19.12.2013 | Top-Thema Qualität am Bau - Planung, Ausführung, Abnahme, Schadstoffsanierung

Überzogene Anforderungen bei Entfernung von Asbestprodukten

Kapitel
Beim neuerdings geforderten Ausbau festgebundener Asbestprodukte im Bestand sind zeit- und kostenintensive Schutzmaßnahmen erforderlich
Bild: BBU

Asbest wurde im Wohnungsbau bis in die 1980er Jahre verbaut. Die Gesundheitsgefahren, die von Asbestprodukten insbesondere bei ihrem Ausbau ausgehen, werden heute sehr hoch gewertet. Einige Landesbehörden haben nun entsprechende Vorschriften verschärft, die für die Wohnungswirtschaft erhebliche Mehrbelastungen bedeuten. Eine Bewertung.

Im Wohnungsbau fand Asbest seit Anfang der 1960er bis Ende der 1980er Jahre wegen seiner positiven technischen Eigenschaften in vielen Produkten Anwendung. U. a. wurden in dieser Zeit Vinyl-Asbest-Platten, auch Flexplatten genannt, als Fußboden- oder Wandbeläge verwendet. Zudem kann auch der seinerzeit eingesetzte Plattenkleber Asbestanteile enthalten.


Unbeschädigte Bauprodukte mit festgebundenem Asbestanteil, wie Asbestzementbauteile oder Vinyl-Asbest-Platten, stellen keine Gesundheitsgefahr dar. Auch in der Kleberschicht der Vinyl-Asbest-Platten sind die Asbestfasern in der Klebermatrix fest gebunden. Asbestfasern können für den Menschen nur dann gefährlich werden, wenn sie freigesetzt werden und wenn sie wegen ihrer geringen Größe lungengängig sind, da sie dann Tumore auslösen können.


Trotz eines jahrelang bewährten Ausbauverfahrens ohne zusätzliche Faserfreisetzung, bei dem Vinyl-Asbest-Platten ausgebaut und der asbesthaltige Kleber unter einer Versiegelung in der Wohnung verblieb, verschärfte das Berliner Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LAGetSi) im Juli 2012 seine Ausbauvorgaben.

Auch das Hamburger Amt für Arbeitsschutz gab zu diesem Zeitpunkt eine entsprechende Verwaltungsinformation heraus. Begründet wurde das gegenüber dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V. (BBU) und Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e. V. (VNW) mit einer eigenwilligen Interpretation der Gefahrstoffverordnung, die zu einem damit einhergehenden Überdeckungsverbot für die asbesthaltige Kleberschicht einherging.

Verschärfte Ausbauvorgaben (LAGetSi) sind unsachgemäß
Seit dem 11. Juli 2012 verschärfte die Berliner Gewerbeaufsicht LAGetSi die Ausbauvorschriften, die beim Ausbau von asbesthaltigen Vinyl-Asbest-Plattenbelägen nun auch den Ausbau des Klebers mittels Schleifverfahren vorsehen. Nach eingehender Analyse sind diese Vorgaben nicht sachgemäß. Bei erheblich höherem technischen und finanziellen Aufwand führen die nun geforderten so genannten „Verfahren geringer Exposition“ zu erhöhter Freisetzung von Asbestfasern beim Abschleifen. Dies gefährdet nicht nur die Arbeitnehmer, die mit diesen Verfahren den Kleber ausbauen, sondern durch die entstehende Staub­entwicklung auch angrenzende Wohnbereiche.

Ausbauvorgaben verdoppeln Bauzeiten und vervielfachen Sanierungskosten
Die neuen Ausbauvorgaben für Vinyl-Asbest-Platten und asbesthaltigem Kleber verursachen eine Kostenexplosion und eine starke Verunsicherung der Mieter. Für die Fußbodensanierung einer 65 m2 großen Wohnung gemäß den „alten“ Vorgaben bis 2012, bei der die asbesthaltigen Platten entfernt, jedoch die dünne Kleberschicht unter einer Versiegelung in den Wohnungen verblieb, entstanden Kosten von etwa 2.600 €.

