Nachhaltigkeit bleibt Chefsache – aber Rückenwind bleibt aus
Noch vor wenigen Jahren galt Nachhaltigkeit als das große Zukunftsthema der deutschen Wirtschaft. Klimaschutz, soziale Verantwortung und die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise standen ganz oben auf der Agenda. Nun zeigt der neue Sustainability Transformation Monitor 2026 (STM): Die Dynamik lässt nach. Unternehmen beklagen unsichere politische Rahmenbedingungen, und das Thema verliert in vielen Chefetagen an Priorität. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 59 Prozent der befragten Unternehmen berichten, dass Nachhaltigkeit intern an Bedeutung verliert – ein dramatischer Anstieg im Vergleich zu nur 14 Prozent im Vorjahr.
Die Frage ist: Wie konnte es so weit kommen? Und was bedeutet das für die Zukunft der Nachhaltigkeitstransformation?
Von der Aufbruchstimmung zur Ernüchterung
Noch vor zwei Jahren herrschte in vielen Unternehmen Aufbruchstimmung. Nachhaltigkeit war nicht nur ein moralisches Gebot, sondern auch ein strategisches Ziel. Die Politik hatte ambitionierte Klimaziele formuliert, und viele Unternehmen folgten. 2026 ist die Stimmung spürbar gekippt. „Ohne klare, verlässliche Signale aus Politik und Märkten droht die Transformation in eine Phase der Stagnation zu geraten“, warnt Jakob Kunzlmann, Nachhaltigkeitsexperte der Bertelsmann Stiftung.
Besonders betroffen sind Großunternehmen und größere Mittelständler, die stärker von gesellschaftlichen und politischen Debatten beeinflusst werden. Hier geben zwei von drei der befragten Unternehmen an, das Thema Nachhaltigkeit verliere durch gesellschaftliche Debatten an Priorität. Der politische Rückenwind, der einst für Schwung sorgte, ist vielerorts einem Gegenwind aus Unsicherheit und Planungschaos gewichen.
Die Treiber der Transformation schwächeln
Einst galten junge Arbeitnehmer:innen als die stärksten Treiber der Nachhaltigkeitstransformation. Ihre Forderungen nach klimafreundlicheren Arbeitgebern und nachhaltigen Unternehmensstrategien waren laut und deutlich. Doch auch hier zeigt sich ein Rückgang: Nur noch 60 Prozent der Unternehmen sehen in zukünftigen Fachkräften einen starken Antrieb für ihre Nachhaltigkeitsbemühungen – ein Rückgang von 12 Prozentpunkten im Vergleich zu 2024.
Noch dramatischer ist der Bedeutungsverlust der Politik. Während sie in den vergangenen Jahren als wichtiger Treiber wahrgenommen wurde, sank ihre Relevanz 2026 um 31 Prozentpunkte. Stattdessen sehen viele Unternehmen die Politik nun als Hemmschuh: Unsichere Rahmenbedingungen und fehlende wirtschaftliche Anreize bremsen die Transformation aus. „Wir brauchen jetzt eine neue Fokussierung: mehr strategische Priorisierung, verlässliche politische Rahmenbedingungen und marktwirtschaftliche Anreize, wie beispielsweise eine CO2-Bepreisung mit verlässlichen Preispfaden“, fordert Kunzlmann.
Der Business Case für Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit kostet Geld. Doch bringt sie auch wirtschaftliche Vorteile? Nur 17 Prozent der Befragten sehen einen klaren wirtschaftlichen Nutzen ihrer Nachhaltigkeitsinvestitionen. Für viele Unternehmen scheinen die Kosten derzeit die potenziellen Vorteile zu überwiegen. Kürzungen bei Nachhaltigkeitsmaßnahmen wirken kurzfristig kostensenkend, langfristig könnten sie jedoch erhebliche Risiken bergen.
