Niederlande: Nullenergie-Standard für Sozialwohnungen

Im Rahmen des Sanierungsprojekts Rennovates werden Sozialwohnungen in den Niederlanden binnen kürzester Zeit von fossilen Energieträgern auf Nullenergie-Standard mit elektrischer Energie umgestellt. Die Investitionen sollen sich auf Dauer selbst tragen.

In den Niederlanden wurde in den vergangenen Jahren in einem nationalen Klimakonsens beschlossen, dass der Einsatz fossiler Energieträger wie Erdgas bald Geschichte ist: Bis 2030 sollen mindestens die Hälfte aller Gebäude vom Gasnetz getrennt und mit regenerativ erzeugtem Strom beheizt werden.

Im nationalen Sanierungsprojekt "Stroomversnelling" – übersetzt „Stromschnellen“ – werden ältere Gebäude energetisch saniert und auf Stromversorgung für Haushalt und Heizung umgestellt. Es wurde von der niederländischen Regierung zusammen mit sechs Immobilienunternehmen sowie den vier größten Baufirmen des Landes ins Leben gerufen und wird im EU-Programm "Horizon 2020" gefördert. Ambitioniertes Ziel: Bis Ende 2020 sollen so 111.000 ältere Wohneinheiten, überwiegend Reihenhaussiedlungen, auf Null- bis Plusenergiestandard modernisiert sein.

Modernisierung von Sozialwohnungen aus dem Baukasten

Das Projekt Rennovates ist Teil der Stromschnellen-Sanierungsoffensive. Die Royal BAM Group hat unter diesem Namen acht Partnerfirmen aus ganz Europa versammelt und in diesem Verbund ein System entwickelt, das die Anforderungen der Stroomversnelling flächendeckend im sozialen Wohnungsbau einlösen will.

Der Verbund setzt dabei auf eine Sanierung kompletter Wohnviertel mit standardisierten Komponenten: Jedes Haus erhält eine neu gedämmte und mit Isolierglasfenstern ausgestattete Vorder- und Rückfassade, gedämmte Dachauflagen mit integrierten Photovoltaikzellen sowie ein außen angebrachtes "Energiemodul" mit Photovoltaik-, Heiz- und Lüftungstechnik. Die Umbauzeit beträgt nur etwa acht Tage pro Haus, da die Teile vorproduziert werden, in denen die Bewohner in ihren Wohnungen bleiben können. Auf diese Weise wurden in den vergangenen Jahren bereits mehr als 250 Häuser modernisiert.

Anpassung via BIM und 3D-Scanner

Da die Reihenhäuser zwar ähnlich, aber nicht identisch sind, werden die Bauelemente durch "Building Information Modelling" (BIM) an die jeweilige Siedlung angepasst. Ein 3D-Scanner erfasst die Häuser, sodass die Produktionsstraße die Fassaden- und Dachelemente technisch und optisch an die Häuser anpassen kann.

"Durchschnittlich sind etwa 80 Prozent der Komponenten, Bauteile und Formen bei Rennovates standardisiert. Rund 20 Prozent werden individuell angepasst." Dennis van Goch, technischer Projektleiter der Royal BAM Group

Die gedämmte Gebäudehülle spart rund 60 Prozent an Heizenergie ein, berichtet van Goch. Die übrige Energieversorgung erfolgt elektrisch, weitgehend mit Photovoltaik vom eigenen Dach – und dem Energiemodul. Dieser vormontierte Mini-Container beherbergt die komplette neue Haustechnik aus Photovoltaik-Wechselrichter, Hausbatterie, Wärmepumpe und Warmwasserspeicher. Er wird am Haus aufgestellt und innerhalb von zirka zwei Stunden an die zentralen Versorgungsanschlüsse angebunden.

