Wohnungsmärkte: Jeder zehnte Großstädter plant den Wegzug

Großstädte mit mehr als einer halben Million Einwohner scheinen ihren Reiz zu verlieren. Fast 13 Prozent der Bewohner aus dem urbanen Raum planen kurzfristig den Umzug in kleinere Städte, wie eine Umfrage zeigt. Das Landleben ist eher selten eine Option.

Wer in einer deutschen Großstadt mit mehr als 500.000 Einwohnern lebt, ist deutlich häufiger bereit, sein gewohntes Wohnumfeld zu verlassen, als Leute aus suburbanen und ruralen Gegenden. Knapp 13 Prozent der befragten Großstädter plant, bis zum Sommer 2022 wegzuziehen. Kurzfristige Umzugspläne haben vor allem jüngere Menschen, die im mittleren Alter und Familien. Das sind Ergebnisse einer Umfrage des ifo Instituts und des Immobilienportals Immowelt. Knapp die Hälfte (46 Prozent) der Befragten hat sich im Laufe der Corona-Pandemie dazu entschlossen.

"Viele Befragte geben an, in Zukunft weniger Kompromisse bei den eigenen Wohnverhältnissen machen zu wollen, da sie aufgrund der Pandemie mehr Zeit zu Hause verbringen", erklärte Jan-Carl Mehles, Leiter der Marktforschung bei Immowelt und Co-Autor der Studie.

Suburbaner Speckgürtel statt ländliche Idylle

Als Umzugsziele nannten knapp 38 Prozent der Befragten kleinere Großstädte (100.000 bis 500.000 Einwohner), fast ebenso viele (30 Prozent) würden suburbane Räume im Speckgürtel der Großstädte bevorzugen. Der ländliche Raum spielt nur eine untergeordnete Rolle (knapp elf Prozent). "Die Ergebnisse legen nahe, dass eine bessere Anbindung des suburbanen an den urbanen Raum und ein Ausbau der Bildungsinfrastruktur in den betroffenen Kommunen an Bedeutung gewinnen werden", so ifo-Forscher und Studienautor Mathias Dolls.

Dies dürfte Implikationen für die kommunale Infrastrukturplanung, etwa in den Bereichen Mobilität und Bildung, haben. Die betroffenen Gemeinden sind den Autoren zufolge gut beraten, den Trend der nicht neu ist, den die Coronakrise aber verstärkt hat bei der kommunalen Infrastrukturplanung zu berücksichtigen.

Junge Leute und Familien sind besonders umzugsbereit

Einen starken Einfluss auf die Umzugsbereitschaft hat der Umfrage zufolge das Alter. Von den 18- bis 29-Jährigen wollen 18 Prozent ihren Wohnsitz in der Stadt innerhalb eines Jahres aufgeben. Auch 19 Prozent der 30- bis 39-Jährigen haben diesen Plan. Bei den 60- bis 69-Jährigen (elf Prozent) und den über 70-Jährigen (fünf Prozent) kommt ein Wegzug seltener in Frage.

Kinder im Haushalt regen ebenso zum Nachdenken über die Wohnverhältnisse an: Kinderlose Großstädter planen nur zu zehn Prozent einen Wegzug aus der Stadt. Bei einem Kind im Haushalt steigt der Wert auf 18 Prozent und bei zwei oder mehr Kindern verdoppelt er sogar sich auf 22 Prozent. Auch insbesondere junge Menschen in der Familiengründungsphase wollen den Studienautoren zufolge den urbanen Raum zu verlassen.

