Wertschöpfung geht verloren

Unternehmen ohne Hitzeschutz: Ertrag und Wirtschaftlichkeit drohen dahinzuschmelzen


Gewitterfront mit Blitzen über Stadt

Immer neue Rekorde bei der Messung der Jahrestemperatur, Extremwetterphänomene und immer heißere Sommer – der Klimawandel ist spürbar. Weniger offensichtlich, aber gravierend sind die Folgen dieser Entwicklung für die Gesundheit der Menschen und die globale Wirtschaft.

Laut Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind weltweit mindestens 2,4 Mrd. Beschäftigte – über 70 Prozent der globalen Erwerbsbevölkerung – übermäßiger Hitze ausgesetzt. Die Konsequenzen sind konkret messbar: Die Produktivität sinkt, Wertschöpfung geht verloren. Allein im Sommer 2024 – dem heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen – gingen weltweit 639 Mrd. potenzielle Arbeitsstunden verloren. Die Einkommensverluste beliefen sich auf über 1 Billion US-Dollar, was rund 1 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entspricht. 

Es besteht dringender Handlungsbedarf

Es führt kein Weg daran vorbei: Wir müssen die Erderwärmung durch die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft begrenzen. Dieser Prozess dauert Jahrzehnte. Doch um die menschliche Gesundheit zu bewahren, müssen Unternehmen schon heute auf den Klimawandel reagieren. Beim Thema Hitze bedeutet dies ein umfassendes Hitzeschutzmanagement als Resilienzstrategie. In dessen Entwicklung und Umsetzung mögen zwar Investitionen nötig sein, die sich in der Folge aber auszahlen werden: Eine gesündere Belegschaft wird langfristig produktiver arbeiten. 

Eine aktuelle Umfrage der GLS Investments, unterstützt von weiteren Mitgliedern aus dem Investorennetzwerk Shareholders for Change (SfC), unter 22 börsennotierten europäischen Großunternehmen aus dem nachhaltigen Anlageuniversum des Fondsanbieters offenbart noch erhebliche Lücken. Zwar berücksichtigen 95 Prozent der befragten Unternehmen Hitze in ihren Risikoanalysen. Doch nur 43 Prozent verfügen über ein systematisches Gesundheitsmonitoring in Bezug auf Hitze. Hier klafft eine klare Umsetzungslücke. 

Handlungsfelder und Best Practices bieten Orientierung

Was können Unternehmen tun, die Hitzeschutz eventuell noch gar nicht oder nur teilweise in ihrem Risikomanagement als Teil der Unternehmensstrategie implementiert haben? Shareholders for Change orientiert sich an den Empfehlungen des KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG), der das Investoren-Netzwerk bei der Hitze-Umfrage auf wissenschaftlicher Ebene unterstützt hat. Der Verein benennt sechs zentrale Handlungsbereiche mit konkreten Best Practices:

1. Zentrale Stakeholder identifizieren und einbinden

Hitzeschutz gehört ins Zentrum der Unternehmenssteuerung und erfordert klare Verantwortung auf Führungsebene. Gleichzeitig betrifft das Thema direkt die Mitarbeitenden. Deshalb ist eine enge Abstimmung mit Personalvertretungen geboten, um die Bedürfnisse und Interessen des Personals bestmöglich zu erfassen und zu berücksichtigen. Auf dieser Basis sollten Unternehmen gemeinsam Hitzeschutzmaßnahmen entwickeln.

Im französischen Schienenverkehrsinfrastrukturunternehmen Alstom entwickelt beispielsweise das „Environment, Health and Safety“-Team gemeinsam mit den lokalen Arbeitnehmervertretungen Präventionsmaßnahmen zu Hitzerisiken. 

2. Arbeitsbereiche und Tätigkeiten clustern

Hitze trifft nicht alle Mitarbeitenden gleich stark. Alter, Erfahrung, Arbeitsort, Arbeitszeit und weitere Faktoren bestimmen das individuelle Risiko. Unternehmen, die ihre Hitzeschutzmaßnahmen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ausrichten, indem sie das Hitzerisiko multidimensional erfassen, gehen strategisch am klügsten vor. 

Ein italienischer Energieversorger aus dem GLS Anlageuniversum richtet seine Hitzeschutzmaßnahmen anhand von drei Dimensionen aus. Im ersten Schritt werden Beschäftigte im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge entsprechend individuellen Risikofaktoren, etwa aufgrund höheren Alters oder bestehender Vorerkrankungen, verschiedenen Gefährdungsgruppen zugeordnet. Dann erfolgt eine Bewertung der Arbeitsumgebung. Im dritten Schritt berücksichtigt das Unternehmen die Art der Tätigkeit. Auf dieser Grundlage können Arbeitszeiten und Schichtpläne gezielt an saisonale Bedingungen angepasst werden.