Die derzeitigen Kosten für den zusätzlichen Abschliff des Klebers haben sich mit bis zu 10.500 € nahezu vervierfacht. Die Kostensteigerung entsteht u.a. durch die Umsetzung von betroffenen Mietern, da die nun geforderten Schleifverfahren zum Ausbau des Klebers nicht mehr in bewohnten Wohnungen umsetzbar sind. Die begrenzte Kapazität von Umsetzwohnungen in Berlin und die meist zu geringen Kapazitäten der Sanierungsunternehmen führen in der Praxis zur Verdoppelung der Bauzeit und ebenfalls zur deutlichen Kostensteigerung.
Alleine bei den städtischen Wohnungsunternehmen in Berlin sind noch 48.000 Wohneinheiten mit Vinyl-Asbest-Platten ausgestattet. Für die Sanierung gemäß den verschärften Ausbauvorgaben seit 2012 wird alleine für diesen Wohnungsbestand durch die genannten Kostensteigerungen eine finanzielle Mehrbelastung von etwa 500 Mio. € entstehen.

 

Vereinheitlichung der gefahrstoffrechtlichen Auslegungen
Der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. hat zusammen mit dem BBU diesen Sachverhalt dem Bundesbauministerium vorgetragen und um Unterstützung beim Bundesarbeitsministerium gebeten, um eine Klarstellung zu erwirken, damit die Bundesländer einheitlich handeln.

Der derzeitige Auslegungsspielraum der Länder führt dazu, dass festgebundene Asbestprodukte schärferen Ausbaubestimmungen unterworden werden als die deutlich gefährlicheren schwachgebundenen. Dies wird am Beispiel des Versiegelungsverbotes vom Kleber der Vinyl-Asbest-Platten besonders deutlich. Die Auslegung der Gefahrstoffverordnung in den Ländern muss unbedingt vereinheitlicht werden, um überzogene Anforderungen besonders beim Ausbau von festgebundenen Asbestprodukten zu vermeiden. Die Herausgabe einer entsprechenden Interpretationshilfe zu den Asbestregelungen in der Gefahrstoffverordnung für die Gewerbeaufsichtsämter durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ist dringend erforderlich.


Die wohnungswirtschaftlichen Verbände bieten an, an einer Novellierung der Gefahrstoffverordnung, die für das Jahr 2015 geplant ist, mitzuwirken, um praxisgerechte Anforderungen zu schaffen. So sollte beispielsweise in künftigen gesetzlichen Regelungen zum Ausbau asbesthaltiger Stoffe nur das tatsächliche Gefährdungspotenzial als Bewertungsgrundlage herangezogen werden.

(Autoren: Siegfried Rehberg, Leiter Bereich Technik, Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V.

Martin Schmidt, Referent Technik, Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V. Berlin)

 

Interview mit Siegfried Rehberg:
„Man erzwingt Umzüge, wenn in bewohnten Wohnungen Platten und Kleber ausgebaut werden müssen”

Der BBU begleitet die zurzeit in Berlin in den Medien besonders intensiv geführte Diskussion und hat insbesondere zu der Frage, ob Mieter belastet werden oder ob Wohnungsunternehmen und Mietern ein Sanierungsfahrplan zugemutet werden sollte, Position bezogen. Siegfried Rehberg, Leiter des Bereichs Technik beim BBU, gibt Antworten auf drängende Fragen.

 

Wie viele Wohnungen sind bereits asbestsaniert worden, wie viele werden derzeit asbestsaniert und wie viele müssen noch asbestsaniert werden?
Ich kann mich natürlich mit Zahlen nur für unser Verbandsgebiet beziehen. Nach Erhebung des BBU vom 8. Januar 2013 wird allein bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften noch von ca. 48.000 Wohnungen mit Vinyl-Asbest-Platten ausgegangen. Seit dem Jahr 2000 wurden von den städtischen Wohnungsunternehmen bereits in mehr als 38.000 Wohnungen Vinyl-Asbest-Bodenbeläge ausgebaut.


Wo befinden sich die Wohnungen mit asbesthaltigen Bauteilen und welche dieser Bauteile sind in den betroffenen Gebäuden zu finden? Sind asbesthaltige Fußbodenbeläge das größte Problem?
Aufgrund seiner technischen Eigenschaften wurde Asbest auch in öffentlichen Gebäuden und im Wohnungsbau eingesetzt. In vielen Wohnungsbeständen im ehemaligen Westteil Berlins der Baualtersklassen von den 1960er bis Ende der 1980er Jahren sind Vinyl-Asbest-Platten hauptsächlich als Bodenbeläge verbaut worden. Auch bei der Sanierung vieler West-Berliner Altbauten sind in den 1970er und 1980er Jahre zum Teil Vinyl-Asbest-Beläge eingesetzt worden. Nach Feststellungen des BBU wurden diese Beläge jedoch nicht im Wohnungsbau der ehemaligen DDR, also den heutigen Ostbezirken Berlins, verwendet.
Solange diese und andere Baustoffe mit fest gebundenem Asbest in einwandfreiem Zustand sind und nicht mechanisch beansprucht werden (Schleifen, Bohren, Sägen), sind keine Gesundheitsgefahren durch die Freisetzung von lungengängigen Asbestfasern gegeben.


