23.05.2014 | Top-Thema Berufshaftpflicht in der Anwaltskanzlei - Pflichtschutz reicht oft nicht aus

Steigende Haftungsgefahr durch immer komplexere Fallgestaltungen

Kapitel
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Die Mandate werden zunehmend komplexer und erfordern nicht selten das Zusammenspiel mit anderen Experten – zum Beispiel bei der Realisierung eines großen Bauvorhabens. Früher kam der Mandant eher mit einzelnen Problemen zum Anwalt, heute bringt er von vornherein das gesamte Projekt mit. Damit steigt auch die Haftungsgefahr.

Anwälte müssen bei komplexen Fallgestaltungen viel mehr „am Rande des Geschehens“ erkennen. Auch zu rein wirtschaftlichen Fragen müssen sie ihren Mandanten Rede und Antwort stehen. Damit verlagert der Auftraggeber in letzter Konsequenz auch an und für sich originär bei ihm anzusiedelnde Risiken qua Haftung auf Rechts-, Steuer- und Wirtschaftsberater, wenn das Projekt schief laufen sollte. Keine Frage: Das Anspruchsdenken auf Seiten der Mandanten steigt. Es ist natürlich das gute Recht des Mandanten, die Beratung des Rechtsanwalts zu hinterfragen und begründete Haftpflichtansprüche notfalls auch gerichtlich durchzusetzen. Zuweilen entsteht jedoch der Eindruck, dass jede Prozessniederlage zum Anlass genommen wird, den Rechtsanwalt zumindest wegen vermeidbarer Kosten in Anspruch zu nehmen.

Junge Anwälte extrem gefährdet

Junge Anwälte und Berufseinsteiger haben wenig Berufserfahrung, können es sich aber andererseits nicht leisten, ein lukratives aber zu komplexes und schwieriges Mandat abzulehnen. Doch auch diejenigen jungen Anwälte, die in eine bestehende Sozietät eintreten, unterschätzen oft die sich ergebenden Haftungsrisiken aus bereits bestehenden Verbindlichkeiten der Kanzlei. Knallhart ist hier einmal mehr der Bundesgerichtshof.  Sozien, die neu in eine Sozietät eintreten, haften danach in analoger Anwendung des § 130 HGB auch für bereits bestehende Verbindlichkeiten der Gesellschaft mit ihrem Privatvermögen. Um die Haftung für Altschulden der Sozietät zu vermeiden, sollten sich Junganwälte bzw. neu in eine Sozietät eintretende Anwälte die nachfolgenden vier Fragen stellen:

  • Welche Deckungssummen stehen aktuell und für die Vergangenheit zur Verfügung?
  • Bieten die beteiligten Versicherer die Möglichkeit einer Rückwärtsdeckung?

Um sämtliche Deckungslücken zu schließen, ist eine Rückwärtsdeckung für die gesamte

Dauer des Bestehens der Sozietät erforderlich. Derartiger Versicherungsschutz wird jedoch nur im Einzelfall und gegen entsprechende Mehrprämie zu erhalten sein.

  • Ist der Versicherer bereit, für die Vergangenheit auf die Anwendung des §12 AVB (Durchschnittsbildung) zu verzichten?
  • Ist es möglich eine Haftungsfreistellung im Innenverhältnis zu vereinbaren?

Schlagworte zum Thema:  Haftung, Haftpflichtversicherung, Berufshaftpflicht

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