Immer mehr Städte denken über Wohnhochhäuser nach

Der Wohnungsknappheit mit Hochhäusern auf den Leib rücken: Darüber denkt man gerade in Karlsruhe nach. Allein steht die badische Hauptstadt damit nicht, denn in ganz Deutschland setzen Großstädte seit einigen Jahren wieder auf moderne Wohnhochhäuser. Doch sind die teuren Türme tatsächlich ein Rezept gegen den Wohnungsmangel?

Gerade weil nicht jedes Gebäude aufgestockt werden könne und freie Flächen rar seien, dürfen aus Sicht von Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) auch neue Hochhäuser kein Tabu sein. "Denkbar sind sie prinzipiell überall außerhalb der als schützenwürdig erachteten Stadtstruktur", sagt Stadtsprecher Bernd Wnuck. Derzeit erarbeitet ein Schweizer Planungsbüro ein Konzept, das bis Ende 2019 geeignete Flächen in der Stadt identifizieren soll.

Städteplaner: Hochhäuser kein Patentrezept gegen Wohnungsnot 

Doch muss zwingend in die Höhe gebaut werden, um den nötigen Wohnraum für alle zu schaffen? Es geht auch gut und anders, wie unsere Autorin Oona Horx-Strathern schreibt.

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt auch Markus Neppl, der Leiter des Fachgebiets für Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT): Obwohl er "innovative und mutige Gebäude" in Karlsruhe begrüßen würde, sieht er Hochhäuser nicht als Patentlösung gegen den Wohnraummangel.

"Wohnen in Hochhäusern ist heute eher ein teures Wohnen." Markus Neppl, Leiter Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Statik, Brandschutz, Klima-, Sicherheits- oder Aufzugstechnik seien Hauptkostentreiber, so Neppl. Auch Infrastruktur und Stellplätze seien teuer, zudem müssten aufgrund der Verschattung große Abstandsflächen gewahrt werden. Der Architekturprofessor kennt keine aktuellen Beispiele von kostengünstig gebauten Hochhäusern, die bezahlbaren Wohnraum in den benötigten Größenordnungen schaffen können.

Der stetige Zustrom an Einwohnern, eine starke Wirtschaft und knappe Flächen führten vielmehr zu einem Imagewandel der Hochhäuser - vom sozialen Brennpunkt zur hippen Wohndestination - mit entsprechend hohen Preisen, schreibt unsere Autorin Gabriele Bobka. Die Zielgruppe werde elitärer.

Hochhäuser: eine Herausforderung auch für Stadtplaner

Der Bau von Hochhäusern ist eine besondere Herausforderung. In Karlsruhe etwa gelten statisch besondere Anforderungen: Die Stadt liegt im Oberrheingraben, die Planung muss Maßnahmen für die Erdbebensicherheit berücksichtigen.

Eine weitere Herausforderung ist die Kostenplanung. Nach der Pleite des früheren Gewa-Tower-Investors in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) beispielsweise ruhten die Bauarbeiten am geplanten dritthöchsten Wohngebäude Deutschlands knapp zwei Jahre. Inzwischen baut ein neuer Investor das 107 Meter hohe Wohnhaus unter dem Namen "Schwabenland-Tower" weiter mit kleineren Wohneinheiten als ursprünglich geplant.

In Städten mit Kessellage, wie etwa direkt in Stuttgart, sei es schon klimatisch schwierig, und eine Stadt wie Freiburg habe eher ein anderes Selbstverständnis, so KIT-Städteforscher Neppl. Andere Städte dagegen haben ihre Wohntürme schon: Bremen den 70 Meter hohen Landmark-Tower, das bisher höchste Gebäude in der Bremer Überseestadt, mit 53 hochwertigen Wohnungen und Suiten, Hamburg den 17-stöckigen Marco Polo Tower, Frankfurt am Main das 40-geschossige (Luxus-)Wohnhochhaus Henninger Turm, 140 Meter hoch.

