Green Teams: Wie Mitarbeitende Nachhaltigkeit ins Unternehmen bringen
Manchmal beginnt ein Nachhaltigkeitsprojekt mit einer einfachen Frage: Muss das wirklich weg? Beim Green Team der Deutschen Industrie Video System GmbH, kurz DIVIS, war genau dies der Ausgangspunkt. Das mittelständische Unternehmen entwickelt und vertreibt Systemlösungen für eine visuelle Sendungsverfolgung im Speditions- und Paketumschlag sowie für die Lagerlogistik. Die in den Recordern und Servern eingesetzten Mainboards, Controller und Festplatten werden in robuste Industriegehäuse eingebaut. Statt diese Gehäuse am Ende der Lebensdauer eines Gerätes zu entsorgen, entwickelte das Green Team eine Möglichkeit, neue Komponenten in gebrauchte Gehäuse einzubauen. Das reduziert den Elektroschrott und verringert gleichzeitig den Materialbedarf. Um die gebrauchten Gehäuse systematisch wiederzuverwenden, wurde ein neuer interner Prozess etabliert.
Dieses Vorgehen zeigt eine große Stärke von Green Teams: Mitarbeiter kennen die Abläufe und Routinen ihres Unternehmens genau und entdecken dadurch Ansatzpunkte, die in einer übergeordneten Nachhaltigkeitsstrategie leicht übersehen werden.
Green Teams bringen Nachhaltigkeit aus der Belegschaft heraus voran
Green Teams sind freiwillige Zusammenschlüsse von Mitarbeitern, die Nachhaltigkeit im Unternehmen voranbringen. Daraus entstehen Projekte zu Themen wie Mobilität, Green IT, Ernährung oder Biodiversität. Manche sind schnell umgesetzt, andere erfordern Ausdauer: „Manchmal ist ein Projekt auch ein Marathon und erstreckt sich über mehrere Jahre“, sagt Susanne Blazejweski. Sie ist die Initiatorin des Green Teams Netzwerkes und Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Gemeinsam mit Planetgroups und NELA betreibt die Hochschule das Green Teams Netzwerk, das Mitarbeitende in Unternehmen mit Informationen, Beratungen und Vernetzung unterstützt.
Doch so eindeutig die Mission der Green Teams ist, gibt es doch eine Grenze: Green Teams ersetzen kein Nachhaltigkeitsmanagement. „Nachhaltigkeit ist eine Unternehmensführungsaufgabe“, betont Blazejweski. Die Stärke der Teams vor Ort liege vielmehr darin, Nachhaltigkeit freiwillig aus den Fachbereichen heraus voranzubringen und Kollegen unmittelbar zu erreichen. Wie das praktisch funktioniert, zeigt der GreenTech Campus.
GreenTec-Campus: Nachhaltigkeit bei der KI-Nutzung mitdenken
Der 130 Hektar große GreenTec Campus in Schleswig-Holstein ist ein Reallabor und Kompetenzzentrum für grüne Zukunftstechnologien, erneuerbare Energien, Mobilität und Sicherheit. Das Areal befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Marine-Munitionsdepots und wird von als mehr als 30 Unternehmen genutzt. Bei der gleichnamigen Liegenschaftsverwaltung gibt es kein formal abgegrenztes Green Team mit eigenem Etat. „Es haben sich einfach Leute gefunden, denen das Thema am Herzen liegt“, sagt Yara Ohrt, Koordinatorin für Events und Nachhaltigkeit auf dem GreenTec Campus. Die dynamischen Teams bringen Nachhaltigkeitsaspekte unter anderem bei Mobilität, Veranstaltungen und Ernährung ein.
Ein aktuelles Beispiel ist der Umgang mit künstlicher Intelligenz. Für ein internes Team-Meeting der Liegenschaftsverwaltung bereitete ein Green Team Informationen zur KI-Nutzung auf. Zwei Kollegen lieferten Input, ein IT-Verantwortlicher prüfte die Inhalte und eine KI-Richtlinie eines Schwesterunternehmens diente als Vorlage. Das Green Team schaffte es, dass die neuen KI-Richtlinien mit Hinweisen ergänzt wurden, bei der KI-Nutzung auch den Ressourcenverbrauch zu beachten und nach Möglichkeit europäische KIs wie Mistral zu verwenden, um ein ungewolltes Profiling zu verhindern. „Für uns war wichtig, auch bei diesem Thema den Nachhaltigkeitsaspekt zu berücksichtigen“, sagt Ohrt. Dabei ging es dem Team nicht darum, KI grundsätzlich infrage zu stellen, sondern den KI-Einsatz künftig bewusster abzuwägen.
