Sustainable Finance

Biodiversität in der Bankenstrategie: Was ein neues Positionspapier über Ambition und Kennzahlen verrät

Das neue SFC-Positionspapier zeigt, wie weit Banken bei der Integration von Natur in ihre Strategie wirklich sind. Studienautor Dr. Lukas Figge-Muschalik erklärt im Interview, warum Impact-KPIs kein Standardrezept sind und wie Institute trotzdem jetzt schon glaubwürdig handeln können.

Ökosystem_Landschaft in Kapsel

Wer steckt hinter dem Papier?

Der Sustainable Finance Cluster hat im Juli 2026 sein Positionspapier „Nature Integration in Banking: Ambition, Target-Setting and Initiatives“ veröffentlicht. Die Publikation knüpft an das Vorgängerpapier „Biodiversity in Banking aus dem Jahr 2025 an und vertieft dessen Praxis-Roadmap um ein Reifegradmodell.

Die Datenbasis ist breit angelegt: Zwischen Februar und Juni 2026 führte das Cluster Workshops mit acht deutschen Instituten durch – darunter Deka, DZ Bank, ING Deutschland, KfW und LBBW –, ergänzt um eine Umfrage unter denselben Häusern sowie Interviews mit Banken, Beratungen und einer Lobbyorganisation. Hinzu kommt eine Dokumentenanalyse von 109 öffentlich verfügbaren Publikationen aus 44 internationalen Banken, die anhand von Kriterien wie der Finance for Biodiversity Initiative und der TNFD-Adopterliste als potenzielle Vorreiter identifiziert wurden.

Der Ausgangsbefund ist eindeutig: Naturverlust ist längst ein Bilanzrisiko. Die EZB beziffert, dass ein Großteil der Firmenkredite im Euroraum an Unternehmen mit hoher Abhängigkeit von gefährdeten Ökosystemleistungen vergeben wird, und auch die Bundesbank bestätigt für Deutschland eine erhebliche Konzentration bei Genossenschafts- und Sparkassen. Gleichzeitig fließt laut UNEP ein Vielfaches mehr Kapital in naturschädigende als in naturfördernde Aktivitäten.

Richtung, nicht Ziel: Warum kein Institut „nature positive wird

Die zentrale Erkenntnis des Papiers klingt zunächst ernüchternd: Von den sieben befragten Instituten hatte keines einen offiziellen, öffentlich kommunizierten Nature-Positive-Anspruch formuliert. Vier verfügten über gar kein formales Ambitionsniveau. Der Grund liegt nicht in fehlendem Willen, sondern in der Natur der Sache selbst. Weil jede Kreditvergabe an die Realwirtschaft zwangsläufig auch negative Naturwirkungen mit sich bringt, kann eine einzelne Bank rechnerisch kaum „positiv werden – bestenfalls lässt sich eine Art Netto-Null-Position anstreben, und selbst das gilt im Workshop-Kreis als sehr ambitioniert.

Drei Hürden erklären die Zurückhaltung: fehlende gemeinsame Kennzahlen, die unterschiedliche Naturwirkungen vergleichbar machen würden; das Fehlen von Basisjahren und sektoralen Transformationspfaden, an denen sich Fortschritt messen ließe; sowie die Sorge, unbelegte Aussagen könnten als Greenwashing gelesen werden.

Das Papier zieht daraus eine klare Konsequenz: „Nature Positive ist ein gesellschaftliches Richtungsziel, ähnlich wie das 1,5-Grad-Ziel im Klimabereich, aber kein Ziel, das ein einzelnes Institut aus eigener Kraft erreichen kann.

Auf die Frage, wie Banken diese Botschaft nach außen kommunizieren sollten, ohne dass sie wie eine Ausrede für fehlende Ambition wirkt, verweist Figge-Muschalik auf die vier Reifegrade, die das Papier für die Ambitionsdimension entwickelt hat – Beginning, Intermediate, Advanced und Leading: „Glaubwürdig wird die Kommunikation erst, wenn sie mit konkreten, nachprüfbaren Schritten unterlegt ist, etwa durch ein explizites Bekenntnis zum Kunming-Montreal-Rahmenwerk (GBF) mit Zielmarke 2030, durch die Zuordnung der eigenen Strategie zu konkreten GBF-Zielen und durch messbaren Fortschritt bei Kennzahlen. Entscheidend sei nicht das isolierte Bekenntnis zur Richtung, sondern ob es „in ein Gesamtbild aus Ambition, Zielsetzung und Initiativen-Beteiligung eingebettet ist.

EmpCo als Ausrede? Der Autor widerspricht

Ein naheliegender Verdacht: Zieht die schärfere EU-Regulierung von Umweltaussagen – die EmpCo-Richtlinie, in Deutschland seit Februar 2026 über das UWG umgesetzt – Banken noch weiter in die Kommunikationsstarre? Figge-Muschalik verneint das mit Nachdruck, auch wenn er sich als Nicht-Regulatorikexperte einen Disclaimer voranstellt. EmpCo ändere die Richtlinien über unlautere Geschäftspraktiken und betreffe primär das B2C-Geschäft, etwa die Vermarktung „grüner Spar- oder Kreditprodukte im Privatkundengeschäft. Reine B2B-Kommunikation falle grundsätzlich nicht in ihren Anwendungsbereich, und auch die im Papier behandelte Berichterstattung nach CSRD/ESRS E4 sowie die freiwillige TNFD-Offenlegung seien von EmpCo nicht unmittelbar betroffen.