Wurden alle Mieter, die in einer Wohnung mit asbesthaltigen Bauteilen leben, über die Gefahren und Verhaltensregeln informiert?
Selbstverständlich! Die betroffenen Mieterinnen und Mieter bei den städtischen Wohnungsunternehmen wurden über Anschreiben, Mieterinformationen, Mieterzeitungen und -broschüren zur Asbestthematik informiert.


In welcher Zeit sollen die Wohnungen asbestsaniert werden und wie hoch werden die Kosten voraussichtlich sein?
Unsere Haltung ist da klar: Fest gebundene Asbestprodukte müssen, solange sie unbeschädigt sind, nicht ausgebaut werden. Von unbeschädigten Vinyl-Asbest-Platten geht keine Gefahr für die Mieter aus. Bei beschädigten Plattenbelägen kann der Bodenbelag, gemäß LAGetSi Merkblatt vom 11. Juli 2012, auch instand gesetzt werden. Es besteht kein Ausbaugebot für unbeschädigte Baustoffe mit festgebundenen Asbestanteilen.
Im Zuge von Sanierungsvorhaben werden nach und nach die betroffenen Wohnungen nach Maßgabe der allgemeinen und fachspezifischen Rechtsvorgaben saniert. Die Kosten dafür variieren. Sie sind abhängig von der Art des beauftragten Ausbauverfahrens und der Komplexität der Sanierungsmaßnahme.


Wie wird sichergestellt, dass nur solche Firmen Aufträge erhalten, die die geltenden Schutzvorschriften bei der Asbestsanierung einhalten und wie wird die Einhaltung der Schutzvorschriften durch die Unternehmen kontrolliert?
Bei gewerblichen Arbeiten an asbesthaltigen Bodenbelägen, inklusive des asbesthaltigen Klebers, gelten die Anforderungen des Gefahrstoffrechts für den Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sämtliche Arbeiten an asbesthaltigen Materialien werden sieben Tage im Voraus von den beauftragten Fachfirmen der Wohnungsunternehmen beim LAGetSi angezeigt. Das LAGetSi überwacht die Arbeiten. Dem BBU sind zudem keine Verstöße gegen die einzuhaltenden Schutzmaßnahmen beim Ausbau von Vinyl-Asbest-Plattenbelägen bekannt.


Die Unternehmen gewähren ihren Mietern, die aufgrund der Asbestsanierung zwischenzeitlich in einer anderen Wohnung leben müssen, sicher Hilfen…?
Die Wohnungsunternehmen übernehmen nicht unerhebliche Zusatzkosten: Die vom LAGetSi seit Juli 2012 geforderten Ausbauverfahren erzwingen einen Umzug von Mietern, wenn in bewohnten Wohnungen Platten und der Kleber ausgebaut werden müssen. Die Kapazität an Umsetzwohnungen ist derzeit sehr begrenzt. Dies ist besonders dann ein Problem, wenn Mieter weiterhin in ihrem gewohnten Kiez wohnen möchten oder familiäre Gründe vorliegen. Die Wohnungsunternehmen übernehmen für den Fall eines dauerhaften Umzuges die Umzugskosten des Mieters in eine andere Wohnung. Bei temporärer Umsetzung werden diese Kosten und die Kosten der Einlagerung für Haushaltsgegenstände und Möbel übernommen, teilweise erfolgt auch eine temporäre Unterbringung in Hotels.


Viele Wohnungen mit asbesthaltigen Fußbodenplatten wurden durch die Unternehmen bisher auf jene Art saniert, dass zwar die Platten entfernt wurden, aber der asbesthaltige Kleber in der Wohnung verblieb. Müssen sich die Mieter Sorgen machen?
Nein. In einem Schreiben vom März 2000 gibt das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit Berlin, LAGetSi, die Versiegelung der asbesthaltigen Kleberschicht mit einem sog. Restfaser-Bindemittel als anzuwendendes Arbeitsverfahren vor. Diese Vorgabe war praktikabel und mit keiner zusätzlichen Faserexposition verbunden. Wohnungsunternehmen, die bis Juli 2012 nach dem Ausbau der Vinyl-Asbest-Platten den asbesthaltigen Kleber unter einer Versiegelung in den Wohnungen belassen haben, haben entsprechend geltender Vorschriften gehandelt.


Herr Rehberg, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Olaf Berger.

Schlagworte zum Thema:  Wohngesundheit, Asbest, Planung

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