Marco Polo Tower Hamburg
Der Marco Polo Tower in der Hamburger Hafencity beherbergt auch Wohnungen.

Wohntürme: Innovativ, mutig, sozial verträglich?

Gerhard Mauch, Dezernent beim Städtetag Baden-Württemberg, kann sich neue Hochhäuser "im Einzelfall" zumindest in größeren Städten vorstellen. Sie müssten ins Stadtbild passen.

Hochhäuser müssten außerdem sozial verträglich sein: Bei Anonymität, einseitigen Strukturen und überforderten Nachbarschaften könne ein Quartier "abstürzen", warnt Mauch.

"Der Normalbürger will in überschaubaren Einheiten wohnen, wo die Anonymität nicht so groß ist." Gerhard Mauch, Dezernent beim Städtetag Baden-Württemberg

Alle gesellschaftlichen Gruppen, Alte oder Junge, Singles oder Familien, Reiche oder sozial Schwächere hätten unterschiedliche Bedürfnisse, ergänzt Neppl. Mit pauschalen Lösungen werde man diesen nicht gerecht. "Die Stadt aber grundsätzlich auch vertikal weiterzudenken, darf kein Tabu sein", so der Experte, "aber bitte differenziert und mit Augenmaß."

Beispiel Stuttgart-Asemwald: Hartes Äußeres, aber ausgeprägtes Wir-Gefühl

Differenziert und mit Augenmaß? Die Wohnblocks in Stuttgart-Asemwald, gebaut 1968 bis 1972, mit bis zu 23 Stockwerken und rund 1.100 Wohnungen schrecken aufgrund ihres Äußeren manchen ab. Familien etwa, die vom Häuschen im Grünen träumen. Höchst umstritten war das ambitionierte Hochhaus-Projekt "Hannibal" schon im Vorfeld der Realisierung: "Die Wohnmaschine" titelte das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" einen kritischen Artikel im Jahr 1957.

"Ältere und Singles schätzen die Infrastruktur mit Rund-Um-Hausmeister-Service", meint jedoch Werner Pohl, Journalist und Bewohner im Hochhaus-Komplex Stuttgart-Asemwald. Mit Rollator lasse es sich hier genauso gut leben wie mit Rollstuhl, sagt Pohl, der seit einem Sportunfall auf Barrierefreiheit angewiesen ist. Und anonym sei der Asemwald nicht: "Wir haben hier ein ausgeprägtes Wir-Gefühl".

Wohnsiedlung Hannibal Stuttgart Asemwald
Die Hochhaussiedlung "Hannibal" in Stuttgart-Asemwald, gebaut 1968 bis 1972, mag mit ihrem Äußeren manchen abschrecken.

Von Singapur bis Frankfurt am Main: Hochhäuser haben Konjunktur

Nicht nur in Deutschland sind die Wohntürme im Gespräch: International schaffen die Gebäude schon seit Langem den Sprung von der Vision in die Realität. Ein Beispiel für eine ehemalige Vision ist etwa "The Interlace", ein von OMA und dem Büro Ole Scheeren entworfener Gebäudekomplex mit 1.000 Wohnungen in Singapur. Es ist bemerkenswert für sein Design mit 31 übereinander gestapelten und verschachtelten Gebäudeblöcken. Das Gebäude wurde 2014 als weltweit bestes Hochhausprojekt für städtischen Lebensraum ausgezeichnet.

Architekt Scheeren will nun in Frankfurt am Main den Union-Investment-Turm zum Wohnhaus machen. In der Mainmetropole investiert außerdem ein Joint Venture aus Commerz Real und Groß & Partner 270 Millionen Euro in einen 140 Meter hohen Wohn- und Hotelturm. In dem Hybridhochhaus entstehen 187 Miet- und Eigentumswohnungen (24. bis 40. Obergeschoss). Und etwa die Leipziger Wohnungsgenossenschaft "Lipsia" nimmt 12,2 Millionen Euro in die Hand und baut einen Wohnturm im Stadtteil Grünau.

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