Haustechnik mit EEBUS und Energiemanager

Möglich wird die elektrische Versorgung aller Anlagen im Haus durch ein vernetztes Energiemanagement vom belgischen Konsortialpartner Enervalis, das möglichst viel Strom vom Dach in die Beheizung des Warmwasserspeichers sowie in die Hausbatterie steckt. Dabei können die Bewohner mitverfolgen, wann sie mit Strom vom eigenen Dach heizen oder waschen. Damit sich alle Komponenten der Nullenergiehäuser miteinander verstehen, haben die Softwarespezialisten der Kölner KEO GmbH Kommunikationsschnittstellen auf Basis des EEBUS-Standards programmiert.

EEBUS verbindet alle energierelevanten Systeme und Geräte im Haus über Hersteller- und Systemgrenzen hinweg und bildet so eine unsichtbare Vermittlungsebene zwischen den Komponenten und der Energiemanager-Software.

"Durch den offenen Standard der EEBUS-Kommunikation müssen wir uns auf keine bestimmten Systeme oder Hersteller festlegen und können künftig für jedes Projekt und in jedem Markt die optimalen Komponenten einsetzen", erklärt Projektleiter van Goch. So lässt sich etwa das Modell der Wärmepumpe je nach Größe des Hauses oder Kundenwunsch austauschen.

Quartiersplanung in der Smart Neighbourhood

In diesem Projekt geht die Idee des Energiemanagements noch einen Schritt weiter: Die einzelnen Häuser werden zu intelligenten Wohnquartieren vernetzt. Das ist angesichts der nationalen Pläne wichtig: Mit immer mehr Elektroheizungen und künftig überwiegend elektrischen Autos muss das Stromnetz deutlich mehr Energie verteilen als bisher. Ohne lokale Erzeugung und eine intelligente Energieverteilung vor Ort wären milliardenschwere Netzausbauten erforderlich.

Hier war daher von Anfang an der regionale Stromnetzbetreiber Stedin mit im Boot. Er schließt die einzelnen Wohnviertel zu intelligenten "Smart Micro Grids" zusammen. An der Übergabestelle zum Netz werden die Informationen über die Energieströme und -bestände aus allen Häusern von einer Energiemanagementzentrale gesammelt und für die Nutzung in der Smart Grid aufbereitet. Diese tauscht sich dann mit dem Betreiber des lokalen Netzes ebenfalls in einer gemeinsamen Sprache aus.

Reihenhaussiedlung Woerden Sanierungsprojekt Rennovates
Reihenhaussiedlung im niederländischen Woerden: Neben den Eingangstüren stehen die Energiemodule für jede Wohneinheit.

Modernisierung trägt sich selbst

Rennovates soll Vorteile für alle Beteiligten bringen: Die Wohnungsunternehmen, denen die Wohnsiedlungen gehören, gewinnen durch die Sanierung den Erhalt und eine deutliche Aufwertung der Immobilien. Der Netzausbau durch die Umstellung auf elektrische Energieversorgung wird begrenzt. Für die Bewohner soll sich trotz eines verbesserten Wohnkomforts in finanzieller Hinsicht nichts ändern.

Die Kosten pro Haus betragen rund 50.000 Euro, die zunächst einmal finanziert werden müssen. Die Tilgung erfolgt einerseits über die längere Nutzung der Immobilien mit gleichbleibenden bis leicht steigenden Mieteinnahmen und andererseits über den geringeren Bedarf an Energie aus dem Netz. Mieter bezahlen künftig nur noch im Falle von außerordentlichem Mehrverbrauchs eine minimale Stromrechnung. Die Differenz zur bisherigen Strom- und Gasrechnung wird als Servicepauschale für die neue Haus- und Energietechnik erhoben. Die geht teilweise an die Royal BAM und ihre Partnerunternehmen, die den Betrieb und die technische Wartung der neuen Energietechnik sicherstellen.

Im Moment werden die tatsächlichen Energie- und Kostenbilanzen noch ermittelt. Mit in die Berechnung der Rendite fließen dabei auch die potenziellen Kosten für den eingesparten Netzausbau: Die Energiewende hin zur "All-Electric"-Versorgung gilt als gesetzt.

