Herausforderung 3: Geringe Datenqualität und mangelnde Messbarkeit
Eine der größten Herausforderungen bei der Entwicklung von Klimastrategien ist die Bereitstellung und der Umgang mit Daten. Viele Unternehmen verfügen anfänglich nur über begrenzte Informationen zu ihren Emissionen und klimabezogenen Risiken. Ein typisches Beispiel ist die Erstellung der ersten Klimabilanz. Unternehmen beginnen dabei häufig mit relativ gut verfügbaren Daten zu Energieverbräuchen (Scope 1 & 2) oder Geschäftsreisen (Scope 3.6). Sobald jedoch indirekte Emissionen entlang der Lieferkette betrachtet werden sollen (z.B. Eingekaufte Waren und Dienstleistungen/Scope 3.1), wird die Datenerhebung deutlich komplexer und ungenauer. Lieferanten verfügen oft selbst noch nicht über detaillierte Emissionsdaten oder verwenden unterschiedliche Berechnungsmethoden. Unternehmen müssen daher häufig mit Schätzungen arbeiten, die auf Annahmen und Durchschnittswerten aus öffentlich zugänglichen Datenbanken basieren. Diese Unsicherheiten erschweren es, klare Reduktionsziele zu definieren.
Auch die interne Zuständigkeit für Klimadaten ist häufig unklar. In manchen Unternehmen liegen Energiedaten im Facility-Management, Transportdaten im Logistikbereich und Lieferantendaten im Einkauf. Ohne klare Prozesse zur Datensammlung und -validierung entstehen daher Lücken bzw. Inkonsistenzen.
Ähnlich wie im Bereich der Klimabilanzierung verfügen viele Unternehmen auch im Zusammenhang mit klimabezogenen Risiken noch nicht über systematische Analysen. Folgende Fragen bleiben daher häufig unbeantwortet:
- Wie könnten sich Extremwetterereignisse auf unsere Standorte auswirken?
- Welche Teile unserer Lieferkette sind besonders anfällig für Auswirkungen des Klimawandels?
- Welche Auswirkungen könnten steigende CO₂-Preise auf unsere Kosten haben?
Ohne diese Informationen ist es schwierig, fundierte strategische Entscheidungen zu treffen. Daher gilt im Klimamanagement – ähnlich wie im Finanzbereich – ein grundlegendes Prinzip: Nur was gemessen werden kann, kann auch gesteuert werden.
Aufbau einer belastbaren Datenbasis und systematische Messbarkeit
Der Aufbau einer belastbaren Datengrundlage ist zentrale Voraussetzung für eine wirksame Klimastrategie. In der Praxis empfiehlt sich ein pragmatischer, schrittweiser Ansatz. Im Rahmen einer Klimabilanz besteht der erste Schritt häufig darin, ein vollständiges Emissionsinventar zu erstellen. Dieses basiert oft auf relativ groben Annahmen, insbesondere im Bereich der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette (Scope 3). Wichtig ist jedoch zunächst, Transparenz über die wichtigsten Emissionsquellen zu schaffen. Auf dieser Grundlage können Unternehmen sogenannte Hot-Spot-Analysen durchführen, in denen untersucht wird, welche Aktivitäten den größten Anteil an den Gesamtemissionen ausmachen. In vielen Fällen konzentrieren sich die Emissionen auf einige wenige Bereiche – etwa energieintensive Produktionsprozesse oder bestimmte eingekaufte Rohstoffe. Auf Basis dieser Erkenntnis können Unternehmen ihre Dekarbonisierungsstrategie deutlich gezielter ausrichten. Parallel dazu sollten Unternehmen ihre Prozesse zur Datenerhebung standardisieren. Dazu gehört beispielsweise:
- eine klare Definition von Datenverantwortlichkeiten in verschiedenen Unternehmensbereichen,
- einheitliche Berechnungsmethoden für Emissionen sowie
- eine transparente Dokumentation von Unsicherheiten
Viele Unternehmen integrieren Klimadaten zunehmend in bestehende IT-Systeme oder Nachhaltigkeitsplattformen. Dadurch können Daten automatisiert erfasst und ausgewertet werden. Darüber hinaus gewinnt die Zusammenarbeit mit Finanzabteilungen an Bedeutung. Es lohnt sich, Klimadaten mit finanziellen Kennzahlen zu verknüpfen, um Investitionsentscheidungen besser bewerten zu können (z.B. interner CO2-Preis). Zusätzlich können Unternehmen berichtete Klimadaten extern prüfen lassen. Selbst wenn keine regulatorische Verpflichtung besteht, kann eine freiwillige Auditierung durch Wirtschaftsprüfer die Datenqualität mittel- und langfristig elementar verbessern.
Gira auf dem 1,5-Grad-Pfad:
Seit dem Jahr 2015 erstellen wir bei Gira Klimabilanzen, deren Qualität wir von Jahr zu Jahr steigern konnten. Die Klimabilanz allein mit der abstrakten Einheit der CO2-Äquivalente sagte aber zu wenig über unseren tatsächlichen Beitrag zum Klimawandel aus. Daher haben wir uns entschieden, unseren Beitrag in Grad Celsius zu messen, um so die Lücke zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels ermitteln zu können.
Diese Lücke ist die Grundlage unserer Klimastrategie, die seit 2023 wesentlicher Bestandteil unserer übergeordneten Unternehmensstrategie ist. In der jährlich erstellten Klimabilanz überprüfen wir anhand unserer Emissionsintensität, um wieviel Grad sich die Erde bis zum Jahr 2100 erwärmen würde, wenn die Welt so wirtschaften würde wie Gira. Aktuell sind dies 1,8 °C. Aus dieser Simulation ergibt sich für uns ein 1,5-Grad-Pfad mit jährlichen Reduktionszielen für die Scopes 1, 2 und 3. Da sich die Welt um uns stetig verändert, wird dieser 1,5-Grad-Pfad regelmäßig nachjustiert.
Für Gira ist der Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels Teil unserer über 120-jährigen Verantwortungskultur. Daher hat sich das Unternehmen ausdrücklich zum 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens bekannt.
(Dario Hudr, Referent Unternehmenskommunikation, Gira Giersiepen GmbH & Co)