Corona-Pandemie hat das Gesundheitsmanagement vorangetrieben
Unsere Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Wirtschaftliche Unsicherheiten und geopolitische Spannungen prägen die betriebliche Realität. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Gesundheit – schon 2022 verwies der Soziologe und Gesundheitswissenschaftler Bernhard Badura nachdrücklich auf den Zusammenhang zwischen Krisenerfahrungen, Arbeitsverdichtung und gesundheitlichen Risiken. Die Studienlage scheint das zu bestätigen: Nach dem Barmer Gesundheitsreport 2025 entfallen mehr als ein Fünftel aller erkrankungsbedingten Fehlzeiten auf psychische Störungen, Ursachen sind vor allem auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Belastungen.
Studie zeigt: BGM steht vor neuen Aufgaben
Vor diesem Hintergrund haben die FOM Hochschule und die Barmer die quantitative Studie "BGM in Krisenzeiten" durchgeführt. Ziel war es, den aktuellen Stand des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) zu untersuchen und zentrale Herausforderungen sowie Zukunftspotenziale aus Sicht von Beschäftigten und BGM-Verantwortlichen zu identifizieren.
Im Fokus standen die Veränderungen der Arbeitswelt der vergangenen Jahre. Die Covid-19-Pandemie wird dabei als Teil einer umfassenderen Krisendynamik verstanden, die sowohl durch die Beschleunigung hybrider Arbeitsmodelle und digitaler Zusammenarbeit wie auch mit neuen psychischen Belastungen die Anforderungen an Unternehmen nachhaltig verändert hat. Grundlage der Untersuchung war eine Online-Befragung mit einem speziell entwickelten Fragebogen. Ausgewertet wurden die Antworten von 1.717 Erwerbstätigen und 269 Fach- und Führungskräften aus dem Bereich Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) und Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM).
Gesundheit rückt ins Zentrum der Unternehmensstrategie
Die Ergebnisse zeigen den Status quo des BGM und seine Veränderungen seit der Pandemie 2020/2021 in Deutschland. Sie verdeutlichen die Potenziale gesundheitsorientierter Unternehmensstrategien in einer dynamischen und krisenanfälligen Arbeitswelt. Die Covid-19-Pandemie hat nicht nur die Arbeitsbedingungen nachhaltig verändert, sondern auch die Entwicklung von BGM und BGF vorangetrieben. Rund 70 Prozent der befragten BGM-Verantwortlichen bestätigen, dass das Thema Mitarbeitergesundheit in ihrem Unternehmen seit der Pandemie an Bedeutung gewonnen habe.
Mit Blick auf die Übernahme sozialer Verantwortung für die Mitarbeitenden ("Corporate Social Responsibility") sprechen aktuell 66 Prozent der Befragten dem BGM in ihrem Unternehmen einen wichtigen Stellenwert zu, 83 Prozent erwarten, dass sich die Bedeutung sogar noch verstärken wird. Folgerichtig verstärken die Unternehmen ihr Engagement in der Mitarbeitendengesundheit und investieren in Ressourcenausstattung und Aufwand. Im Vergleich zur Vorpandemiezeit stellen etwa 43 Prozent der Unternehmen mehr finanzielle Mittel für Gesundheitsmaßnahmen bereit, rund 45 Prozent geben an, zusätzliche Zeit für BGM oder BGF bereitzustellen.
Mit zusätzlichen Ressourcen haben viele Unternehmen ihre Gesundheitsangebote spürbar erweitert: 42 Prozent der Befragten berichten von einer leichten, 20 Prozent von einer starken Zunahme im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie.
Besonders virtuelle Formate sind gefragt – fast 40 Prozent sehen einen leichten, ein Viertel einen deutlichen Anstieg seit 2021. Die während der Pandemie besonders intensiv genutzten digitalen Angebote sind auch nach der Pandemie ein wichtiger Zugang zur Mitarbeitergesundheit geblieben und sollte nach Ansicht der Mehrheit der Verantwortlichen (rund 53 Prozent) weiter ausgebaut werden. Gleichzeitig wünschen sich viele der Befragten (rund 57 Prozent) auch mehr Präsenzangebote.
