New-Work-Bewegung verliert ihren Begründer
Tellerwäscher, Hafenarbeiter, Fabrikarbeiter, Bankangestellter, Schauspieler, Drehbuchautor – der Österreicher Frithjof Bergmann durchlief viele berufliche Stationen, bevor er sich der Philosophie verschrieb. Der 1930 geborene Pfarrerssohn landete 1949 über ein Stipendium der österreichischen Botschaft eher zufällig in den USA, wo er Zeit seines Lebens bleiben sollte. Er studierte Philosophie an der Universität Princeton und wurde später Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie an der University of Michigan in Ann Arbor.
New Work als die Suche nach der eigenen Berufung
In den 1970er Jahren reiste der Urvater der New-Work-Bewegung mehrfach in die damaligen Ostblockländer und erlebte dort den Niedergang des Sozialismus. Zeitgleich entwickelte er seine Utopie der "Neuen Arbeit", eine Art Graswurzelbewegung. Bei General Motors in Flint (Michigan) fungierte er als Verhandlungsführer für Personalabbau. Im Zuge der zunehmenden Automatisierung wurden immer mehr Arbeitsplätze obsolet. Bei den Arbeitenden in der Automobilindustrie beobachtete er ein Phänomen, das er als "Armut der Begierde" umschrieb: Sie gingen ihrer Tätigkeit nach, ohne darin Erfüllung zu finden. Dem setzte er die Idee des "Calling" entgegen: Neben der Fließbandarbeit sollten sie herausfinden, was sie "wirklich wirklich" tun möchten. Diese Suche nach der eigenen Berufung verband er mit einer Art Selbstversorgung – mit Lebensmitteln und Technologie. Im Zuge dieses "Hightech-Selfproviding" sah Bergmann schon damals die Möglichkeiten des 3D-Drucks voraus. Doch letztlich war sein Ziel immer, Lohnarbeit irgendwann einmal komplett abzuschaffen.
Nach dem Vorbild Flint baute er weltweit einige "Zentren für Neue Arbeit" auf, in denen Menschen neben einer technischen und ökologischen Grundlagenforschung ihre Berufung finden sollten. Diese Initiativen hatten aber nicht immer die gewünschte Strahlkraft. Zuletzt plante er im Mühlviertel in Oberösterreich ein Zentrum für Neue Arbeit, das aber nie zustande kam.
Die Idee Bergmanns wandelt sich zum Organisationskonzept
Seine Thesen für New Work fasste Bergmann 2004 in dem Buch "Neue Arbeit, neue Kultur" zusammen, das er zunächst nur auf Deutsch verfasste. Ab den 2010er Jahren fielen seine Ansätze hierzulande auf fruchtbaren Boden, allerdings mit einer von Bergmann nicht beabsichtigten Wendung: Im Zuge des Fachkräftemangels erkannten viele Unternehmen, dass mehr Möglichkeiten zur Selbstentfaltung sie für Talente attraktiver machte. Sie wandelten New Work von einem Akt der persönlichen Entwicklung zum Organisations- und Kulturkonzept.
Bergmann selbst kommentierte diese Übernahme seiner Theorie in den vergangenen Jahren immer wieder mit einem kritischen Augenzwinkern. "Lohnarbeit im Minirock" urteilte er, freute sich jedoch auch, dass seine Ideen auf diese Weise weitere Verbreitung fanden. Er nahm in Kauf, dass Unternehmen – zwar aus anderen Motiven als seinen eigenen – eine Entwicklung unterstützten, die seiner Vorstellung von „Neuer Arbeit“ schon recht nahekamen. Dass er als kritischer Begleiter der Bewegung treu blieb, ist Ausdruck seiner großen Menschenfreundlichkeit. Sein Wunsch „Neue Arbeit“ zu schaffen, war stärker als seine Ablehnung der Lohnarbeit. In diesem Sinne hatte er noch viel vor – etwa sein Konzept international bekannter zu machen. Das Buch „Neue Arbeit, Neue Kultur“ erschien noch 2019 auf Englisch.
Bergmann bleibt die mahnende Stimme der New-Work-Bewegung
Die New-Work-Bewegung verehrte ihn trotz seiner radikalen Gedanken als Philosoph und ideellen Vorreiter. Als Kapitalismuskritiker, der er im Grunde war, wurde er hierzulande nie wahrgenommen – selbst liberale Denker haben ihn nicht in die linke Ecke gestellt. Die New Work SE (damals noch Xing) machte ihn zum Aushängeschild, holte ihn 2017 erstmals auf den Kongress "New Work Experience" und finanzierte später auch die Website, die sein Leben und Werk würdigt. Zuletzt hatte Frithjof Bergmann den Bezug zu aktuellen Entwicklungen in der Praxis immer mehr verloren – eine Reise nach Europa konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr antreten.
Am 24. Mai 2021 hat seine Familie ihren Vater und Großvater verloren, die Bewegung eine Instanz und die ganze Arbeitswelt einen der großen Humanisten. Er wird eine mahnende Stimme bleiben – mit der Botschaft, dass es bei New Work nicht um den Profit, sondern um die Menschen geht.
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