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23.03.2015 | Serie Kolumne Talent Management

Mehr Reflexion in der Personalentwicklung statt Routine

Serienelemente
Talent-Management-Experte Martin Claßen
Bild: Claßen

Personalentwicklung ist Teil des Talent Managements. Sie soll die Talente vorantreiben, um die Arbeitsleistung weiter zu steigern. Doch das traditionelle "Üben macht den Meister" hilft nicht so sehr, wie viele denken. Kolumnist Martin Claßen gibt einen anderen Tipp.

Es gibt vermeintlich unanfechtbare Weisheiten für beruflichen Erfolg mit angeblicher Relevanz für Talent Management. Zu ihnen gehört der Lerneffekt: Häufige Wiederholung würde die Performanz steigern. Beim ersten Mal braucht man sehr lange und macht viele Fehler, der zweite Versuch läuft schon besser, der dritte Anlauf zeigt nochmals Fortschritte. Beim tausendsten Mal verhindert allenfalls stupide Routine die Perfektion.

Übung macht keine Meister

Als Wissenschaftler kann man sich einen Namen machen, indem man gängige Glaubenssätze wie "Übung macht den Meister" aufgreift und zerpflückt. Dies dachte sich die Psychologin Brooke MacNamara von der amerikanischen Princeton University. Sie verglich fast 100 Studien aus der jüngeren Vergangenheit über den Zusammenhang von Übung und Leistung. Laut dieser Metastudie steigert häufige Wiederholung die berufliche Performanz lediglich um ein Prozent - also eigentlich nichts. Wenn nun Vorgesetzte ihre schnell gelangweilten Talente eine Sache mit Berufung auf den angeblichen Lerneffekt zum zweiten Mal machen lassen, können sich diese abwenden und einfordern: "Mal endlich wieder etwas anderes". Die besonders Freundlichen raffen sich vielleicht noch zu einem "Bitte!" auf.

Reflexion kann die Arbeitsleistung steigern

Was aber verbessert die Arbeitsleistung tatsächlich? Diese Frage griff die Strategieprofessorin Giada di Stefano von der renommierten Pariser Universität HEC auf. Ihre Antwort – basierend auf experimentellen Ansätzen – ist im Grunde wenig überraschend: Reflexion. Wenn also der erste Versuch misslingt und vor dem zweiten Anlauf Zeit zum Nachdenken gegeben wird, steigt die Performanz um rund zwanzig Prozent, also ziemlich viel.

Die Rolle der Führungskraft beim Lernen

Man lernt also nicht durch einfache Wiederholung, sondern durch prüfende Betrachtung, am besten indem man seine Erwägungen schriftlich formuliert. Wobei – dies schreiben die französischen Forscher nicht – ein Vorgesetzter bei dieser Auseinandersetzung durchaus eine Hilfe sein kann. Wenn also ein Talent in seinem Outlook-Kalender zwischen allen Meetings, Workshops und Alignments noch gelegentliche Zeitfenster für Reflexion blocken kann, ist zumindest die große Chance für fachliche Verbesserung vorhanden. Besonders dann, wenn der Chef zur gleichen Zeit ebenfalls etwas Luft und Lust dafür hat. 

Martin Claßen hat 2010 das Beratungsunternehmen People Consulting gegründet. Talent Management gehört zu einem seiner fünf Fokusbereiche in der HR-Beratung.

Haufe Online Redaktion

Talent Management, Personalentwicklung, Recruiting, Mitarbeiterbindung

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