In der Unternehmensfinanzierung spielt Nachhaltigkeit dahingegen weiterhin eine Rolle – jedoch keine zunehmende. Vier von fünf befragten Banken erwarten, dass Nachhaltigkeit in der Unternehmensfinanzierung eine Rolle spielt. In der Realwirtschaft stimmt dem nur etwa die Hälfte der Befragten zu. Incken Wentorp, Nachhaltigkeitsexpertin der Peer School for Sustainable Development, sagt dazu: „Nachhaltigkeitsdaten sind heute vielfach vorhanden – ihre Wirkung in Kreditentscheidungen bleibt jedoch begrenzt. Solange sie nicht systematisch in Risikoanalysen und Konditionen einfließen, entstehen keine spürbaren Transformationsanreize.“
Unternehmen bleiben auch ohne Pflicht bei der Berichterstattung
Trotz der Herausforderungen gibt es auch positive Entwicklungen. Die Erhebung von Klimadaten nimmt weiter zu: 86 Prozent der Unternehmen erfassen mittlerweile ihre Treibhausgasemissionen. Und obwohl das EU-Omnibusverfahren viele Unternehmen von der Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung entbindet, planen 75 Prozent der befragten Unternehmen, freiwillig weiter zu berichten. Nur knapp 8 Prozent planen keine Berichterstattung mehr. Das zeigt, dass viele Unternehmen die Berichterstattung nicht nur als regulatorische Last, sondern auch als strategischen Mehrwert sehen.
Dennoch bleibt die Komplexität der regulatorischen Anforderungen eine große Herausforderung. Die Erhebung der Daten zur Transformation ist laut Manuel Reppmann, Projektleiter der Studie und Nachhaltigkeitsexperte der Universität Hamburg, kein Selbstzweck. Er sagt: „Sie müssen in die Unternehmenssteuerung sowie in Investitions- und Finanzierungsentscheidungen eingebunden werden“.
Biodiversität: Eine blinde Stelle
Während Klimadaten immer besser erhoben werden, bleibt ein anderes Thema weitgehend unbeachtet: der Verlust der Biodiversität. Viele Unternehmen wissen nicht, ob und wie sie von den Folgen des Artensterbens betroffen sind. Die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit ist demnach oft noch nicht vollständig in den Strategien der Unternehmen angekommen. „Das legt eine Wissenslücke offen, die für Unternehmen, aber auch für die deutsche Wirtschaft insgesamt, einen Risikofaktor für die Wertschöpfung darstellt“, kommentiert Biodiversitätsexpertin Dr. Myriam Rapior im Studienband.
Fazit: Eine Transformation auf der Kippe
Der Sustainability Transformation Monitor 2026 zeichnet ein gemischtes Bild. Einerseits gibt es Fortschritte bei der Erhebung von Klimadaten und der freiwilligen Berichterstattung. Andererseits verliert das Thema Nachhaltigkeit in vielen Unternehmen an Dynamik. Unsichere politische Rahmenbedingungen, fehlende wirtschaftliche Anreize und die Depriorisierung des Themas in den Chefetagen bremsen die Transformation aus.
Die Studie zeigt aber auch: Nachhaltigkeit ist noch lange nicht vom Tisch. 86 Prozent der Unternehmen erfassen Klimadaten, und viele halten an ihren Klimazielen fest. Doch um die Transformation voranzutreiben, braucht es neue Impulse – von der Politik, den Märkten und nicht zuletzt von den Unternehmen selbst. „Transformation ist zunehmend eine Koordinationsaufgabe zwischen Unternehmen, Banken, Investoren und Politik“, resümiert Laura Marie Edinger-Schons, Professorin für nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Hamburg.
Über den Sustainability Transformation Monitor 2026:
Der STM wird jährlich in Kooperation der Bertelsmann Stiftung, der Stiftung Mercator, der Universität Hamburg und der Peer School for Sustainable Development durchgeführt. Die vierte Ausgabe basiert auf Daten von 822 Unternehmen, Banken und Investoren und untersucht insbesondere die Schnittstellen zwischen Real- und Finanzwirtschaft. Die vollständige Studie ist unter sustainabilitytransformation.org verfügbar.
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