Do´s & Don´ts

Fakten oder Gefühle? Der richtige Ton in der Nachhaltigkeitskommunikation


Der richtige Ton in der Nachhaltigkeitskommunikation

Gesetze geraten ins Wanken, doch Erwartungen bleiben: Unternehmen müssen zeigen, wie ernst sie Nachhaltigkeit nehmen. Dabei müssen sie den richtigen Ton in ihrer Kommunikation finden. Was wirkt mehr: nüchterne Fakten oder emotionale Geschichten? Über den Balanceakt zwischen Glaubwürdigkeit und Greenwashing.

Unternehmerische Nachhaltigkeit steht weltweit unter Druck. Politische Vorgaben aus der EU und der Bundesregierung werden verwässert, verschoben – oder womöglich wieder ganz gekippt. Die sogenannte Omnibus-Initiative zeigt, dass selbst verbindliche Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung ins Wanken geraten. Für Unternehmen bleibt unklar, was künftig gilt.  

Damit drängt sich eine Frage auf: Lohnt es sich überhaupt noch, in Nachhaltigkeitskommunikation zu investieren? Die Antwort: Ja. Mehr denn je. Auch wenn sich gerade ein Rückschritt in der Politik abzeichnet – gesellschaftlich und ökonomisch bleibt Nachhaltigkeit unausweichlich. Wenn die Politik keine klaren Leitplanken setzt, liegt es an den Unternehmen, ob und wie sie Nachhaltigkeit umsetzen und kommunizieren.  

Beim Thema Nachhaltigkeitskommunikation steht viel auf dem Spiel. Vor allem Vertrauen. Und die Frage nach dem richtigen Ton: nüchtern und faktenbasiert – mit der Gefahr, ungehört zu bleiben? Oder emotional und laut, mit bewegenden Bildern und Storys – und dem Risiko, Vertrauen durch Übertreibung zu verspielen oder gar ins Greenwashing abzurutschen? Klar ist: Wer jetzt schweigt, riskiert bald nicht mehr gehört zu werden. 

Spannungsfeld Nachhaltigkeitskommunikation 

Über Nachhaltigkeit zu sprechen kann sich wie ein Drahtseilakt anfühlen. Der richtige Ton entscheidet über Glaubwürdigkeit und Greenwashing-Vorwürfe. Fakten sind das Fundament, Emotionen und Provokationen schaffen Wirkung und Sichtbarkeit. Selbstlob ist wie Salz: zu viel und man verdirbt das Ergebnis. 

Auf der einen Seite stehen nüchterne Botschaften, die auf Daten und Fakten fußen – etwa Kennzahlen zur CO₂-Reduktion, der Energieeffizienz oder Transparenz in der Lieferkette. Das ist solide und überprüfbar, aber leicht zu überhören. 

Auf der anderen Seite stehen emotionale Geschichten: Bilder von Zukunftsszenarien, Porträts von Mitarbeitenden, Metaphern, die komplexe Themen greifbar machen. Sie schaffen Aufmerksamkeit und Nähe, bergen aber die Gefahr, Vertrauen zu verspielen – bis hin zu Greenwashing-Vorwürfen. 

Dreieck aus Fakten, Emotion und Provokation 

Doch wo ist der goldene Mittelweg, um sich Gehör zu verschaffen, ohne dabei die Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen? Er liegt irgendwo im Dreieck zwischen Fakt, Emotion und Provokation: 

Fakten – das Fundament 

Ohne überprüfbare Zahlen und externe Belege fehlt der Nachhaltigkeitskommunikation jede Glaubwürdigkeit. Wer allerdings nur auf nüchterne, datengetriebene Kommunikation setzt, bleibt oft unsichtbar. 

Emotionen – der Resonanzraum 

Geschichten, starke Bilder und persönliche Stimmen machen abstrakte Themen wie Nachhaltigkeit greifbarer. Emotionales Storytelling schafft mehr Aufmerksamkeit als eine Übersicht zu Emissionsdaten. Zu viel Pathos wirkt aufgesetzt und endet schnell im Verdacht, die Realität zu beschönigen. 

Provokation – der Verstärker  

Zuspitzungen erzeugen Aufmerksamkeit und Diskussionsbedarf. Das funktioniert nur, wenn das Geschäftsmodell diese Aussagen auch trägt. Sonst kippt es ins Gegenteil und wird zum Bumerang. 

Erfolgreiche Nachhaltigkeitskommunikation übersetzt Fakten ins Leben, setzt Emotionen dosiert ein und Provokation nur dann, wenn das Geschäftsmodell sie trägt. Wie das gelingt – und wo es ins Leere ging – zeigen Beispiele aus der Praxis. 

Best Practices: Gute Nachhaltigkeitskommunikation 

Patagonia 

Mit Kampagnen wie Don’t Buy This Jacket oder dem Reparaturprogramm Worn Wear stellt das Kleidungsunternehmen konsequent die Langlebigkeit seiner Produkte über schnellen Konsum. In Formaten wie die Footprint Chronicles zeigt Patagonia nicht nur seine Erfolge, sondern geht auch offen mit den eigenen Herausforderungen um, etwa beim Materialeinsatz oder bei Transportemissionen. Perfekt ist das alles nicht – doch gerade diese Offenheit und Selbstkritik macht die Kommunikation vertrauenswürdig. Das Storytelling funktioniert, weil nicht makellose Bilder gezeichnet werden, sondern ein ehrlicher Umgang mit Widersprüchen.  