Das Beispiel zeigt: Green Teams müssen nicht immer klassische Nachhaltigkeitsprojekte starten. Engagierte Teams können Nachhaltigkeit auch in Entscheidungen einbringen, die ohnehin anstehen. „Wir wollen erreichen, dass Menschen bei vielen Themen zumindest einen Moment innehalten und darüber nachdenken. Hat das eine Relevanz für Nachhaltigkeit? Gibt es eventuell Alternativen, die Vor- und Nachteile haben?“. Dies sei etwas, das Green Teams sehr gut leisten können, so Ohrt. Wichtig bleibe aber auch die Abstimmung: „Kleinere Aktivitäten können wir als Green Team selbst anstoßen und umsetzen. Aber alles, was Geld kostet oder andere Leute beeinflusst, müssen wir mit der Geschäftsleitung abstimmen“, so Ohrt. Nach diesem einfachen Prinzip funktionieren auch die Green Teams in anderen Unternehmen.
Vom Rasen zum Naturgarten
Engagierte Mitarbeitende des Aufzugherstellers Schindler sorgten beispielsweise dafür, dass ein Teil der bestehenden Rasenfläche vor dem deutschen Hauptstandort in Berlin-Mariendorf in einen Naturgarten umgewandelt wurde. Dieser bietet nun einen Lebensraum für Tiere und dient zugleich Mitarbeitenden sowie Schülerinnen und Schülern aus benachbarten Schulen als Aufenthalts- und Lernort. Die Idee dazu hatte Gundula Glindemann. Sie arbeitet bei Schindler im Engineering und übernahm einen großen Teil der Organisation. Gemeinsam plante das interne Nachhaltigkeits-Team – das bei diesem Projekt je nach Phase aus zwei bis vier Mitarbeitenden bestand – für die öffentlich zugängliche Fläche unter anderem ein Insektenhotel, ein Wildblumenbeet, eine Benjeshecke (Totholzhecke) und eine spezielle Sandfläche als Lebensraum für Bienen – ein so genanntes Sandarium. Nach der Abstimmung mit dem Facility Management begann das Team direkt mit der Umsetzung, um keine Zeit zu verlieren. Bis Themen wie Budget und Abwicklung geklärt waren, legten die Beteiligten Materialkosten teilweise privat aus und erhielten sie später zurück.
Mehr als ein internes „Garten-Projekt“
Für die Herstellung des Insektenhotels brachte Glindemann auch ihr Engineering-Wissen ein und fertigte technische Zeichnungen an. Und das Green Team war sich schnell einig: Weil die Fläche vor dem Schindler Campus öffentlich zugänglich ist, sollte der Naturgarten von Anfang an mehr sein als ein internes Mitarbeiterprojekt. „Wir wollen einen Ort schaffen, der ein Begegnungsort ist und auch umliegenden Schulen einen außerschulischen Lernort bietet“, sagt Glindemann. Mit einer benachbarten Integrierten Sekundarschule bestand bereits Kontakt aus der Ausbildungs- und Berufsvorbereitung. Beim Insektenhotel bauten deren Schülerinnen und Schüler daraufhin einzelne Elemente im Unterricht; Schülerinnen und Schüler einer Garten- und Bio-AG eines nahegelegenen Gymnasiums halfen bei der Gestaltung der Benjeshecke und des großen Wildblumenbeets. Auf diese Weise wurde aus einer Grünfläche vor dem Firmengebäude zugleich ein Lern- und Begegnungsort für das Umfeld. „Abgeschlossen ist das Projekt noch lange nicht“, sagt Li-qun Meng. Er arbeitet als Project Manager Multi-Brand Service bei Schindler und ist einer der Initiatoren des internen Nachhaltigkeitsnetzwerks des Unternehmens.