Mehr Angebote der Betrieblichen Gesundheitsförderung
Zu den Top 5 der BGF-Angebote gehören neben ergonomischer Arbeitsplatzgestaltung, medizinischen Vorsorgeuntersuchungen, Maßnahmen zur familiengerechten Arbeitsorganisation und kostenloser Getränkeversorgung auch Seminare und Beratungen zum Stressmanagement, während Angebote in Form von betrieblicher Kinderbetreuung und Employee Assistance Programmen (EAP) mit am wenigsten verbreitet scheinen.
Hinsichtlich des betrieblichen Gesundheitsmanagements im Homeoffice besteht offensichtlich noch Nachholbedarf: So kümmern sich nur rund 40 Prozent der Befragten um körperliche, nur 43 Prozent um psychische Gesundheitsrisiken der Mitarbeitenden im Homeoffice. Weit mehr, nämlich 64 Prozent der Befragten sind sich dagegen einig, dass die Führungskräfte in ihren Unternehmen BGF als ein wichtiges Mittel zur Verbesserung der Mitarbeitergesundheit anerkennen und damit wichtige Player in der Umsetzung sind.
Größere Unternehmen bieten mehr BGM – KMU müssen aufholen
Die Herausforderungen während der Corona-Pandemie haben in unterschiedlicher Art und Weise auf die wahrgenommene Bedeutung von Gesundheit im Unternehmen eingewirkt: Beschäftigte in großen Unternehmen stimmen dem Bedeutungszuwachs stärker zu als Unternehmen im KMU-Bereich und Kleinstunternehmen.
Auch in der Struktur der Gesundheitsangebote gibt es in der zeitlichen Veränderung im Rahmen der Corona-Pandemie Unterschiede. Während größere Unternehmen verstärkt virtuelle Gesundheitsangebote eingeführt und ausgebaut haben, lag der Fokus bei kleineren Unternehmen weiterhin stärker bei Präsenzformaten. Die Teilnahmequote an virtuellen und Präsenzangeboten zeigt die gleiche Tendenz wie die Angebotsstruktur: je größer das Unternehmen ist, desto positiver hat sich die Teilnahmequote an virtuellen Angeboten entwickelt. Eine Erklärung könnte darin liegen, dass größere Unternehmen aufgrund ihrer Struktur und vorhandenen Ressourcen eher die Möglichkeit haben, digitale Formate auch im BGM einzusetzen, während kleinere Unternehmen weiterhin stärker auf persönliche Maßnahmen setzen (müssen). Die Ausstattung hat sich dagegen positiv entwickelt: kleinere Unternehmen berichten häufiger von Budgetsteigerungen und erweiterten zeitlichen Ressourcen für Gesundheitsmaßnahmen.
Defizite zeigen sich in der Angebotsstruktur, insbesondere im Bereich der ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung und Vorsorgeuntersuchungen: bei Kleinstbetrieben (mit maximal zehn Beschäftigten) sind die entsprechenden Angebote nur zu 30 Prozent vertreten. Große Unternehmen machen solche Angebote mehr als doppelt so häufig. Noch stärker fällt der Kontrast bei medizinischen Vorsorgeuntersuchungen aus: große Unternehmen bieten solche Angebote etwa zu 50 Prozent an, wohingegen die Quote bei Kleinstunternehmen unter fünf Prozent abfällt.
Die begrenzten Ressourcen bei kleinen Unternehmen zeigen sich auch in der generellen Betreuungsstruktur: in großen Unternehmen stimmen Befragte häufiger zu, dass sich ihr Unternehmen auch im Homeoffice um körperliche und psychische Gesundheitsrisiken kümmert. Ebenso finden sich Maßnahmen zur familiengerechten Arbeitsorganisation, wie flexibles Arbeiten oder Homeoffice-Angeboten, in großen Unternehmen häufiger als in kleineren Firmen.