Ecover 

Die ökologische Reinigungsmittel-Marke positioniert sich als Vorreiter in Sachen Kreislaufwirtschaft. Im Mittelpunkt der Nachhaltigkeitskommunikation stehen die Flaschen aus 100 Prozent recyceltem PET und die Ziele zur Plastikreduktion. Gleichzeitig werden Grenzen und Probleme klar benannt – etwa, dass bestimmte Materialien wie der Kunststoff Polyvinylalkohol (PVOH) bedenklicher ist als oft dargestellt. Diese Offenheit stärkt die Authentizität. Allerdings ist Ecover Teil des SC Johnson-Konzerns, der wegen Chemikalieneinsatz bis zu Tierwohl-Fragen in der Kritik steht. Das schmälert das Gesamtbild, dennoch bleibt Ecover ein Positivbeispiel für ehrliche Nachhaltigkeitskommunikation. 

Innocent 

Die Smoothie-Marke setzt auf eine positive, humorvolle Nachhaltigkeitskommunikation. Ihre freundliche, nahbare und verspielte Tonalität vermittelt Nachhaltigkeit weniger belehrend und macht das Thema zugänglich für ein breites Publikum. Als Teil des Coca-Cola-Konzerns steht Innocent in einem Spannungsfeld: Die Marke selbst verkörpert glaubwürdige Maßnahmen, der Mutterkonzern für das Gegenteil. Ein Makel, den Innocent kaum loswird. Dennoch zeigt die Art ihrer Kommunikation, wie man Menschen emotional erreicht, ohne ins Pathetische abzurutschen. 

Fails: Wenn Nachhaltigkeitskommunikation nach hinten losgeht  

Coca-Cola 

Der globale Getränke-Riese präsentierte 2019 ausgerechnet eine Einweg-Plastikflasche, die bis zu 25 Prozent recyceltes Meeresplastik enthielt. Die Mini-Innovation wurde groß inszeniert – doch tatsächlich handelte es sich nur um 300 Musterexemplare. Ein symbolischer Prototyp wurde als Durchbruch verkauft und löste zurecht Greenwashing-Vorwürfe aus. 

H&M 

Der Modekonzern steht mehr für Fast Fashion als für Nachhaltigkeit. Mit der „Conscious Collection“ wollte sich der Konzern 2019 öffentlichkeitswirksam einen grünen Anstrich geben: Die Sonderkollektion setzte auf natürliche Materialien. Doch sie machte nur einen Bruchteil des Sortiments aus. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich viele Stoffe, etwa Polyester, als alles andere als nachhaltig. Am Ende blieb die „Conscious Collection“ ein Paradebeispiel für aufgesetzte Nachhaltigkeit und zeigt, dass H&M mehr Wert auf ein grünes Image legte als auf echte Veränderung.  

Volkswagen 

VW wollte sich mit „Clean Diesel“ als Pionier einer sauberen Antriebstechnologie etablieren. Die Kampagnen versprachen umweltfreundliche Fahrzeuge, die Effizienz mit geringen Emissionen verbinden sollten. 2015 flog mit dem „Dieselgate“ das Gegenteil auf: In Millionen Autos steckte eine Software, die Abgastests manipulierte und Fahrzeuge sauberer erscheinen ließ, als sie tatsächlich waren. Während die Werbung Nachhaltigkeit versprach, stießen die Wagen ein Vielfaches der erlaubten Stickoxide aus. Aus dem „Clean Diesel“-Versprechen wurde ein Paradebeispiel für Greenwashing – und einer der größten Industrieskandale. Der Imageschaden wirkt bis heute nach. 

Die Do’s & Don’ts der Nachhaltigkeitskommunikation 

Do’s: 

  • Konkrete, messbare Zahlen und Fortschritte belegen. 
  • Kleine Erfolge feiern, ohne sie größer darzustellen. 
  • Zahlen und Fakten in Bilder oder Vergleiche übersetzen. 
  • Transparent auch über Fehler sprechen. 
  • Emotionen dosiert nutzen, ohne ins Pathetische abzurutschen. 
  • Externe Stimmen (Mitarbeitende, Kund:innen, Zertifikate) einbinden. 

Don’ts: 

  • Reine KPIs ohne Story oder Kontext liefern. 
  • Übertriebene oder schwammige Claims wie „klimaneutral“ oder „grün“ nutzen. 
  • Kommunikation losgelöst vom Kerngeschäft betreiben. 
  • Provokation nutzen ohne Fakten-Fundament. 
  • Storytelling als Ersatz für echte Transformation nutzen. 
  • Greenhushing: Erfolge verschweigen aus Angst vor Kritik. 

Der richtige Ton macht die Musik 

Nachhaltigkeitskommunikation lebt von der Balance zwischen Fakten und Emotionen. Fakten sind das Fundament, Emotionen das Dach – nur beides macht Kommunikation stabil. Wer glaubwürdige Geschichten mit Substanz verbindet, kann Vertrauen und Aufmerksamkeit gewinnen. Wer dagegen leere Versprechen inszeniert oder grundlos provoziert, riskiert massiven Vertrauens- und Reputationsverlust. 

Auch regulatorisch wird es enger. Selbst wenn die geplante Green Claims Directive, die nicht belegte Aussagen wie „klimaneutral“ oder „aus recyceltem Material“ unter Strafe stellen soll, gekippt wird: Die Empowering Consumers Directive (EmpCo) muss bis September 2026 in nationales Recht umgesetzt werden. Sie verbietet irreführende Nachhaltigkeitsaussagen und verpflichtet Unternehmen, ausschließlich mit belegbaren Fakten zu werben. Spätestens dann müssen Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsaussagen sauber dokumentieren und wissenschaftlich nachweisen.


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