Best Practice-Prozess für die Nachhaltigkeitstransformation
Unternehmen sollten ESG als umfassende Nachhaltigkeitstransformation planen und umsetzen. Der Erfolg wird daran gemessen, wie die ESG-Strategie durch einen holistischen Kulturwandel innerhalb der gesamten Organisation implementiert wird. Aus meiner Unternehmensberatung habe ich hierfür einen ESG-Best Practice-Entwicklungs- und -Implementierungsprozess ausgearbeitet.
Dieser Prozess umfasst sechs Schritte ‒ von der Definition des Zwecks über ESG-Reportings und Incentivierung bis hin zum Stakeholder-Engagement und zur Unternehmenskultur. Zunächst stimmen Unternehmen den Unternehmenszweck und die Strategie ab. Danach erstellen Unternehmen ESG-Reportings und messen sowie überwachen den ESG-Erfolg. Drittens nutzen sie Vergütungspläne für Führungskräfte und Mitarbeitende, um nachhaltiges Handeln in deren Organisation zu verankern. Viertens werden alle relevanten Stakeholder eingebunden. Fünftens verankern Unternehmen ESG in ihre Unternehmenskultur, um Nachhaltigkeit langfristig zu integrieren.
1. Stimmen Sie den Zweck und die Strategie ab
Unternehmen beginnen mit der Ausrichtung des Unternehmenszwecks an ihrer allgemeinen Geschäftsstrategie, der Festlegung von Zielen und einem strategischen Fahrplan zur Umsetzung. Danach definieren und bewerten sie ESG-Risiken sowie wesentliche Faktoren basierend auf ihrer Relevanz für deren Stakeholder und den Auswirkungen auf ihr Geschäft. Darüber hinaus ist der Unternehmenszweck in der Kommunikation und in den Aktivitäten des Unternehmens sichtbar. Unternehmen verdeutlichen, wie spezifische ESG-Initiativen in das Geschäftsmodell integriert sind, indem Unternehmen Investorinnen und Investoren ihr nachhaltiges Geschäftskonzept präsentieren.
Burberry und Novartis haben ESG-Kriterien direkt in ihre Kapitalbeschaffungsstrategien integriert
Einige Unternehmen haben ESG-Aspekte direkt in ihre Kapitalbeschaffung einbezogen, indem sie grüne oder nachhaltigkeitsbezogene Anleihen (Sustainability Linked Bonds [SLBs]) ausgeben, um Investorinnen und Investoren das nachhaltige Geschäftskonzept näherzubringen. Diese Anleihen enthalten spezifische strukturelle oder finanzielle Bedingungen, die an vordefinierte Key Performance Indicators (KPIs) gebunden sind, die sich auf Nachhaltigkeitsziele beziehen. Bei der Entscheidung über den Einsatz solcher Instrumente ist es entscheidend, wie sie die ESG-Prioritäten eines Unternehmens unterstützen und fördern können.
