Nachhaltigkeit ohne Pflicht? Warum der Druck aus dem Markt nicht nachlässt
Der Druck kommt jetzt vom Markt
Regulatorische Pflichten verschwinden, die Markterwartungen nicht. Wer als Zulieferer oder Dienstleister Teil der Wertschöpfungskette eines berichtspflichtigen Unternehmens ist, bekommt das unmittelbar zu spüren: Einkaufsabteilungen fragen weiterhin ESG-Daten ab, Banken berücksichtigen Nachhaltigkeitskriterien in der Risikobewertung, und Ausschreibungen enthalten zunehmend Anforderungen entlang der gesamten Lieferkette.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr ob, sondern wie Unternehmen diese Erwartungen erfüllen. Ein stiller Rückzug aus der Berichterstattung erzeugt keine Entlastung, sondern Unsicherheit: Externe Stakeholder können dann schwer beurteilen, wie nachhaltig ein Unternehmen aufgestellt ist. Das Resultat sind schlechtere Finanzierungskonditionen, Nachteile in Ausschreibungen und ein wachsendes Risiko, in Lieferketten ersetzt zu werden. Denn wo Angebote vergleichbar sind, entscheidet oft die bessere Nachvollziehbarkeit. Wer hier keine belastbaren Antworten liefert, wird austauschbar.
Chance zur Neuausrichtung
Der Wegfall der formalen Pflicht schafft jedoch Spielraum, den Unternehmen nutzen sollten: weg vom reinen Compliance-Reflex hin zu einer Nachhaltigkeitsstrategie, die zur eigenen Geschäftstätigkeit passt und das Unternehmen langfristig durch Wettbewerbsvorteile im Markt gut positioniert. Das bedeutet konkret, die Themen zu priorisieren, die sowohl wirtschaftlich relevant als auch tatsächlich wesentlich für Umwelt und Gesellschaft sind. Ressourcen lassen sich so dort einsetzen, wo sie Wirkung entfalten – statt verteilt auf alles, was irgendein Standard verlangt.
Berichten ohne Pflicht: pragmatisch und strategisch
Auch ohne gesetzliche Verpflichtung spricht vieles dafür, Nachhaltigkeitsinformationen strukturiert zu kommunizieren – als Steuerungs- und Kommunikationsinstrument zugleich. Entscheidend ist dabei weniger, welcher Standard gewählt wird, als dass er konsequent umgesetzt wird.
Für Mittelständler bietet sich der VSME (Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs) an: ein schlanker Rahmen, der Struktur gibt, ohne die Komplexität der ESRS zu replizieren. Global aufgestellte Unternehmen können alternativ auf die GRI-Standards zurückgreifen, die international breit anerkannt sind.
Dass sich dieser Ansatz in der Praxis bewährt, zeigen unterschiedliche Stimmen. Dr. Jannis Tent von Currenta, Betreiber von Chemieparks und Anbieter von Industriedienstleistungen, beschreibt es so: „Der VSME-Bericht ermöglicht es uns, Erwartungen aus Lieferketten, von Kunden und vom Finanzmarkt zu erfüllen, Transparenz zu schaffen und zugleich eine effiziente Datengrundlage für Ratings wie EcoVadis bereitzustellen. Damit reduzieren wir den administrativen Aufwand und vermeiden Mehrfachabfragen." Ähnlich sieht es Silke Conrad, Director Sustainability & Integrated Management bei W. Neudorff:
Der Standard unterstützt uns dabei, Nachhaltigkeitsziele strukturiert umzusetzen. So schaffen wir eine belastbare Grundlage für Anforderungen aus Plattformen wie SEDEX und EcoVadis.
Ein strukturierter Bericht ist damit mehr als Kommunikation nach außen – er ist die Datenbasis, auf der schnelle und konsistente Antworten auf externe Anfragen überhaupt erst möglich werden.
Empfehlung der Redaktion: Fit für den VSME – Chance für einen pragmatischen Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung Online-Seminar | Mo, 27.04.2026 | 12:30 Uhr Stellen Sie sich die Frage, was die Vorteile eines freiwilligen Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung sind? Und fragen Sie sich, warum Sie den VSME anwenden sollen? Dann sind Sie hier genau richtig. |
Ratings als unterschätzter Wettbewerbsfaktor
Weiterhin sind Ratings wie EcoVadis und CDP in vielen Branchen längst kein Nice-to-have mehr, sondern fester Bestandteil von Lieferkettenentscheidungen. Wer hier gut abschneidet, sichert bestehende Geschäftsbeziehungen und differenziert sich aktiv vom Wettbewerb. Voraussetzung dafür ist eine belastbare, systematisch gepflegte Datenbasis, die sich ohne strukturiertes Nachhaltigkeitsmanagement nicht aufbauen lässt.
Fazit: Regulierung war nie der eigentliche Treiber
Wer Nachhaltigkeit bisher vor allem als Compliance-Aufgabe verstanden hat, sollte die aktuelle Verschiebung als Einladung begreifen, das zu korrigieren. Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsdaten systematisch erfassen, klar priorisieren und transparent kommunizieren, reagieren so schneller auf Kundenanforderungen, performen besser in Ratings und sichern ihre Position in Lieferketten.
Nachhaltigkeit war also nie primär eine regulatorische Frage. Der Markt hat das schon immer gewusst.
Lukas Vogt ist Co-Gründer und CEO von Sunhat, einer KI-gestützten Softwarelösung zur Bereitstellung auditsicherer Nachhaltigkeitsdaten. Als Experte äußert er sich zu Themen rund um Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsmanagement. Mit Leidenschaft arbeitet er mit seinem Team daran, dass Unternehmen Zeit und Kosten beim ESG-Reporting sparen und sich so auf ihre wesentlichen Aufgaben konzentrieren können. die Welt nachhaltig zu verändern. |
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