Vom Labor in die Fabrik: Der Wettlauf um das Leder der Zukunft
Die Alternative zu tierischem Leder hieß lange Zeit Kunstleder. Das besteht in der Regel aus einem Grundträger aus Stoff, der mit Polyurethan (PU) oder PVC (Polyvinylchlorid) beschichtet ist. Beide Kunststoffe basieren auf fossilen Brennstoffen und sind auch sonst, mal vorsichtig ausgedrückt, ökologisch fragwürdig, denn sie sind nicht biologisch abbaubar und können Mikroplastik freisetzen.
Vom Apfel bis zur Alge
Seit einigen Jahren tüfteln Materialforschungsteams und Start-ups an Alternativen, die den hervorragenden Eigenschaften von tierischem Leder – das unter anderem langlebig, reißfest, abriebfest, elastisch, atmungsaktiv und strapazierfähig ist – möglichst nahekommen und alle negativen Produktionsbedingungen möglichst ausschließen. Das sogenannte vegane Leder wird aus Kakteen hergestellt oder aus Ananas, aus Algen, aus Apfel-, Trauben- oder Bierresten, aus Pilzen oder Holz oder Kork. Der Fantasie sind also wenig Grenzen gesetzt.
Von Hermès bis IKEA
Luxusmode-Marken, Automobil- und Möbelindustrie investieren inzwischen kräftig in diese Technologien. So sorgte das Superpremium-Label Hermès im Jahr 2021 mit einer aus pilzmyzelbasiertem Leder (entwickelt vom Unternehmen MycoWorks) gefertigten Tasche „Victoria“ für Aufsehen. BMW investierte im Januar 2026 nach dessen Beinahe-Pleite in das US-Unternehmen Natural Fiber Welding (NFW) und testet das Produkt Mirum – ein veganes, plastikfreies Leder auf Basis von Naturkautschuk –für Innenausstattungen und andere Fahrzeugkomponenten. IKEA ließ von der Universität Lund ein auf Braunalgen basierendes „Sea Leather“ erforschen.
Von Haptik bis Hitzebeständigkeit
Die drei Branchen zeigen exemplarisch, was Lederalternativen leisten müssen: In der Modebranche geht es um Haptik und Ästhetik, die Automotive-Industrie stellt darüber hinaus hohe Ansprüche an Haltbarkeit und Entflammbarkeit, bei Möbeln geht es auch noch um Abriebfestigkeit und Komfort. Alle Anwender fordern außerdem unisono, die Lederalternativen mögen nachhaltig, recyclebar und kreislauffähig sein. Letzteres wird befördert von der EU, die mit ihrer Regulatorik unter anderem dafür sorgen will, dass der Kreislaufwirtschaft die Zukunft und Mikroplastik der Vergangenheit (an-)gehört. Außerdem sind da auch noch die Konsumentinnen und Konsumenten, die zunehmend Wert auf Nachhaltigkeit legen.
Nicht skalierbar und zu teuer?
Das Geschäftsmodell ist keineswegs ein Selbstläufer: Im Herbst 2025 meldeten sowohl MycoWorks als auch Pionierunternehmen Piñatex beziehungsweise dessen britische Muttergesellschaft Ananas Anam Insolvenz an, NFW wurde kurz vor dem endgültigen Aus von Investoren gerettet. Die Herausforderung: Viele der veganen Alternativen lassen sich nicht in großen Mengen fertigen und/oder die Produktion ist zu teuer.
Doch die Schwierigkeiten bedeuten nicht, dass der Markt insgesamt ins Stocken geraten wäre. Während einige Pioniere scheitern, investieren andere in den Ausbau ihrer Produktion. Positive Nachrichten kommen zum Beispiel aus dem italienischen Bergamo: Dort meldet Vegea zu seinem zehnjährigen Bestehen auch gleich den Ausbau seiner Produktionskapazitäten von bisher maximal 10.000 auf mindestens 50.000 Quadratmeter GrapeSkin jährlich. GrapeSkin wird aus Trauben-Nebenprodukten hergestellt und ist als innovatives, hochwertiges Material für die Luxusindustrie positioniert. Auf der Liste der Projektpartner stehen zum Beispiel Calvin Klein, die Richemont-Gruppe, Diadora, Bentley oder Maserati. „Wir verzeichnen großes Interesse insbesondere aus den Bereichen Mode, Innenarchitektur, Möbel, Verpackung, Mobilität, Automobil und Schifffahrt“, schreibt Pressesprecherin Giulia D'Auria auf Anfrage.