Burberry
Das britische Modeunternehmen Burberry kündigte im Jahr 2020 eine mittelfristige Nachhaltigkeitsanleihe an, um Projekte im Bereich Nachhaltigkeit zu finanzieren (vgl. Burberry 2020a). Durch die Ausgabe der Nachhaltigkeitsanleihe verpflichtete sich Burberry, seinen Einfluss in der Wertschöpfungskette zu nutzen, um soziale und ökologische Verbesserungen voranzutreiben und Innovationsprojekte zu fördern, die von der Beschaffung von Rohstoffen bis zur Herstellung von Endprodukten reichen. Das Unternehmen beabsichtigte, die Unterstützung von Investorinnen und Unternehmen bei der weiteren Umsetzung dieser Nachhaltigkeitsziele zu gewinnen, indem es seine Nachhaltigkeitsstrategie mit seinen Finanzierungsbedarfen verknüpfte. Die Nettoerlöse jeder ausgegebenen Nachhaltigkeitsanleihe wurden zur Finanzierung dieser förderfähigen nachhaltigen Projekte verwendet (vgl. Burberry 2020b):
- Grüne Gebäude
- Umweltverträgliches Management natürlicher Ressourcen und Landnutzung
- Vermeidung und Kontrolle der Umweltverschmutzung mittels Reduktion der Luftemissionen, Kontrolle der Treibhausgase, Bodensanierung, Abfallvermeidung, Abfallverringerung, Abfallrecycling sowie energie- bzw. emissionseffiziente Abfallverwertung
Novartis
Im selben Jahr emittierte Novartis nachhaltigkeitsbezogene Anleihen im Wert von 1,85 Mrd. Euro, die an bestimmte ESG-Ziele gekoppelt sind. Konkret verknüpfte das Unternehmen diese Anleihen mit den für 2025 gesetzten Zielen für Patientenzugang, die darauf abzielen, die Anzahl der durch strategische innovative Therapien erreichten Patienten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) um 200 % und die Anzahl der Novartis-Flagship-Programme in den Bereichen Lepra, Malaria, Chagas-Krankheit und Sichelzellenanämie um 50 % zu erhöhen. Novartis erwartete, dass die Erreichung dieser Ziele zu einer potenziellen Versorgung von über 24 Mio. Patientinnen und Patienten in allen Therapiebereichen führte (vgl. Novartis 2020).
2. Erstellen Sie Reportings
Unternehmen konzentrieren sich bei ihren ESG-Offenlegungen auf Wesentlichkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Daten. Sie verwenden ESG-Standards und -Rahmenwerke, um eine einheitliche und vergleichbare Offenlegung sicherzustellen. Sie etablieren zudem einen Prozess zur Bewertung der Richtlinien und Verfahren für ESG-Offenlegungen, um deren Verlässlichkeit zu gewährleisten. Eine regelmäßige ESG-Berichterstattung ist Teil der normalen Geschäftsprozesse und zentraler Bestandteil des Stakeholder-Dialogs.
Natura &Co mit externem ESG-Reporting zu den im Unternehmenszweck festgelegten Zielen
Natura &Co stellte Investorinnen und Investoren das Geschäftskonzept durch externes Reporting vor, das die Fortschritte bei der Erreichung der im Unternehmenszweck definierten Ziele verdeutlichte (vgl. Natura &Co 2020a, S. 20 f.; Natura &Co 2020b).
Um dieses Ziel zu erreichen, hat das Unternehmen ambitionierte Vorgaben in den Bereichen Klimawandel, Menschenrechte und Kreislaufwirtschaft formuliert. Jede Säule der Strategie beinhaltet gezielte Initiativen, wie die Integration von Partnern in die Lieferkette, die Sicherstellung einer nachhaltigen Beschaffung und die Unterstützung von Frauen durch Mikrofinanzierungen. Natura &Co überwacht die Fortschritte und informiert sowohl den Vorstand als auch in ihren Jahresberichten darüber. Die Unternehmensleitung lebt und atmet den Unternehmenszweck, wie ein Vorstandsmitglied von Natura &Co es ausdrückte.
3. Messen und überwachen Sie den Erfolg
Unternehmen stellen sicher, dass Governance-Strukturen und die Aufsicht durch den Aufsichtsrat die ESG-Metriken unterstützen.
4. Nutzen Sie Vergütungspläne
Unternehmen überlegen, wie sie die richtigen Anreize für das Erreichen von ESG-bezogenen Zielen schaffen können. Sie binden die Kennzahlen von Anreizplänen für deren Belegschaft ausdrücklich an die ESG-Strategie des Unternehmens.
5. Beziehen Sie Stakeholder ein
Unternehmen achten sorgfältig auf ihre Stakeholder-Kommunikation, nicht nur in Bezug auf die Resonanz bei Investorinnen und Investoren, sondern bei einer Reihe von unterschiedlichsten Interessengruppen. Letztendlich bildet das Stakeholder-Engagement die Grundlage der „sozialen Lizenz“, d. h. die Zustimmung der Stakeholder zum Geschäftsmodell des Unternehmens.
