Cradle-to-cradle im Gewerbebau
Mehr als 36.800 Lebensmittelgeschäfte gibt es in Deutschland, der gesamte Handel findet laut Forschungsinstitut EHI (Stand 2024) auf rund 37,3 Millionen Quadratmetern statt. Den Löwenanteil der Fläche beanspruchen Supermärkte und Discounter.
Dabei handelt es sich meist um uncharmante Zweckbauten aus Ziegeln und Beton, oft weitgehend fensterlos, umgeben von jeder Menge asphaltiertem Parkraum. Die Märkte selbst sind mächtige Energiefresser, schon allein wegen der Kühltheken. Natürlich wird – und das gilt erst recht in wirtschaftlich angespannten Zeiten – beim Bau neuer Lebensmittelmärkte sehr genau auf die Kosten geschaut.
Ökobaupionier spezialisiert auf Bau von Lebensmittelmärkten
In dieser Gemengelage positioniert sich das inhabergeführte Regensburger Familienunternehmen Ratisbona Handelsimmobilien als "Ökobaupionier" und "Vorreiter für eine neue Kultur des Bauens". Die 1987 gegründete Firma entwickelt, plant und baut Lebensmittelmärkte. Sie ist ursprünglich aus dem zur Edeka-Gruppe gehörenden Unternehmen Netto hervorgegangen. Das erklärt die Spezialisierung auf den Bau von Lebensmittelmärkten. Mehr als 1.250 Märkte hat Ratisbona bisher für Partner wie Netto, Rewe, Edeka, Aldi, Lidl oder Penny errichtet, vor allem in Deutschland, aber auch in Spanien und Portugal.
Seit rund sieben Jahren verfolgt das 110 Köpfe starke Team ein ehrgeiziges Ziel. "Wir haben uns 2019 auf den Weg gemacht, die Gesetzmäßigkeiten der Branche auf den Kopf zu stellen. Wir haben uns vorgenommen, nachhaltiges Bauen in die Breite zu tragen, zu skalieren", sagte der geschäftsführender Gesellschafter von Ratisbona, Sebastian Schels, in der TV-Doku Welt der Wunder.
Ratisbona errichtete damals in einem Pilotprojekt den ersten Markt in Holzbauweise – also mit einem nachwachsenden Rohstoff statt mit einem CO2-intensiven Material wie Ziegel. Seitdem hat das Unternehmen die Produktion Schritt für Schritt umgestellt und optimiert. 2024 war ein Etappenziel erreicht: Alle neuen Bauten des Unternehmens sind aus Holz.
Gestärkt werde die Spezialisierung auf nachhaltiges Bauen vom politischen Diskurs und zunehmenden regulatorischen Druck, so Julia Vesenjak, Innovations- und Nachhaltigkeitsmanagerin bei Ratisbona. Die Kommunen, von denen man in der Regel die Grundstücke kaufe, hätten Recycling- und Reuse-Aspekte immer stärker im Blick. Wer weiter auf ein fossiles Businessmodell setze, verspiele Wettbewerbsvorteile. "Wer mit endlichen Ressourcen plant, hat ein endliches Geschäftsmodell", ist Vesenjak überzeugt. Als familiengeführtes Unternehmen denke man nicht in Quartalsergebnissen, sondern langfristig.
Märkte aus Holz: Nachhaltig und günstiger
Alle 2025 neu errichteten Lebensmittelmärkte überbieten den strengen EH40-Standard gemäß der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG). Durch die eigens entwickelte Holzbauweise werden nach Angaben des Unternehmens im Bau bis zu 55 Prozent CO2 und im Betrieb rund 65 Prozent CO2 eingespart werden.
Die für kühle Rechner wohl wichtigste Botschaft: Die Baukosten für die nachhaltig errichteten Lebensmittelmärkte liegen fünf bis sieben Prozent unter vergleichbaren konventionellen Bauweisen. Damit ist das zirkuläre Bauen konkurrenzfähig. Wie das funktioniert? Dank standardisierter Planungs- und Bauprozesse und einem hohen Vorfertigungsgrad. Die Holzmodule werden bei Ratisbona vorproduziert und anschließend vor Ort montiert.
