Die Türme des Upper West in der Nähe der Berliner Gedächtniskirche sind kaum zu übersehen Bild: Strabag Real Estate ⁄

In Berlin hat Strabag Real Estate nach vier Jahren Bauzeit das Hochhaus "Upper West" fertiggestellt. Der neue Turm am Breitscheidplatz misst 118 Meter. Eigentümerin ist die RFR Holding. Architekten sehen in vielen wachsenden deutschen Städten einen Trend zum Hochhaus. Die Frage ist nur, ob diese Entwicklung die Wohnungsmärkte der Metropolen entlasten wird. Kritiker halten das für fraglich, solange die Türme nur im Luxussegment gebaut werden.

Berlin ist im Wachstum und in einem Hochhauszeitalter angekommen, in dem es um Investitionen geht, um Prestigebauten – und auch um den Preis dafür. 

Der Turm des neuen Upper West-Komplexes lässt sich kaum übersehen. Im Inneren gibt es eine gemischte Nutzung: Unten Geschäfte, darüber ein Budget-Hotel der Marke Motel One mit 582 Zimmern und Büros mit einer Gesamtfläche von 25.500 Quadratmetern und schließlich die "Skybar" in 110 Metern Höhe. Ein Wolkenkratzer ist es nicht, aber er gehört zu den Top Five aller Turmbauten in Berlin. Wolkenkratzer heißen Gebäude oft erst ab 150 Metern Höhe. Außer in Frankfurt am Main gibt es derzeit keine von Hochhäusern dominierte Stadtzentren in Deutschland. "Es deutet einiges darauf hin, dass in Zukunft auch in anderen deutschen Städten höher gebaut wird", sagt Professor Claus Steffan, Architekt und Stadtplaner an der nahen Technischen Universität. Menschen ziehe es verstärkt in die Metropolen, Fläche und Wohnraum werden in den Zentren immer knapper.

"Verdichtung kann heute auch wieder Hochhaus heißen. Das sehe ich schon als Trend", sagt Claus Steffan.

Benedikt Hotze, Sprecher des Bundes Deutscher Architekten, sieht die Entwicklung mit gemischten Gefühlen: "Berlin holt bei Bauinvestitionen nach, was für die 90er Jahre erwartet wurde". Als die Mauer fiel, zogen viele Berliner lieber ins Umland. Selbst die Innenstadt versprach so wenig Rendite, dass Investoren Flächen in zentraler Lage einfach liegen ließen. Noch vor rund zehn Jahren verteidigten Alternative ihre Claims in Robin-Hood-Manier mit Erfolg. So blieb etwa der Uferstreifen an der Spree breiter, es gab Kompromisse. Dieses Kapitel scheint Vergangenheit: Auch in den Mauerresten der East Side Gallery klaffen nun Lücken als Zugang zu Luxusapartments.

"Gerade wird wieder gebaut, was deutsche Städte nicht brauchen", urteilt Architekt Hotze.

Jahrelang seien es Büros oder Hotels gewesen, nun Luxus-Wohntürme. "Das ist alles rein renditegetrieben und hat keine Gemeinnützigkeit oder andere Werte im Blick", meint Hotze. Die Hamburger Hafencity sei ein Beispiel dafür. In Berlin zeige es sich am Alexanderplatz, wo Star-Architekt Frank Gehry als Sieger eines Wettbewerbs für einen 150 Meter hohen Wohnturm hervorging, der zwischen DDR-Bauten in die Höhe wachsen soll. 

Gehry-Modell für den Berliner Alexanderplatz Bild: Hines

Hochhaus zum Wohnen wird aufgewertet

In den 70er Jahren hatte sich Deutschland weitgehend von Hochhäusern verabschiedet. Konzepte für Hochhaus-Siedlungen am Stadtrand waren nicht aufgegangen, oft entstanden soziale Brennpunkte. Es habe an Infrastruktur und Mietermix gemangelt, sagt TU-Planer Steffan. Danach entstanden Hochhäuser dann eher als Prestigebauten, unter anderem für Banken. Für Claus Steffan gehören Wohnhochhäuser ins Zentrum. Doch teure und schicke Wohntürme mit günstigen Mieten sind kaum denkbar. Sie rechnen sich für Investoren nicht und fallen damit als Puffer für den angespannten Wohnungsmarkt im Stadtzentrum aus.

"Konzepte mit bezahlbarem Wohnraum und Alternativkultur fallen hinten runter, weil die öffentliche Hand bei Bundesgrundstücken gezwungen ist, sie meistbietend zu verkaufen", sagt Architekt Hotze. Er wünscht sich eindeutigere Signale von der Politik. Mehr als Mietpreisbremsen und Ferienwohnungsverbote, sagt er. Mit politischem Willen ließen sich Gesetze ändern – hin zu einer Vergabe mit Gemeinwohlorientierung.

Der rot-rot-grüne Senat will sich nach eigenen Angaben kümmern. Auch um die Hochhäuser, für die es bis heute keinen richtigen Plan gibt. In München hingegen sprach sich bereits 2004 ein Volksentscheid dafür aus, dass kein Haus höher sein darf als die Türme der Frauenkirche: also maximal 100 Meter hoch.

"Eine Stadt muss sich auch Gedanken machen, wo sie Hochhäuser haben will", sagt Claus Steffan.

Schlagworte zum Thema:  Nachverdichtung, Hochhäuser, Berlin

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