6. Betten Sie ESG in Ihre Kultur ein
Unternehmen integrieren ESG- und Nachhaltigkeitsprinzipien in die Unternehmenskultur. Sie stellen sicher, dass die ESG-Strategie als oberstes Ziel innerhalb der Organisation verankert ist.
Erkenntnisse: ESG-Führung und Outperformance
Die letzten Jahre waren geprägt von globalen Herausforderungen wie der Pandemie, Inflation und sozialen Umwälzungen, doch bieten diese auch Chancen für nachhaltiges Wachstum durch ESG-Strategien und digitale Verantwortung. Dieses einleitende Kapitel hebt hervor, wie Unternehmen durch ESG-Führung Wettbewerbsvorteile erzielen können. Es zeigt auf, dass nachhaltige Unternehmensführung, die Beachtung des Unternehmenszwecks und Verantwortung gegenüber Stakeholdern zentrale Aspekte sind, um langfristig erfolgreich zu sein.
Der Deutsche Corporate Governance Kodex betont die Verantwortung von Unternehmen gegenüber Aktionären, Belegschaft und anderen Stakeholdern. Der Unternehmenszweck wird dabei als entscheidend für die Sicherung der Betriebslizenz betrachtet. Der wachsende Druck seitens der Stakeholder, wie Kunden und Investierenden, zwingt Unternehmen dazu, Ethik und Nachhaltigkeit in ihre Wertschöpfung zu integrieren. Die CSRD-Richtlinie der EU definiert neue Standards für Nachhaltigkeitsberichte und schafft damit einen Rahmen für mehr Transparenz und Verantwortung.
Die Integration von ESG-Prinzipien in die Unternehmensstrategie fördert nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit, sondern ermöglicht auch höhere Aktionärsrenditen und Umsatzwachstum. Studien zeigen, dass Unternehmen durch Investitionen in Nachhaltigkeit ihre Konkurrenten übertreffen können. Der adressierbare Gesamtmarkt für Nachhaltigkeit bietet ein enormes Potenzial mit einem geschätzten Wert von 9–12 Bill. Dollar bis 2030.
Unternehmen wie Unilever und Neste haben durch nachhaltigkeitsorientierte Produkte signifikantes Wachstum und Gewinn erzielt. Ebenso können durch ESG-Maßnahmen Betriebskosten reduziert und regulatorische Eingriffe vermieden werden, wie Beispiele von General Mills, Walmart und Mars beweisen. ESG-Initiativen sollten durch einen soliden Business Case untermauert werden, der klare Ziele, Finanzierung und externe Verifizierung umfasst.
Der Best Practice-Prozess gibt einen Überblick wie ESG eine Anpassung des Business Models bei der Entwicklung einer ESG-Strategie und sogar des Operating Models bei der Umsetzung dieser erfordert. Beim Business Model werden Strategie und Zweck sowie Führung und Steuerung an Nachhaltigkeit angepasst. Da Nachhaltigkeit als umfassende Transformation eine Anpassung des Operating Models notwendig macht, sollten Kultur und Mitarbeitende, Prozess und Organisation, sowie Enabling- und verantwortungsvolle Technologie auf ESG angepasst werden.
Zusammenfassend zeigt das erste Kapitel, dass ESG ein Imperativ für Unternehmen ist. Nachhaltigkeit ermöglicht Wettbewerbsvorteile, fördert Wachstum und eröffnet neue Geschäftsmodelle. Unternehmen sollten ESG-Strategien gezielt einsetzen, um sowohl wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Vorteile zu erzielen und langfristig erfolgreich zu sein.
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Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt auf Victoria Riess‘ Buch „ESG Leadership“, das 2025 bei Schäffer-Poeschel erschienen ist. Sie finden das Buch in der Buchhandlung Ihres Vertrauens, aber auch im Haufe Shop.
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