Landesverbands Berlin/Brandenburg. "Diskussionen um Enteignung oder Mietendeckel lösen das Wohnraumproblem in Berlin nicht."

Berlin debattiert indessen weiterhin über Sinn und Unsinn eines Mietendeckels. Eines der umstrittensten Gesetzesvorhaben der rot-rot-grünen Berliner Koalition steht womöglich kurz vor dem Abschluss: Am 22. Januar hat der Ausschuss für Stadtentwicklung auf Grundlage von vorliegenden Änderungsanträge der Fraktionen SPD. Linke und Grüne, eine "Empfehlung zur Beschlussfassung" erarbeitet. Diese soll dann am 30. Januar im Abgeordnetenhaus beschlossen werden und könnte Gesetz werden – doch möglicherweise bald vor dem Bundesverfassungsgericht landen.


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Schlagworte zum Thema:  Wohnungsbau, Berlin