3. Hitze- und UV-Exposition bewerten und einschätzen

Hitze ist nicht gleich Hitze. Neben der Lufttemperatur beeinflussen auch weitere Wetterindikatoren die Belastung. Zur Erfassung von Hitzebelastung empfiehlt sich die Nutzung der Wet Bulb Globe Temperature (WBGT), eines umfassenden Indikators, der neben der Lufttemperatur auch Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Wärmestrahlung berücksichtigt. 

Ein systematisches und umfassendes Hitzeschutzmanagement umfasst nicht nur die Erfassung des Hitzerisikos für jede einzelne Tätigkeit im Unternehmen, sondern auch Live-Monitoring rund um die Uhr in Bereichen, die Hitze besonders ausgesetzt sind. So entsteht eine aufgabenspezifische Analyse mit 24/7-Echtzeiterfassung. 

Der belgische Übertragungsnetzbetreiber Elia Group setzt genau hier an. Das Unternehmen analysiert Arbeitsaufgaben detailliert und überwacht Temperaturen in Gebäuden, die als besonders hitzesensibel eingestuft wurden, kontinuierlich. 

4. Schutzmaßnahmen definieren und umsetzen

Hitzeschutz greift nur, wenn Maßnahmen klar definiert und konsequent umgesetzt werden. Das TOP-Prinzip liefert eine praxistaugliche Struktur:  Technische (T), organisatorische (O) und personenbezogene Maßnahmen (P) werden kombiniert.

Viele Unternehmen, auch nachhaltig orientierte, setzen bei technischem Hitzeschutz auf energieintensive Maßnahmen wie Klimaanlagen. Dabei gibt es auch naturbasierte Lösungen, die deutlich weniger problematisch für die Umwelt und Gesundheit sind. 

So macht sich etwa die deutsche Bahntechnik-Firma Vossloh einen nahegelegenen See zu Nutze und kühlt seine Büros durch dessen Wasser. Das spart Energie und macht eine herkömmliche Klimaanlage überflüssig. 

5. Maßnahmen kommunizieren

Gute Maßnahmen wirken nur, wenn die Betroffenen sie kennen und verstehen. Zur erfolgreichen Umsetzung von Hitzeschutzmaßnahmen gehört folglich auch eine niedrigschwellige und zielgruppengerechte Kommunikation. Visuelle Darstellungen können beispielsweise helfen, Sprachbarrieren zu überwinden. 

6. Kontinuierlich evaluieren und aktualisieren

Hitzeschutzmanagement ist kein einmaliges Projekt mit Enddatum. Es erfordert fortlaufendes Monitoring unter Einbeziehung verschiedener Stakeholder und kontinuierliche Anpassung.

Auch bei diesem Thema dient die schon erwähnte Alstom als Positivbeispiel. Das Unternehmen verfolgt bei der Anpassung an hitzebedingte Risiken einen systematischen und partizipativen Ansatz. Im Jahr 2023 wurden mehrere hundert Standorte hinsichtlich ihrer aktuellen Exposition gegenüber Naturgefahren untersucht.  Zusätzlich befragte es Mitarbeitende an Hochrisiko-Standorten, um Schutzmaßnahmen gezielt zu verbessern. 

Unternehmen ohne Hitzeschutz: Ertrag und Wirtschaftlichkeit drohen dahinzuschmelzen

Die aufgezeigten Best Practices sind nicht in Stein gemeißelt und unterliegen ebenso einer stetigen Evaluierung bezüglich ihrer Wirksamkeit. Doch eines steht fest: Hitze entwickelt sich ohne Gegenmaßnahmen zu einem handfesten Geschäftsrisiko. Ertrag und Wirtschaftlichkeit geraten unter Druck, wenn Unternehmen nicht systematisch gegensteuern. 

Gleichzeitig gilt: Maßnahmen dürfen das ursprüngliche Problem nicht verschärfen. Hoher Energieverbrauch konterkariert echten Fortschritt. 

Die gute Nachricht ist, dass Unternehmen das Ruder schnell herumreißen können, Das gelingt, wenn diese Hitze als wesentliches Risiko anerkennen und ihre Mitarbeitenden umfassend und strategisch schützen. Davon profitieren alle: Mitarbeitende bleiben gesund und leistungsfähig und das Unternehmen sichert seine wirtschaftliche Stabilität und Zukunftsfähigkeit. 

Zum Autor: Als Senior Analyst im sozial-ökologischen Research der GLS Investment Management GmbH ist Richard Buch für die Engagement-Aktivitäten des Fondshauses zuständig. Ziel ist es, im konstruktiven Dialog mit den investierten Unternehmen kontinuierlich auf noch nachhaltigere Geschäftspraktiken hinzuwirken. Der Finanzökonom ist seit 2021 für die GLS Investments tätig. Zuvor sammelte er einschlägige Erfahrungen bei der DWS, Stiftung Warentest und Facing Finance.

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