Mittelstand noch skeptisch hinsichtlich des Nutzens von BGM-Maßnahmen
Vor der Corona-Pandemie herrschte gerade in kleineren und mittelständischen Betrieben häufig noch Unklarheit bezüglich des BGM-Nutzens sowie hinsichtlich der möglichen Unterstützung durch Dienstleister und Kassen, das zeigen Befragungen aus den Fehlzeitenreports des wissenschaftlichen Instituts der AOK aus diesen Jahren. Damals war Hauptgrund, warum BGM in vielen Unternehmen nicht eingeführt wurde, weniger die fehlenden finanziellen Mittel, sondern vor allem, dass Nutzen und Notwendigkeit nicht ausreichend erkannt wurden – und das trotz intensiver Öffentlichkeitsarbeit und zunehmender Sensibilisierung für Gesundheitsthemen.
Die relevanten externen BGM-Akteure müssen hier somit weiterhin aufklären, um KMUs bei der Einführung eines BGM zu unterstützen. Allerdings fehlen teilweise gesicherte empirische Erkenntnisse der gesundheitlichen Wirkungen einzelner BGF-Maßnahmen, sodass hier auch künftig weiterer Forschungsbedarf besteht – sowohl in der kurzfristigen als auch in der langfristigen Betrachtung.
Der zusätzliche Nutzen von BGF zur Mitarbeitergewinnung und -bindung hingegen ist in unterschiedlichen Studien nachgewiesen worden. Somit sind KMUs schon im Wettbewerb um Fachkräfte auf eine Intensivierung der BGF-Aktivitäten angewiesen. Wünschenswert wäre, durch weitergehende Forschung und Überzeugungsarbeit die stärkere Bedeutung gesundheitsrelevanter Intentionen voranzubringen, wobei letztlich nicht entscheidend ist, aus welcher Intention heraus eine systematische BGM-Implementierung angestrebt wird, wenn damit eine verbesserte Mitarbeitergesundheit erreicht werden kann.
Gesundheit wird zum Erfolgsfaktor der Unternehmen
Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse der vorliegenden Studie, dass Gesundheit immer mehr Teil von Unternehmensentscheidungen wird. Insbesondere die Corona-Pandemie hat hier Veränderungsprozesse bewirkt und in einigen mittelständischen Unternehmen zu einer Neubewertung der BGM-Relevanz geführt. So ist Gesundheit heute für Unternehmen jeder Größe längst keine freiwillige Zusatzleistung mehr, sondern gilt inzwischen als ein zentraler Erfolgsfaktor für Unternehmen.
Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere kleine und mittelständische Betriebe in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte im BGM erzielt haben. Traditionell war dieses Thema in solchen Unternehmen weniger formalisiert. Die Studienergebnisse belegen aber auch, dass Krisen wie die Corona-Pandemie Veränderungen beschleunigen können. Angesichts der bestehenden Herausforderungen durch steigende psychische Belastungen, Digitalisierungsdruck, demografischen Wandel und die Nachwirkungen der Pandemie wird ein gutes BGM, das Gesundheit als strategisches Thema begreift, immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die Gesundheit der Mitarbeitenden zu stärken ist somit nicht nur aus gesellschaftlicher Perspektive relevant, sondern auch entscheidend für zukunftsfähige Unternehmen.
Die Autoren:
Prof. Dr. Gerald Lux lehrt Gesundheits- und Sozialmanagement an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management.
Ann-Juliane Mohning ist HR Business Partner bei Nikon Deutschland und dort unter anderem verantwortlich für das betriebliche Gesundheitsmanagement.
Prof. Dr. Thomas Olbrecht ist Unternehmensberater und Professor für Gesundheitsmanagement und Wirtschaftspsychologie an der FOM – Hochschule für Oekonomie & Management.
Prof. Dr. Natalie Pomorin ist Professorin für Gesundheitswesen und medizinisches Management an der FOM – Hochschule für Oekonomie & Management.
Prof. Dr. Mustapha Sayed ist Head of Corporate Health bei der Barmer und Professor für Gesundheitsmanagement an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management.
Prof. Dr. Arnd Schaff ist Unternehmensberater und lehrt allgemeine BWL mit Schwerpunkt Change Management an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management.
Dieser Beitrag ist erschienen in Personalmagazin 9/2026. Als Abonnent haben Sie Zugang zu diesem Beitrag und allen Artikeln dieser Ausgabe in unserem Digitalmagazin als Desktop-Applikation oder in der Personalmagazin-App.
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