Tatsächlich wächst der Markt: Laut dem Report Bio-based Leather Market – Global Forecast 2026–2032 von 360iResearch lag der globale Markt für biobasiertes Leder im Jahr 2025 bei 1,92 Milliarden US-Dollar und soll bis 2032 auf 3,47 Milliarden US-Dollar wachsen.
Revoltech will zum Standard werden
Ganz anders rechnet Montgomery Wagner, nämlich: größer. Der Mitgründer und Mitgeschäftsführer des deutschen Start-ups Revoltech aus Darmstadt betrachtete auf dem Sustainable Economy Summit in Berlin den Gesamtmarkt für Lederwaren (aller Art). Der sei 175 Milliarden Euro groß, „davon planen wir, langfristig 120 Millionen Euro für uns zu erobern. Das, was Gore-Tex für wasserdichte Textilien ist, wollen wir für nachhaltige Lederalternativen sein.“
Das ist ambitioniert, allerdings hat das 16-köpfige Revoltech-Team für diesen Optimismus sehr gute Gründe: Das 2021 gegründete Unternehmen produziert ein patentiertes Material mit dem schönen Markennamen LOVR, was für leather-like, oil-free, vegan und residue-based steht. LOVR ist komplett plastikfrei, vegan, biologisch abbaubar und recyclingfähig, es wird aus den günstig, regional und gut verfügbaren Reststoffen des Hanfanbaus hergestellt, es hat einen sehr niedrigen CO₂-Fußabdruck, es verfügt über hervorragende Produkteigenschaften (sagen zumindest Revoltech und sehr, sehr viele Nachhaltigkeits-Awards) und über einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Das Material lässt sich in zwei Meter breiten Bahnen auf Anlagen der Papierindustrie fertigen und ist damit vergleichsweise einfach skalierbar.
Auf dem Sprung zum Scale-up
Damit unterscheidet sich Revoltech deutlich vom Gros der Konkurrenz. Das Start-up hat zudem einen Vorzeige-Partner an seiner Seite: Volkswagen. Revoltech entwickelt gemeinsam mit dem Autokonzern Anwendungen für Fahrzeuginnenräume, die ab 2028 auf den Markt kommen sollen. Noch in diesem Jahr soll das Material in Testfahrzeugen verbaut werden. Außerdem im Visier der Darmstädter: Mode-, Möbel- und Kleinlederwarenhersteller. Derzeit, erzählt Montgomery Wagner, prüft Revoltech gemeinsam mit Leica Umhüllungen für deren Kameras. Mithilfe von Investoren aus verschiedenen Industrien hat Revoltech im vergangenen Jahr das erste Mal im großen Maßstab industriell produziert, das Unternehmen sei, so Wagner, „auf dem Sprung vom Start-up zum Scale-up“; noch in diesem Sommer soll die Serienproduktion starten. Um die kommenden Produktionen zu finanzieren, wirbt das Unternehmen um zusätzliche Investoren. Eine Million Euro ist gesichert, zwei weitere fehlen noch, aussichtsreiche Gespräche laufen, so Montgomery Wagner (Stand: Ende Mai). Vorbestellungen können gern aufgegeben werden. Parallel wird das Sales-Team verstärkt: „Jetzt steht alles unter dem Zeichen: Rollout!“, erzählt Montgomery Wagner.
Rollout! Das könnte derzeit generell das Leitmotiv des Marktes sein, denn er ist hoch dynamisch, innovativ und: Er wächst. Die EU könnte sich als Treiber dieser positiven Entwicklung erweisen. Mit der Ökodesign-Verordnung (ESPR) fördert sie beispielsweise die Kreislauffähigkeit von Materialien – das könnte biobasierte Materialien pushen. Auch eine hohe Besteuerung von CO2-Emissionen und hohe Nachhaltigkeitsanforderungen entlang von Lieferketten könnten den Markt beflügeln, denn je teurer fossile Stoffe werden, desto wettbewerbsfähiger werden tier- und kunststofffreie Alternativen.
Ob sich die neuen Materialien letztlich durchsetzen, entscheidet sich weniger im Labor als in der Fabrik. Die kommenden Jahre werden zeigen, welche Lederalternativen den Sprung von der innovativen Idee zum industriellen Standard schaffen.
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