Manchmal beginnt Veränderung mit einem Zettel am Fahrradständer
Nicht jede Green-Teams-Initiative muss so professionell geplant und umfangreich sein wie der Naturgarten. Beim Schindler-Netzwerk begann ein Mobilitätsprojekt beispielsweise auch mit einem Zettel am Fahrradstand: Gesucht wurden Mitarbeitende, die den Campus fahrradfreundlicher gestalten wollten. „Dann waren plötzlich zehn, zwölf Leute, die gesagt haben: Ja, ich habe da Lust mitzumachen“, berichtet Meng. Daraus entwickelte sich ein größeres Vorhaben – unter anderem wurden eine jährliche Mobilitätsumfrage an alle Mitarbeitenden, ein Radfahrer-Newsletter, interne Radevents, regelmäßige Fahrrad-Reparaturaktionen und vieles mehr ins Leben gerufen. Das Ergebnis: Der Berliner Standort wurde vom ADFC als fahrradfreundlicher Arbeitgeber zertifiziert; auch andere Standorte der Firma griffen das Thema auf.
Daneben gibt es noch kleinere Maßnahmen wie gemeinsame Müllsammelaktionen oder eine Büchertauschbörse. Solche Projekte ersetzen keine Dekarbonisierungsstrategie wie Schindler sie mit dem Ziel, Net-Zero bis 2040 zu sein, verfolgt. Sie können aber Nachhaltigkeit sichtbar machen, Mitarbeitende zusammenbringen und den Ausgangspunkt für größere Vorhaben schaffen.
Sustainability Manager und Green Teams ergänzen sich
Bei Schindler existieren das freiwillige Netzwerk und die formale Sustainability-Organisation neben- beziehungsweise miteinander. Annemarie Lenz, Project Specialist Sustainability bei Schindler, sieht darin eine Ergänzung: „Das ist eine sehr gute Kombination aus beidem.“ Sie spricht von einem „Hand-in-Hand-Arbeiten“. Die Rollen sind dabei klar getrennt: Die Sustainability-Funktion bringt Strategie, Fachwissen und organisatorische Anbindung ans Unternehmen ein. Das Green Team mobilisiert Mitarbeiter und entwickelt Ideen aus dem Arbeitsalltag.
Egal in welchem Unternehmen: Eine organisatorische Schnittstelle ist von großem Vorteil, da die Führungsebene für die Umsetzung großer Projekte eine wichtige Rolle spielt. Sie sollte klären, welchen Handlungsspielraum Green Teams haben, wie Freigaben funktionieren und welche Ressourcen zur Verfügung stehen.
Freiwilliges Engagement braucht Unterstützung
Doch im Kern leben Green Teams vom persönlichen Einsatz ihrer Mitglieder. Bei Schindler findet ein erheblicher Teil der Arbeit bislang außerhalb der regulären Arbeitszeit statt. Und genau darin liegt generell eine Grenze für die Arbeit von Green Teams: Viele Mitarbeitende würden gern bei Nachhaltigkeits-Projekten mitarbeiten, berichtet Meng, „aber sagen, sie schaffen das einfach zeitlich nicht“.
Dies ist eine Situation, die Green Teams in vielen Firmen erleben. Freiwilliges Engagement ist keine unbegrenzt verfügbare Ressource. Um ihnen die Arbeit zu erleichtern, benötigen Green Teams zumindest Ansprechpartner in den Entscheidungsebenen, Zugang zu relevanten Fachbereichen, klare Freigabewege und bei größeren Projekten Budget. Auch die Frage, ob und wenn ja, wie viel Arbeitszeit für das Engagement zur Verfügung steht, sollte geklärt sein.
Fazit: Green Teams brauchen Freiraum und Rückhalt
Die Beispiele zeigen: Green Teams können Nachhaltigkeit dort voranbringen, wo Mitarbeitende Probleme und Chancen im Arbeitsalltag erkennen. Dafür benötigen sie Freiraum für eigene Ideen, eine gute Abstimmung mit Sustainability-Verantwortlichen und Zugang zu den zuständigen Fachbereichen. Die Geschäftsführung sollte zugleich klare Rahmenbedingungen für Zeit, Budget und Entscheidungen schaffen. Dann können auch kleine Impulse – vom wiederverwendeten Servergehäuse bis zum Fahrradprojekt – zum Ausgangspunkt für konkrete Veränderungen werden. Green Teams ersetzen keine nachhaltige Unternehmensführung. Richtig eingebunden können sie aber dazu beitragen, dass sie im Arbeitsalltag tatsächlich gelebt wird.
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