Eine Stadtflucht kündigt sich nicht an

Die Gründe, dem Stadtleben den Rücken zu kehren, sind naheliegend: Eine geringere Siedlungsdichte ermöglicht eine größere Wohnung, höhere Chancen auf einen eigenen Garten und das alles kostet weniger als in der Stadt. Den Wunsch nach mehr Naturnähe und einer Aufwertung der eigenen Wohnverhältnisse geben jeweils fast zwei Drittel der befragten Großstädter als Grund für die konkreten Umzugspläne an. Störfaktoren am bisherigen Wohnort (58 Prozent), der Wunsch nach mehr Wohnfläche (57 Prozent) sowie ein besseres Wohnumfeld für die Familie (56 Prozent) werden in der urbanen Zielgruppe ebenfalls häufig als Umzugsgrund genannt. Eine Stadtflucht kündigt sich nicht an.

Grundlage der Studie "Wie beeinflusst die Corona-Pandemie die Wohnortpräferenzen?" ist eine Befragung von mehr als 18.000 Personen in Deutschland, die im Mai 2021 stattfand. Jeweils rund 7.000 Personen wurden repräsentativ aus Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern und aus dem suburbanen Raum befragt. Darüber hinaus nahmen jeweils rund 2.000 Personen aus kleineren Großstädten mit 100.000 bis 500.000 Einwohnern und aus ländlichen Gebieten an der Befragung teil.

Prognose bis 2035: Es wird neue Boom-Towns geben

Die starke Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland hat in den vergangenen Jahren die Großstädte in Deutschland regelrecht anschwellen lassen, schreibt das Gewos Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung. Dieser Trend wurde durch den Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 erst einmal gestoppt. Die Forscher prognostizieren zwar in einigen Metropolen weitere deutliche Bevölkerungszuwächse bis zum Jahr 2035 vor allem für Berlin mit plus 6,6 Prozent, aber auch Frankfurt am Main (plus 6,2 Prozent), Hamburg (plus 4,7 Prozent) und Köln (plus 4,8 Prozent), doch in München (plus vier Prozent) schwäche sich das Wachstum bereits jetzt ab. Düsseldorf (plus 0,9 Prozent) und Stuttgart (plus 2,6 Prozent) wachsen künftig kaum noch.

Bundesweit sagt das Hamburger Institut einen Anstieg der Einwohnerzahl um moderate 0,7 Prozent auf 83,7 Millionen bis 2035 voraus: 1,4 Prozent mehr Menschen werden es in Westdeutschland sein, während Ostdeutschland 2,3 Prozent der Einwohner verlieren dürfte. Auch das habe Folgen für die Wohnungsmärkte, heißt es in der Studie. Wachstumsregionen müssten sich mit dem Bau von mehr bezahlbaren Wohnungen auseinandersetzen, schrumpfende Regionen mit mehr Leerstand.

Der "Tesla"-Effekt Regionen, die als Gewinner aus der Krise kommen

Laut einer Studie, die Prognos für das "Handelsblatt" erstellt hat, werden bis zum Jahr 2030 nur noch 15 deutsche Regionen einen Zuwachs an Erwerbstätigen haben. Die Folgen der Coronakrise werden innerhalb der Zehn-Jahres-Frist nicht ausgeglichen sein, so das Forschungsunternehmen.

In dieser Prognose kommen wiederum die ostdeutschen Städte und Gemeinden sehr gut weg. Der Trend zum Wachstum steht und fällt laut Prognos mit der Zahl der Arbeitskräfte damit entscheide sich, welche Kommunen Verlierer oder Gewinner sein werden: Rostock zum Beispiel gehört für Prognos zu den Top 10 und werde gerade als Startup-Standort stark unterschätzt.

Neben der Hansestadt haben diesbezüglich auch die Landkreise Dahme-Spreewald und Oder-Spree im Speckgürtel von Berlin Potenzial. Prognos nennt das den "Tesla-Effekt". Ebenso werden die ostdeutschen Städte Potsdam und Leipzig Magnete für Zuzügler sein wegen eines prosperierenden Arbeitsmarktes, den Hochschulen, Kulturangeboten und nicht zuletzt dem Wohnungsangebot. Dass die Bundesbürger "massenhaft der Landlust verfallen", glaubt indessen auch Prognos nicht.


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