Nachhaltigkeit war in den vergangenen Jahren eines der dominierenden Themen – gesellschaftlich wie unternehmerisch. Kaum eine Strategie, kaum ein Geschäftsbericht kam ohne entsprechende Zielsetzungen aus. Der Anspruch war klar: Nachhaltigkeit sollte zum integralen Bestandteil unternehmerischer Positionierung und wirtschaftlichen Handelns werden. Idealerweise begleitet von einer gut geplanten Kommunikationsstrategien.
Doch die Rahmenbedingungen haben sich mittlerweile spürbar verändert. Wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Spannungen und steigender Kostendruck prägen zunehmend die öffentliche Debatte und verschieben Prioritäten. Unsere aktuellen Civey-Daten zeigen, dass die Deutsche Gesellschaft gegenwärtig von Unsicherheit (37 %), Wut (34 %) und einem Gefühl von Kontrollverlust (29 %) geprägt ist. Positive Emotionen wie Zuversicht (23 %) oder gar Sicherheit (8 %) werden deutlich seltener genannt.
Wird Nachhaltigkeit zu einem Nice-to-have?
Dieser Zustand spiegelt sich auch in den thematischen Prioritäten der Menschen wider: Themen wie Wirtschaft und Arbeitsplätze (55 %), Renten- und Sozialsysteme (54 %) sowie innere Sicherheit (45 %) stehen für sie aktuell im Vordergrund. Die Umwelt- und Klimapolitik hingegen wird nur noch von 22 Prozent als eines der drei persönlich wichtigsten Themen genannt. Nachhaltigkeit steht damit nicht mehr im Zentrum eines breiten gesellschaftlichen Aufbruchs, sondern muss sich in einer unter Druck stehenden Gesellschaft behaupten. Vor diesem Hintergrund stellt sich Unternehmen eine zentrale Frage: Bleibt Nachhaltigkeit in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten ein strategischer Kern des eigenen Handelns – oder entwickelt sie sich zunehmend zum Nice-to-have?
Auf der einen Seite ist Nachhaltigkeit in vielen Unternehmen strategisch verankert, auf der anderen Seite bleibt sie häufig nachgelagert und konkurriert mit anderen, kurzfristig dringlicheren Themen.
Ein Blick auf die Perspektive von privatwirtschaftlichen Entscheiderinnen und Entscheidern zeichnet jedoch ein differenziertes Bild: Zwar gibt es ein Bewusstsein für die Relevanz, die Priorisierung im harten Wettbewerbsalltag hat sich jedoch verschoben.
Eine exklusive Umfrage von Civey zeigt: Nur 12 Prozent der Unternehmen sehen Nachhaltigkeit als zentrale strategische Priorität. Weitere 31 Prozent messen ihr zwar eine wichtige, aber nicht zentrale Bedeutung bei. Demgegenüber steht eine große Gruppe, für die Nachhaltigkeit aktuell nur eine untergeordnete Rolle spielt (22 %) oder gar keine Bedeutung hat (25 %).
Damit entsteht ein ambivalentes Bild: Auf der einen Seite ist Nachhaltigkeit in vielen Unternehmen strategisch verankert, auf der anderen Seite bleibt sie häufig nachgelagert und konkurriert mit anderen, kurzfristig dringlicheren Themen.
Diese Verteilung verweist auf eine Verschiebung im unternehmerischen Umgang mit Nachhaltigkeit. Sie ist weder Nischenthema noch handlungsleitendes Prinzip. Vielmehr bewegt sie sich in einem Spannungsfeld zwischen strategischem Anspruch und tatsächlicher Umsetzung.
Nachhaltigkeit wird operativ oft nachrangig behandelt
Ein Blick auf die größten Hindernisse für Nachhaltigkeitsinitiativen erklärt diese Diskrepanz: 30 Prozent der befragten Entscheiderinnen und Entscheider nennen hohe Kosten als zentrales Hindernis. Hinzu kommt, dass 28 Prozent den wirtschaftlichen Nutzen von Nachhaltigkeitsmaßnahmen als unklar oder zu gering einschätzen. Nachhaltigkeit konkurriert damit direkt mit kurzfristigen Effizienz- und Renditezielen und unterliegt ihnen häufig.