Auf zwei Dinge legen die Rennovates-Macher besonderen Wert. Erstens: Diese Art der Modernisierung wurde erst möglich, indem sich Konsortialpartner aus unterschiedlichen Branchen austauschten und dabei ihre üblichen Denkmuster hinterfragten. Zweitens: Der Bewohner steht im Mittelpunkt. Das Projekt verbessert die Wohnqualität, senkt die Baukosten gegenüber individuellen Sanierungen, minimiert den Energieverbrauch und macht die Bewohner zu aktiven Teilhabern an der Energiewende – ohne Mehrkosten, die bei Sozialwohnungen ohnehin nicht umsetzbar wären.

Über den europäischen Zaun schauen

Wenn man die bereits sanierten Siedlungen genauer betrachtet, entsteht ein gutes Bild davon, wie Energiewende funktionieren kann: Möglichst viel Energie dort erzeugen, wo sie benötigt wird, um kostspielige Netzausbauten zu minimieren.

Diese Methode ist in den Niederlanden hoch angesehen. Der Minister für Wirtschaft und Klima Eric Wiebes trat beim Abschlussevent der ersten rund 250 Rennovates-Nullenergiehäuser auf und machte sich für weitere "Stroomversnelling"-Projekte stark. Alleine in diesem Jahr sollen laut Projektleiter Dennis van Goch noch mindestens weitere 100 Wohneinheiten nach dem Prinzip von Rennovates saniert werden.

Doch neben dem Netzausbau im großen Stil wächst auch in Deutschland die Erkenntnis, dass eine dezentrale Struktur aus Energieerzeugung und -management wichtig ist, um Angebot und Nachfrage in Zukunft in Einklang zu halten. Dabei spielt die übergreifende Kommunikation zwischen dezentralen Erzeugern wie Windkraft- und PV-Anlagen mit den verschiedenen Verbrauchern über die EEBUS-Technologie eine tragende Rolle. Eine ganze Reihe von Pilotprojekten werden derzeit von Mitgliedsfirmen und Arbeitsgruppen der EEBUS-Initiative angeschoben – etwa unter dem Dach des europäischen Förderprogramms Horizon 2020. Ihr Ziel ist es, das Zusammenspiel flexibler Verbraucher mit dezentralen Erzeugungsanlagen und flexiblen Stromtarifen in der Praxis zu untersuchen.

Im norddeutschen Norderstedt etwa stattet ein solches Projekt in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken zunächst 50 Haushalte mit smart steuerbaren Wasch- und Spülmaschinen sowie Trocknern aus, die sich über eine vernetzte Steuerung und flexible Stromtarife ferngesteuert aktivieren lassen. Dank solcher Anreize soll der volatil verfügbare Windstrom der Region effizient und lokal verbraucht werden. In weiteren Schritten des Projektes soll das Energiemanagement auch Wärmepumpen und E-Auto-Ladestationen über flexible Tarife mit günstigem Strom aus der Nachbarschaft versorgen.

Ausblick

Das Rennovates-Konsortium hat mittlerweile Niederlassungen in mehreren Ländern eröffnet, um das Konzept der systematischen und bezahlbaren energetischen Modernisierung in andere Märkte zu übertragen.

In Belgien arbeitet Rennovates derzeit an einem Prototyp für Wohnbauten. In Deutschland ist die Deutsche Energieagentur (dena) damit beschäftigt, das Prinzip der industriellen, energetischen Sanierung unter dem Begriff " Energiesprong Deutschland" auf den Wohnbau zu übertragen. Diese Initiative wird auch vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen unterstützt.

Auch das EU-Programm Energiesprong hat seinen Ursprung in den Niederlanden. Es ist eine Art Dachmarke der dortigen Stroomversnelling-Projekte. Rennovates schließlich ist eine besonders weit entwickelte Variante davon.


Der Artikel erschien in der Zeitschrift "DW Die Wohnungswirtschaft", Ausgabe 03/2019.


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