Praxisbericht "IW.2050": Klimaschutz in der Wohnungswirtschaft

Um die Klimaziele im Gebäudebereich erreichen zu können und dabei die Wohnungswirtschaft nicht zu überlasten, muss der Staat fünf Milliarden Euro jährlich mehr als bisher an Fördermitteln locker machen. Das zeigt ein Praxisbericht, den das Klimabündnis "IW.2050" auf der Expo Real vorgestellt hat. 

Für die Wohnungswirtschaft ist der Klimaschutz eines der vordringlichsten Themen – alle Beteiligten müssen einen kontinuierlichen Beitrag leisten, damit das politische Ziel, ein klimaneutraler Gebäudebestand bis 2045 erreicht wird. Als die "Initiative Wohnen 2050" (IW.2050) im Januar 2020 gegründet worden ist, waren noch fünf Jahre mehr Spielraum vorgesehen: Mit dem neuen Klimaschutzgesetz, das im Juni 2021 in Kraft trat, hat die Bundesregierung diese Vorgaben noch verschärft und das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045 gesetzlich verankert.

Der Bundesverband der Wohnungswirtschaft GdW und das Klimabündnis "Initiative Wohnen 2050" (IW.2050) haben nun auf der Expo Real ihren ersten Praxisbericht zum Erreichen der Klimaneutralität im Gebäudebestand bis 2045 vorgestellt. Große und kleine Unternehmen untermauern darin die Forderungen der Branche, dass die staatliche Förderung ausgebaut werden muss, damit der Klimaschutz für die Wohnungswirtschaft bezahlbar bleibt.

Wohnungswirtschaft: Klimaförderung als Garantie für sozialverträgliche Mieten

Diese Aufgabe wird nach Auffassung des GdW die Unternehmensentwicklung über Jahrzehnte maßgeblich beeinflussen. Die Mehrheit der Partner der "Initiative Wohnen 2050" steckt derzeit mitten in der Entwicklung einer solchen Strategie, wie der Praxisbericht deutlich macht. Viele der Unternehmen erstellen erstmals eine strukturierte CO2-Bilanz auf Basis der von dem Klimabündnis entwickelten Instrumente.

Ein Viertel mehr an CO2-Einsparungen, ein Sechstel weniger Zeit, gleichzeitig erschwingliche Mieten sichern und neue Wohnungen bauen – dies stelle selbst für das engagierteste Wohnungsunternehmen eine immense Herausforderung dar, sagte GdW-Chef Axel Gedaschko bei der Präsentation des Berichts. Dies sei eine Herkulesaufgabe für eine Branche, die üblicherweise in 40-Jahres-Zyklen investiere.

"Wir brauchen einen echten Paradigmenwechsel, um Klimaschutz und sozialen Frieden miteinander vereinen zu können, und ein neues, langfristiges Versprechen für bezahlbare Mieten", forderte Gedaschko. Nur so könnten die extrem ambitionierten Klimaziele beim Wohnen sozial verträglich umgesetzt werden. Der Fokus müsse auf die CO2-Einsparung statt auf Effizienzmaximierung gelegt werden, zeitliche Herausforderungen müssten anerkannt, regulatorische Rahmenbedingungen angepasst, Technologieoffenheit sowie Sektorkopplung gewährleistet werden.

Es sei außerdem eine Klimaförderung notwendig, die über die bisherigen Förderungen und Zuschüsse hinausgehe, um ein bestimmtes Mietniveau für breite Schichten der Bevölkerung garantieren zu können, so der GdW-Chef. Auch mit der neuen, sehr guten Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude (BEG) sind laut GdW weitere fünf Milliarden Euro pro Jahr für die vermieteten Wohnungen nötig, um die Finanzierungslücke zu schließen.

Praxisbericht: Daten & Fakten für den Paradigmenwechsel

In dem erstmals erschienenen "IW.2050-Praxisbericht 2021: Gemeinsam. Handeln. Jetzt. – Praxisfakten einer Branche auf dem steilen Weg zur Klimaneutralität" sind Zahlen und Daten von 30 Unternehmen mit je 800 bis rund 400.000 Wohneinheiten eingeflossen. Zehn Verbände der Wohnungswirtschaft und des Europäischen Bildungszentrums der Immobilienwirtschaft (EBZ) haben Stellungnahmen abgegeben.

Berechnungsbeispiele und Pilotprojekte zeigen, an welchen Lösungen die "IW.2050"-Partner schon intensiv arbeiten. Die Erkenntnisse aus dem betrieblichen Alltag machen deutlich, wie vielschichtig die Problematik ist. Nach wie vor bestehe akuter Handlungsbedarf seitens der Politik, schreiben die Autoren: Die im Praxisbericht enthaltenen unternehmerischen Fakten sollen insbesondere der politischen Arbeit der Branchenverbände dienen.

Um den von allen derzeit 127 Partnern der "IW.2050" geforderten Paradigmenwechsel auch auf politischer Ebene zu forcieren, ist zeitnah eine Verteilung des Berichts an Politiker auf Bundes- und Länderebene geplant.

"Initiative Wohnen 2050": Gründung & Ziele

Die "Initiative Wohnen 2050" (IW.2050) ging am 28.1.2020 an den Start. Gegründet wurde sie von 24 Unternehmen unter anderem aus der Wohnungswirtschaft, initiiert von der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt. Neben der strategischen Kooperation und dem fachlich-inhaltlichen Austausch stehen wirtschaftliche und finanzielle Themen zum Erreichen der Klimavorgaben im Mittelpunkt der Arbeit. Neben den aktiven Unternehmenspartnern, darunter acht der zehn größten Wohnungsunternehmen in Deutschland, gehören zu den Unterstützern unter anderem die EBZ Business School, der GdW und verschiedene Regionalverbände.

Hauptziele der "IW.2050" im Überblick

  • Einheitliche Positionierung, um finanzielle Unterstützung auf Bundes- und Länderebene einzuwerben
  • Austausch zu Klimastrategien und konkretem Vorgehen der Mitglieder; mit gebündeltem Know-how und reduziertem Ressourceneinsatz der einzelnen Unternehmen zeitnah Lösungsstrategien entwickeln und umsetzen
  • Vorreiterrolle und Klimaschutzengagement der Branche öffentlich bekannt machen
  • Aktivierung, Befähigung und Motivation von Mitarbeitern der teilnehmenden Unternehmen, Vermittlung des Klimaschutzengagements an Kunden


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