Diese Dynamik wird durch strukturelle Faktoren verstärkt. Hohe gesetzliche Anforderungen (25 %) sowie fehlende finanzielle Mittel für nachhaltige Investitionen (22 %) erschweren die Umsetzung zusätzlich. Gleichzeitig geben 20 Prozent der Befragten an, dass andere Themen derzeit schlicht wichtiger sind. Nachhaltigkeit wird damit zwar strategisch anerkannt, operativ jedoch häufig nachrangig behandelt.
Nachhaltigkeit wird dort umgesetzt, wo sie wirtschaftlich anschlussfähig ist und zurückgestellt, wo sie zusätzliche Kosten verursacht oder keinen unmittelbaren Nutzen erkennen lässt.
Auffällig ist zudem, dass klassische interne Hürden vergleichsweise selten genannt werden. Weder fehlendes Personal oder Kompetenzen (8 %) noch eine mangelnde Verankerung im Unternehmen (7 %) stehen im Vordergrund. Auch Zielkonflikte zwischen kurzfristigen und langfristigen Zielen (7 %) spielen aus Sicht der Befragten eine geringere Rolle.
Die Transformation scheitert damit weniger an fehlendem Willen oder strukturellen Defiziten innerhalb der Organisationen, sondern vor allem an externem Druck und ökonomischen Abwägungen. Nachhaltigkeit wird dort umgesetzt, wo sie wirtschaftlich anschlussfähig ist und zurückgestellt, wo sie zusätzliche Kosten verursacht oder keinen unmittelbaren Nutzen erkennen lässt.
Die aktuellen Entwicklungen markieren eine entscheidende Phase für die Nachhaltigkeitstransformation. Unter wachsendem wirtschaftlichem Druck zeigt sich, ob Nachhaltigkeit tatsächlich als strategischer Kern verankert ist oder in der Praxis hinter kurzfristigen Zwängen zurücktritt.
Die Erwartungen an Unternehmen haben sich verändert
Ein grundlegender Konsens über die Bedeutung des Themas scheint in vielen Unternehmen bestehen zu bleiben. Gleichzeitig verliert die öffentliche Inszenierung von Haltung an Bedeutung. Nachhaltigkeit wird weniger über Kommunikation, sondern zunehmend über konkrete, messbare Maßnahmen bewertet. So hat Nachhaltigkeit beispielsweise dann eine Chance, wenn sie als neuer Teil einer Sicherheitsstrategie verstanden wird. Das zeigt sich exemplarisch an der Energiefrage: Der Aufbau dezentraler Strukturen wird nicht primär aus ökologischen Gründen vorangetrieben, sondern weil er Versorgungssicherheit schafft und Preisrisiken reduziert.
Ähnlich verhält es sich bei Lieferketten oder Produktionsstrukturen: Weniger Abhängigkeit von einzelnen Märkten oder Akteuren wird zum strategischen Vorteil, auch wenn dies kurzfristig mit höheren Kosten verbunden ist.
In einer Gesellschaft, die sich von Unsicherheit, Kontrollverlust und wirtschaftlichem Druck geprägt sieht, verändern sich auch die Erwartungen an Unternehmen.
Wie kann Nachhaltigkeit auch unter Druck tragen?
Gefragt sind weniger abstrakte Zukunftsversprechen als vielmehr sichtbare Stabilität und Verlässlichkeit im Hier und Jetzt.
Nachhaltigkeit verschiebt sich damit funktional: von einem Transformationsnarrativ hin zu einem Instrument der Risikosteuerung.
Die entscheidende Frage ist damit nicht mehr, ob Nachhaltigkeit wichtig ist, sondern ob es Unternehmen gelingt, sie so in ihre Wertschöpfung zu integrieren, dass sie auch unter Druck trägt: als Beitrag zu Stabilität, Unabhängigkeit und Krisenfestigkeit.
Erst dann wird aus einem strategischen Anspruch ein belastbares Geschäftsmodell.
Sustainable Economy Summit Datum: 21.–22. April 2026 |