Berührungspunkte sieht er vor allem im Retail-Marketing, etwa wenn ein „grüner Baufinanzierungskredit beworben wird – dort verschärfe die Richtlinie die Substantiierungspflichten spürbar. Die im Workshop beobachtete Zurückhaltung bei Ambitionsaussagen führt er auf etwas anderes zurück: die generelle, von EmpCo unabhängige Sorge, unbelegte Aussagen könnten als Greenwashing gelesen werden. Sein Fazit: „Ich würde also widersprechen, dass EmpCo ein Grund ist, sich aus der Nature-Berichterstattung zurückzuziehen. Im Gegenteil, es untermauert eher unsere Kernbotschaft: Kommunizieren ja, aber mit klarer Evidenz und sauberer Abgrenzung zwischen Bestehendem und Zukünftigem.

Das eigentliche Nadelöhr: Kennzahlen ohne Wirkung

Während Banken bei der Ambitionsformulierung vorsichtig bleiben, zeigt sich beim Blick auf Kennzahlen und Zielsetzung ein noch deutlicheres Bild. Die Dokumentenanalyse der 44 internationalen Banken offenbart ein strukturelles Ungleichgewicht: Die allermeisten quantitativen KPIs messen das eigene Verhalten einer Bank – engagierte Kunden, gescreente Portfolioanteile, vergebenes Kapital – statt tatsächlicher Wirkung auf Ökosysteme wie vermiedene Flächenumwandlung oder wiederhergestellte Lebensräume. Am weitesten ausgebaut sind Ausschlusskriterien für UNESCO-Welterbestätten, Ramsar-Feuchtgebiete und IUCN-Schutzgebiete, die im Sample nahezu flächendeckend vorkommen. Verschmutzung und invasive Arten dagegen werden kaum adressiert.

Auf die Frage nach kurzfristig umsetzbaren Impact-KPIs, auch mit unvollständigen Daten, ordnet Figge-Muschalik die Ausgangsfrage zunächst neu ein: Es handle sich eher um eine Bestandsaufnahme als um eine Kritik. Der Befund sei jedoch eindeutig – Impact-KPIs brauchten eine belastbare Datengrundlage, die bei den meisten Instituten aktuell fehle, und ließen sich nicht „einfach so verordnen. Eine pauschale Empfehlung für alle Banken hält er für wenig hilfreich, „da geeignete Impact-KPIs stark vom jeweiligen Geschäftsmodell und Portfolio abhängen. Ein auf Agrarfinanzierung spezialisiertes Institut brauche andere Indikatoren als eine Universalbank mit breitem Kapitalmarktgeschäft.

Im Anhang des Papiers hat das Autorenteam deshalb einen Katalog bereits genutzter KPIs zusammengestellt – als mögliche Ausgangspunkte, ausdrücklich nicht als Standardlösung. Was Figge-Muschalik unabhängig vom individuellen Reifegrad schon jetzt empfiehlt: „sich qualitative und semi-quantitative Zwischenziele zu setzen, statt auf perfekte Daten zu warten. Auch dafür liefert der Katalog konkrete Beispiele, etwa eine hundertprozentige Screening-Quote des Kreditportfolios binnen zwei Jahren oder eine feste Zielgröße für nachhaltigkeitsorientierte Finanzierungsvolumina.

Fünf Prioritäten für den Sektor

Das Papier verdichtet seine Befunde zu fünf Kernbotschaften: Ambition am GBF verankern, statt es als Zielort misszuverstehen; Wirkung messen statt nur Prozesse zu dokumentieren; Natur sichtbar halten und nicht im Klimareporting verschwinden lassen; Initiativen und Pledges gezielt statt beliebig eingehen; und die Grundlagen – Basisjahre, sektorale Pfade, standardisierte Kennzahlen – gemeinsam mit Politik und Wissenschaft aufbauen, weil Banken sie nicht allein schaffen können. Damit richtet sich das Papier ausdrücklich nicht nur an Banken selbst, sondern formuliert auch vier Botschaften an Regulierung und Politik, etwa zur drohenden Datenlücke durch die CSRD-Omnibus-Vereinfachung.

Für Sustainability-Verantwortliche liefert die Studie damit weniger ein fertiges Rezept als einen Realitätscheck: Der Sektor ist von der reinen Wahrnehmung des Themas zu strukturierter Bewertung und Risikogovernance vorangeschritten, aber noch nicht bei echter Steuerung angekommen.

Wer jetzt handelt, sollte laut Figge-Muschalik nicht auf perfekte Daten warten, sondern mit belastbaren, nachprüfbaren Zwischenschritten beginnen – und diese offen kommunizieren, statt sie hinter einem großen, unbelegten Versprechen zu verstecken.

 

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