Arbeitsbevölkerung

Deutschlands Arbeitnehmende im EU-Vergleich am ältesten


Ältere Arbeitnehmer: Deutschland führt EU-Zahlen an

In der Bundesrepublik ist rund ein Viertel der Beschäftigten älter als 55 Jahre - und die Sorge vor dem Ausscheiden der Babyboomer aus dem Erwerbsleben wächst. Arbeitsmarktexperten sehen HR-Abteilungen in der Verantwortung, Lebensarbeitszeit zu verlängern und ungenutztes Potenzial bei der älteren Generation zu mobilisieren.

In Deutschland ist knapp jeder vierte Beschäftigte (24 Prozent) zwischen 55 und 64 Jahre alt. Das ist ein Spitzenwert, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) auf Basis von Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat ermittelte. Zum Vergleich: EU-weit stellen ältere Erwerbstätige im Durchschnitt nur rund ein Fünftel (20,1 Prozent) der Belegschaft. Auf der Insel Malta sind sogar nur elf Prozent der Beschäftigten älter als 55 Jahre.

Ältere Arbeitnehmende: Fast zehn Millionen Erwerbstätige älter als 55 Jahre

Im Jahr 2024 gab es in der Bundesrepublik rund 40,9 Millionen Erwerbstätige, davon waren 9,8 Millionen Menschen zwischen 55 Jahre und 64 Jahre alt. Die Gründe dafür, dass immer öfter ältere Arbeitnehmende an der Werkbank stehen oder im Büro sitzen, sind vielfältig. Dazu zählen beispielsweise die zunehmende Alterung der Bevölkerung und das steigende Renteneintrittsalter. Eine weitere Rolle spielt ein höheres Bildungsniveau, das oftmals mit längerer Erwerbstätigkeit verbunden ist.

Nicht nur in Deutschland lässt sich diese Entwicklung beobachten. Auch in einigen anderen EU-Staaten zeigt sich eine ähnliche Tendenz. Überdurchschnittlich viele ältere Arbeitnehmende leben beispielsweise in Italien (23 Prozent) und Bulgarien (22,3 Prozent). Anders sieht es in Ländern wie Luxemburg (12,8 Prozent) oder Polen (15,2 Prozent) aus, wo deutlich weniger ältere Menschen am Erwerbsleben teilnehmen.

Alternde Arbeitsbevölkerung: Die Gründe sind vielfältig

Ein Grund für die Entwicklung in Deutschland ist das gesetzliche Rentenalter, das seit 2012 angestiegen ist. Das Statische Bundesamt verweist auf Zahlen der Deutschen Rentenversicherung aus dem Jahr 2024, wonach Frauen und Männer in Deutschland im Durchschnitt mit 64,7 Jahren in Rente gingen. Zwanzig Jahre früher lag dieser Wert noch bei 63 Jahren für Frauen und 63,1 Jahren bei Männern.

Diese Zahlen können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass gleichzeitig viele Erwerbstätige vorzeitig in den Ruhestand gehen. "In Deutschland liegt das durchschnittliche Erwerbsaustrittsalter weiterhin unter dem Regelrentenalter", heißt es in einer OECD-Studie von 2025. Demnach verlassen Frauen den Arbeitsmarkt 2,4 Jahre vor dem regulären Renteneintrittsalter, bei Männern sind es 2,1 Jahre. Das liege deutlich über dem OECD-Durchschnitt, hieß es. Laut OECD dürfte sich damit auch der Druck auf das umlagefinanzierte Rentensystem in Deutschland weiter erhöhen.

Der Arbeitsmarkt gerät aber auch deshalb unter Druck, weil bis zum Jahr 2039 rund 13,4 Millionen Menschen das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren überschreiten und damit in den Ruhestand gehen. Das entspräche knapp einem Drittel (31 Prozent) der derzeit Erwerbstätigen. "Jüngere Altersgruppen werden die Babyboomer zahlenmäßig nicht ersetzen können", heißt es beim Statistischen Bundesamt.

Arbeitsmarktexperten warnen vor Fachkräftemangel

Arbeitsmarktexperten und Unternehmen warnen schon seit langem vor einem Fachkräftemangel. Bis zum Jahr 2028 werden bundesweit rund 768.000 Fachkräfte fehlen, rechnete das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) vor. Eine der besonders betroffenen Branchen ist demnach der Einzelhandel, wo künftig rund 40.000 Stellen unbesetzt bleiben könnten. Besonders große Nachwuchssorgen erwartet das IW auch in den Kitas. Der Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern sei trotz eines reichlich vorhandenen Nachwuchses kaum zu decken. Der Fachkräftemangel ist allerdings nicht auf einige Berufszweige beschränkt, sondern betrifft viele Branchen. "Insbesondere in Berufen, die eine abgeschlossene Berufsausbildung erfordern, fehlen Mitarbeiter", sagt IW-Experte Alexander Burstedde.

Aktivierung von älteren Arbeitnehmenden: HR hat Schlüsselrolle

Laut Arbeitsmarktexperten kommt damit den HR-Abteilungen der Unternehmen eine wichtige Aufgabe bei der Mobilisierung von ungenutztem Potenzial und bei der Aktivierung insbesondere von älteren Arbeitskräften zu. Personaler sehen sich mit zwei gegenläufigen Entwicklungen konfrontiert: dem Fachkräftemangel auf der einen Seite und einer tendenziell beruflich länger aktiven Arbeitsbevölkerung auf der anderen Seite. "Durch die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen für ältere Arbeitskräfte und die Förderung der Erwerbsbeteiligung von Frauen könnte die Erwerbstätigenquote in den meisten OECD-Ländern stabilisiert werden", heißt es in der OECD-Studie.

Als Anreize könnten die Förderung von lebenslangem Lernen und inklusive Arbeitgeberpraktiken dienen. Aber auch durch die Bereitstellung von gesunden Arbeitsplätzen oder Regelungen für einen flexiblen Renteneintritt könnten mehr ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Beruf gehalten werden. Laut OECD gelingt es derzeit nur 14 Prozent der Neurentner in Deutschland, Arbeit und Rentenbezug zu kombinieren. Hier setzt beispielsweise die Aktivrente der Bundesregierung an. Sie sieht einen Steuerfreibetrag in Höhe von 2.000 Euro vor für Arbeitnehmende, die sich dazu entscheiden, jenseits der Regelaltersgrenze beruflich aktiv zu sein. 

Tipp: Lesen Sie dazu auch unser Titelthema in Personalmagazin 3/2026: Erfolgreich altern


Das könnte Sie auch interessieren:

Wie ältere Beschäftigte leistungsfähig und motiviert bleiben

Arbeiten über die Regelaltersgrenze hinaus

Arbeit für Ältere attraktiv gestalten


0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion