Karrieremuster von Dax-Vorständen

54 Jahre, männlich, deutsch sowie lange Unternehmens- und Branchenzugehörigkeit – noch immer sind Dax-Vorstände mehrheitlich Monokulturen. Der neunte Dax-Vorstandsreport von Odgers Berndtson erkennt angesichts eines technologiegetriebenen Strukturwandels in der Wirtschaft jedoch mögliche Anzeichen einer Trendwende.

Industriezweige wie die Energie- oder Technologiewirtschaft, die einschneidende Strukturveränderungen bewältigen müssen, haben in ihren Führungsgremien erste Schritte hin zu einem kulturellen Wandel eingeleitet: Vorstandsgremien sind in diesen Branchen durchschnittlich fünf Jahre jünger, internationaler und haben mehr branchenfremde Vertreterinnen und Vertreter. Das ist ein Ergebnis des neunten Dax-Vorstandsreport der Personalberatung Odgers Berndtson, der in seinem Vergleich von Profilen der 191 Vorstandsmitglieder in den 30 größten börsennotierten Unternehmen erstmals einen Branchenvergleich durchführte.

"Stallgeruch" nimmt ab: weniger Eigengewächse unter Dax-Vorständen

Mehr Perspektivenvielfalt bringt der Trend zu externen Rekrutierungen aus anderen Branchen. Erstmals seit Jahren wurden laut der Analyse mehr neue Vorstände und Vorständinnen von außerhalb angeworben als intern befördert. 2021 waren deutlich weniger als die Hälfte der Vorstände sogenannte "Eigengewächse": Der Anteil der neuen Vorstände, die bei ihrer Berufung mehr als die Hälfte ihrer Karriere im Unternehmen verbracht haben, sank 2021 auf 43 Prozent (minus zehn Prozentpunkte im Vergleich zu 2019). Auch brancheninterne Kenntnisse, die lange Zeit als wichtiges Kriterium für eine C-Level-Position galten, sanken seit 2015 wieder auf 76 Prozent.

Verjüngung und Internationalisierung unter Dax-Vorständen bleibt aus

Insgesamt sind die Ergebnisse allerdings ernüchternd: Internationaler sind die Dax-Vorstandsgremien 2021 nicht geworden. Weiterhin ist ein gutes Drittel der Vorstandsmitglieder nicht-deutscher Herkunft. Der Anteil der ausländischen Vorstandsmitglieder in Dax-Unternehmen stagniert erstmals seit zehn Jahren. Das Durchschnittsalter der Dax-Vorstände hat sich seit 2005 kaum verändert und geht mit knapp 54 Jahren 2021 sogar leicht nach oben. Das können auch die jungen Vorstandsvorsitzenden wie SAP-CEO Christan Klein oder Niklas Oesterberg, Chef von Dax-Neuling Delivery Hero, mit ihren 40 Jahren nicht ändern. Das Durchschnittsalter der Vorstände bei ihrer Berufung steigt seit 2014 kontinuierlich an und liegt aktuell bei knapp 49 Jahren.

Frauen sind Diversity-Booster

Im Vergleich zu 2019 stieg der Frauenanteil in den Vorstandsgremien börsennotierter Unternehmen um drei Prozent. Doch obwohl zuletzt jede vierte Neubesetzung im Dax-Vorstand eine Frau war, liegt der Anteil an weiblichen Vorstandsmitgliedern bei mageren 17 Prozent (33 Frauen). Unternehmen wie Bayer, Eon oder die Deutsche Bank haben schnell auf die im Juni von der Bundesregierung verabschiedete Quotenregelung auf Vorstandsebene für große Unternehmen reagiert und erfüllen nun ihre Zielvorgaben. Mehr als die Hälfte der Frauen in den Vorständen hat ausländische Wurzeln. Zudem sind sie verglichen mit ihren männlichen Kollegen vor ihrer Berufung deutlich kürzer im Unternehmen. Nur 30 Prozent haben die längste Zeit ihrer beruflichen Karriere im Unternehmen verbracht. Die "Eigengewächs-Quote" unter allen Dax-Vorständen ist etwa doppelt so hoch.

Frauenquote: Talentpipeline nicht ausreichend mit Frauen befüllt

Trotz Frauenquote wird noch jedes fünfte Vorstandsgremium ohne Frau geführt – in den Gremien von Dax-Neuling Delivery Hero, Deutsche Wohnen, HeidelbergCement, Infineon, Linde und MTU Aero Engines. Laut der Studie birgt die neue gesetzliche Frauenquote ohne zusätzliche Maßnahmen wenig Veränderungspotential. Das Problem: Auf den Ebenen unter dem Vorstand haben lediglich acht (erste Führungsebene) beziehungsweise sechs der 30 Dax-Unternehmen (zweite Führungsebene) ihre Zielsetzungen erreicht. Um die neue Frauenquote für Vorstände zu erfüllen, müssen die Unternehmen also auf externe Kandidatinnen zurückgreifen.

Diversity: Dax-Personalressort in weiblicher Hand

Mit Belén Garijo López vom Pharma- und Chemiekonzern Merck besetzt nur eine Frau die CEO-Position. Anders sieht es im Personalressort aus, wo umgekehrte Geschlechterverhältnisse herrschen: Zwei Drittel der CHROs sind Frauen. Personalvorstände kommen häufiger von außen, haben aber zu rund 75 Prozent interne Branchenkenntnis. Ein Drittel der CHROs sind Eigengewächse mit sehr langer Betriebszughörigkeit – nämlich mehr als 20 Jahren. Mit 48 Jahren sind sie bei ihrer Berufung jünger als der Durchschnitt der Dax-Vorstände.

"Oldtimer" Automobilbranche mit großem Veränderungsdruck

Der Automobil-Sektor zählt bezogen auf die Vorstandsprofile zu den "Oldtimern". Mit durchschnittlich 56 Jahren sind die Vorstände die ältesten. Auch liegt Deutschlands prestigeträchtiger Wirtschaftszweig bei der Frauenquote mit 16 Prozent unter dem Durchschnitt, während selbst der Chemie- und Life-Science-Sektor die 20-Prozent-Marke bereits überschritten hat. Mit Blick auf den Mobilitätswandel rechnet die Personalberatung Odgers Berndtson hier mit einem Umschwung, da neue branchenfremde Kompetenzen gefragt seien. Schon heute öffneten die Unternehmen zunehmend ihren Suchradius für Top-Managerinnen und -Manager aus dem Tech- und Startup-Sektor.

Den neuen Dax-Vorstandsreport von Odgers Berndtson finden Sie hier zum Download.


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