"Etwas, das ich montiere, kann ich am Ende auch wieder demontieren", sagt Schels in der Doku. "Wir legen so auch die Grundlage für kreislauffähiges Bauen." Seine Vision: Die Märkte so anzulegen, dass man sie – überspitzt formuliert – in zehn bis 20 Jahren, wenn die Märkte verändert werden, rückgebaut werden, angepasst werden, durch zwei Mann mit dem Akkuschrauber wieder abbauen kann.
Flaschenhals: Verwendung recycelter Baustoffe
Sämtliche Materialien werden so verbaut, dass sie möglichst sortenrein zurückgebaut und wiederverwendet werden können. Die Neubauten sind von Vorneherein so angelegt, dass sie zum Rohstofflager für weitere Bauten werden. Vesenjak spricht von "Spenderhäusern". In Haimhausen bei München realisiert Ratisbona derzeit gemeinsam mit Edeka den ersten "Loop-Markt". Der orientiert sich komplett am Cradle to Cradle-Prinzip, soll zu 100 Prozent demontagefähig sein und zu 97 Prozent aus trennbaren Materialien bestehen. Es handelt sich laut Ratisbona um einen "europäischen Leuchtturm für Lebensmittelmärkte".
Noch schwierig gestaltet sich die Verwendung recycelter Baustoffe. Recylingbeton zum Beispiel ist ein knappes Gut. "Wenn unsere Baustelle im Süden liegt, nützt es nichts, wenn ich aus dem Norden den R-Beton antransportieren muss – da verpufft der Effekt", so Vesenjak. Das sei ein Thema der Verfügbarkeit, bei dem die Produkthersteller eine stärkere Rolle einnehmen sollten. "Sie sollten Materialien zurücknehmen, sie aufbereiten und den Kreislauf schließen", wünscht sie sich. Für Ratisbona seien Kreislauffähigkeit, Materialgesundheit und Wirtschaftlichkeit von Produkten bereits heute wichtige Auswahlkriterien.
Grün statt Grau: Außenanlagen für Klima und Artenvielfalt
Neben dem ökologischen Bauen setzt Ratisbona seit rund zwei Jahren einen Fokus auf die naturnahe Gestaltung der Außenanlagen. Das Verhältnis von Außenfläche zu Supermarktbau liegt Pi mal Daumen bei zwei zu eins. Es geht also um viele Quadratmeter.
Extremwetterereignisse wie Starkregen oder große Hitze erfordern Konzepte jenseits einer großflächigen Bodenversiegelung und auch der Erhalt der Artenvielfalt ist den Regensburgern ein Anliegen. Eine intern gegründete Arbeitsgruppe entwickelte deshalb ein modulares Eco-Outdoor-Konzept, das bestimmte Standards für alle Flächen definiert und flexibel an die verschiedenen Boden- und Standortverhältnisse anpassen lässt.
Nach dem Motto "Vom Supermarkt zur Schwammstadt" gestaltet Ratisbona die Flächen so, dass Wasser versickern und verdunsten kann; Retentionsflächen, Sickermulden und spezielle Klimasteine verhindern Wärmeinseln. Die Grünflächen gestaltet Ratisbona in Zusammenarbeit mit Landschaftspflegeverbänden so, dass sie Schutzzonen für Tier- und Pflanzenarten bieten. "Bei der Planung konkurrieren wir mit dem klassischen grünen Rasen", erzählt Vesenjak, "die Pflegekosten dürfen nicht explodieren."
Der Vorteil: Die wildere Grünfläche braucht nicht so viele Pflegegänge wie die brav gemähte Rasenfläche und schafft eine Mehrartenvielfalt. Das Konzept geht wirtschaftlich auf. Blühwiesen, Bienenhotels und alle anderen Ökomaßnahmen rund um die Märkte werden auf Infotafeln erklärt. Zirka 26.000 Quadratmeter naturnaher Grünflächen hat Ratisbona 2025 auf diese Weise an den neuen Standorten geschaffen. Für das Eco-Outdoor-Konzept erhielt das Unternehmen den Bayerischen Klimaschutzpreis 2025.
Ratisbona zeigt mit seiner Art zu bauen, dass Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Wirtschaftlichkeit bestens zusammenpassen – und außerdem, dass Zweckbauten gar nicht uncharmant sein müssen.
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