18.06.2014 | Serie Kolumne zur Fußball-WM 2014

Von der Kabinenansprache lernen

Serienelemente
Wer die Regeln für gute Kabinenansprachen erlernt, kann Mitarbeitergespräche künftig besser gestalten.
Bild: mauritius images / STOCK4B-RF

Fußball und HR: Hier gibt es viele Parallelen. Die Redaktion des Personalmagazins schaut die WM durch die HR-Brille an und berichtet aktuell. Heute mit der Kolumne zum Thema: Was Personaler von der Kabinenansprache lernen können.

Beim Spiel gegen Portugal sind Jogis Männer entfesselt auf den Platz gestürmt und haben die Portugiesen an die Wand gespielt. Gleich in der ersten Halbzeit hat die National-Elf mit drei Toren eine Kampfansage gemacht und auch in der zweiten Hälfte keinen Zweifel daran gelassen, wer das Spiel bestimmt – und dabei auch noch vermittelt, dass sie Spaß am Spiel hatten.

"Allerhöchschte Konzentration" als Geheimnis des Erfolgs?

Was Jogi ihnen wohl vorab in der Kabine mit auf den Weg gegeben hat? Jeder Motivationstrainer würde vermutlich seine Seele dafür verkaufen, Löws Geheimnis zu erfahren. Überlieferungen wie Sönke Wortmanns Film „Deutschland – ein Sommermärchen“ über die Fußball-WM 2006 lassen erahnen, wie es in der Bundeskabine vor dem Spiel zugeht. Berühmt geworden sind etwa die Szenen, in denen Jogi seine Jungs zu "allerhöchschter Konzentration"auffordert.

Wissenschaftliche Analyse: Was bei der Kabinenansprache zählt

Was bei einer guten Kabinenansprache wichtig ist, hat der Hamburger Sportpsychologe Thorsten Weidig in seiner Dissertation "Erfolgsfaktor Trainer" wissenschaftlich analysiert:  Der Coach sollte der Mannschaft Zeit zum Runterkommen geben. Dann sollte er den Spielern je Ansprache nur drei Botschaften  vermitteln, die klar aussagen, was getan werden muss. Wichtig dabei ist, dass über Lösungen und nicht über Probleme geredet wird. Ein guter Coach vermittelt seine Botschaften  zudem in einer bildhaften Sprache. Und, wichtig zum Abschluss der Ansprache: Der Trainer sollte das Energieniveau der Mannschaft wieder mit einem Ritual hochtreiben, empfiehlt Weidig.

Auf drei Botschaften je Mitarbeitergespräch konzentrieren

Bildhafte Sprache, Energieniveau, Rituale – schaut man sich die Prinzipien genauer an, zeigt sich, dass sie einige Grundprinzipien guter Mitarbeitergespräche und -kommunikation abdecken. Etwa das Beispiel "Zeit zum Runterkommen": Auch Personaler sollten ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt entwickeln. Denn wer Mitarbeiter zur falschen Zeit oder auf dem falschen Fuß erwischt, hat kaum Aussicht auf Erfolg – auch wenn seine Ratschläge gut gemeint und wohl formuliert sind. Sich auf die drei wichtigsten Botschaften zu beschränken, ist ebenfalls eine gute Übung für manchen Personaler: Dieser Tipp hilft, die Mitarbeiter nicht zu überfordern, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und dies auch klar zu kommunizieren. Nur drei Aspekte pro Mitarbeitergespräch – versuchen Sie das einmal!

"Flasche leer": Über Lösungen reden, nicht über Probleme

Und wie steht’s mit der Lösungsorientierung? Berühmte Beispiele aus der Trainerrhetorik – wie etwa Giovanni Trapattonis "Flasche leer" und Rudi Völlers "noch ein tieferer Tiefpunkt" zeigen, dass es hierbei in der Fußballwelt noch Nachholbedarf gibt. Aber auch Personaler können von Weidigs Rat profitieren. Denn allzu oft konzentrieren sie sich in formellen und informellen Mitarbeitergesprächen zu sehr aufs Negative und zu wenig aufs Positive – und das, obwohl schon lange erwiesen ist, dass die Prognosen von Teammitgliedern besser sind, je mehr sich die Entwicklungsmaßnahmen auf deren Stärken stützen und nicht darauf, ihre Schwächen auszumerzen.

Motivieren lernen vom Sommermärchen

Um diese Botschaften zu vermitteln, nutzen viele charismatische Anführer eine bildhafte Sprache. Ein Fußballtrainer, so Weidigs Rat, sollte etwa zum Abwehrspieler sagen: „Du bist eine Wand.“ Jürgen Klinsmann hat das seinerzeit wohl intuitiv richtig gemacht. Er forderte bei der WM 2006 seine Spieler wenig politisch korrekt auf: "Wir knallen die Polen durch die Wand". Personaler und Führungskräfte können sich von dieser bildhaften Sprache inspirieren lassen – allerdings sollten sie im Anschluss ihre eigenen Bilder entwickeln, denn nicht alle Mitarbeiter lassen sich mit Fußballmetaphern motivieren.

Auch in punkto "Rituale" ist in der Berufspraxis die Kreativität der Personaler gefragt: Sie müssen entscheiden, welches Ritual zu ihren Mitarbeitern passt. Das kann eine montägliche Kaffeerunde nach dem Morgen-Meeting sein, ein motivierendes Teammotto – oder wie wär’s mit einem gemeinsamen Fußballspiel nach Dienstschluss?

Kabinenansprache kann auch nach dem Spiel noch wirken

Auch Kanzlerin Angela Merkel hat beim ersten deutschen Vorrundenspiel das Personalinstrument „Kabinenansprache“ genutzt: Sie verfolgte das Match von der Tribüne aus und ließ es sich anschließend nicht nehmen, den deutschen Spielern zum Sieg zu gratulieren und zu versprechen, beim Finale wieder mit dabei zu sein. Wie sehr sie dabei die Regeln beachtet hat, ist nicht überliefert. Wer das Foto der Bundeskanzlerin mit Poldi gesehen hat, weiß aber: Sie hat den Ton getroffen. Und vielleicht hat sie sogar zur Motivation des Teams beigetragen – der nächste Samstag wird es zeigen.

Tipp: Zur WM-Zeit gibt es mehr als 70 Millionen Bundestrainer in Deutschland – jeder mit seiner eigenen Meinung. Zählen auch Sie dazu? Dann nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unten.

Autorin: Andrea Sattler, Redaktion Personalmagazin

Schlagworte zum Thema:  Recruiting, Motivation, Mitarbeitergespräch, Führung, Arbeitsschutz, Arbeitsrecht, Teamarbeit

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