Wie wirkt sich die gute Marktlage auf das IT-Ökosystem der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft aus? Welche Rolle spielen darin die Proptechs? Und welche IT-getriebenen Dienstleis­tungen bietet die Zukunft? Ein Real Estate Talk mit den Entscheidern von Yardi Systems, Crem Solutions und FIOSystems. Die IT-Frage ist auf der Vorstandsebene angekommen. Für die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft ist es wichtig, sich auf neue Businessmodelle einzulassen. 

Herr Gerritsen, bietet Ihnen die aktuell gute Marktlage als Softwarehaus gro­ßen Angebotsspielraum?

Richard Gerritsen, Yardi: Im Moment erkennen wir einen Technologiefokus auf der Vorstandsebene. Das merken wir auf der Mipim und der Expo Real. Software wird nun akzeptiert. Doch noch wird die Technologie lediglich benutzt, um alles etwas schneller und effizienter zu machen. Das ist in unseren Augen noch keine Innovation. Innovation heißt für uns die Industrialisierung von Prozessen. Das, was die Facebooks und die Alibabas dieser Welt machen. Solche Businessmodelle entdeckt der deutsche Markt noch nicht. 
Es ist wichtig, für die Immobilienwelt, sich auf neues Business einzulassen.

 

Und Ihnen, Herr Schulmann?

Nicolas Schulmann, FIO Systems: Gegenthese! Die Regel, dass es uns automatisch gut geht, wenn es dem Markt gut geht, gilt so nicht! Die Investitionsbereitschaft unserer Kunden ist unabhängig von Konjunkturzyklen. Denn ihr Geschäftsmodell  ist weitestgehend unabhängig vom Zyklus.

 

Brauchen wir noch Wohnungsunternehmen?


Für alle gleich ?

Schulmann:  Natürlich müssen wir zwischen einem Wohnungsunternehmen, dem klassischen Bestandshalter und dem Hausverwalter unterscheiden. Wir wissen alle nicht, wie sich die Arbeit eines Hausverwalters ändert. Doch auch in hundert Jahren brauchen wir noch  Wohnungsunternehmen. Denn solange wir selbst noch nicht digitalisiert sind, sondern aus Fleisch und Blut bestehen, werden wir in einer Wohnung wohnen müssen. Regeln, die im Web gelten, gelten in der Wohnungswirtschaft nicht automatisch. Einfach aufgrund des Geschäftsmodells. Wenn ich mir die deutsche Wirtschaft ansehe, hat die Wohnungswirtschaft wahrscheinlich eines der stabilsten Wertschöpfungsmodelle.

Gerritsen: Ich würde sagen, in 100 Jahren brauchen wir immer noch eine Wohnung. Aber brauchen wir auch noch ein Wohnungsunternehmen?

Schulmann: Wenn ich als Wohnungsunternehmen 100 Jahre am Markt bin und nichts mache – führe keine neue IT ein, ändere nichts an meinem GeschTechäftsmodell – fließen die Infos über Smartphones oder smarte Brillen. Auch in hundert Jahren werden alle Wohnungen vermietet sein. Und einen neuen Player, der kommt und Wohnungsunternehmen den Markt wegnimmt, sehe ich nicht. Deswegen ist das gesamte Thema Digitalisierung, über das wir hier sprechen, ein Luxusproblem. Und das sagen wir aus der Erfahrung eines stark auf dieses Thema fokussierten Anbieters.


Das ist eine steile These.

Schulmann: Nur ein bisschen provokant. Im Dienstleistungsbereich sieht es anders aus. Da gibt es einen starken Wett­bewerb und somit hohen Innovationsdruck.

Gerritsen: Ich denke, dass Ihre These für Deutschland gilt, solange es noch mehr Wohnungssuchende als Wohnungen gibt.  In den USA ist das anders, da gibt es Leerstand im Bereich Wohnungen.

Schulmann:  In den USA gibt es eben einen freien Markt – in  Deutschland nicht.

Gerritsen: Doch auch in Europa ist das nur eine Frage der Zeit. Denn die nächste Generation sieht im Wohnen eher etwas Kurz- als Langfristiges.