„Sustainable Business Gardener“ Juergen L. Sommer

„Gehen Sie raus aus der Nachhaltigkeitsbubble!“


Interview Wachstum mit Wurzeln Juergen L. Sommer

Wie wird aus einem Gartenprojekt ein Lehrstück für nachhaltige Unternehmensführung? Juergen L Sommer zeigt in seinem Buch zusammen mit Kai Gondlach, wie Prinzipien aus der Natur helfen, komplexe Transformationsprozesse greifbar zu machen. Wir sprachen mit ihm über Bewässerungssystemdenken.

Herr Sommer, warum ist Wachstum mit Wurzeln für Sie mehr als nur ein Buchtitel – und gerade jetzt so wichtig?

Das Buch ist aus einer sehr persönlichen Erfahrung entstanden: 2022 wollte ich die Rasenflächen meines Elternhauses umgestalten. Das Angebot des Landschaftsbauers waren 35.000 Euro. Meine Entscheidung daraufhin lautete: selbst machen. Was dann folgte, war mehr als ein Gartenprojekt – es war ein Lehrstück über systemisches Denken. Bei der Gartengestaltung viel mir auf, dass die Prinzipien und Vorgehensweisen häufig die gleichen sind wie im Business. Alles beginnt mit der Planung und Standortbestimmung: Welche Pflanze passt zum Standort? Dann folgt die Kultivierung: Wie kann ich meinen Boden verbessern? Welche Samen sind die besten? Schließlich die Pflege: Bekommen alle Pflanzen genug Wasser und Nährstoffe? Wer schützt wen vor Schädlingen? Wie kann ich mir die Gartenarbeit erleichtern? Wie schaffe ich ein System, das sich selbst trägt? Dann erfolgte die Umsetzung über Monate hinweg. Am Ende war ich sehr stolz auf das, was ich geschaffen hatte, – und vor allem auf das, was ich dabei gelernt habe. Als ich dann krankheitsbedingt mehrere Monate nicht in den Garten konnte, hatte ich Angst, dass er stirbt. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Pflanzen hatten sich gegenseitig gestärkt. Genau da entstand die Idee: In Systemen denken, statt in festen Kategorien. Im Garten wie im Business.

Und genau das brauchen Unternehmen gerade dringend. Nachhaltigkeit ist heute leider oft negativ besetzt — CSRD, CBAM, EUDR, EU-Taxonomie. Lauter Berichte, die Ressourcen fressen, aber keinen Wert schaffen. Dabei ist unternehmerische Nachhaltigkeit einer der effektivsten Hebel für echtes Wachstum: volatile Lieferketten stabilisieren, Energiekosten senken, Fachkräfte gewinnen, neue Märkte erschließen. Wer Nachhaltigkeit als Risikomanagement versteht und nicht als Selbstzweck, kann damit Umsatz steigern, Kosten senken und Compliance sichern. Gleichzeitig. Das zeigen wir im Buch mit konkreten Beispielen.

An wen ist dieses Buch gerichtet?

Es ist adressiert an alle, die aktiv an der Transformation ihres Unternehmens arbeiten. Das funktioniert aber nur, wenn mehrere Disziplinen mitspielen: Nachhaltigkeitsverantwortliche, IT-Verantwortliche, Fach- und Prozessverantwortliche aus Einkauf, Produktion, Logistik und Vertrieb und als Sponsor die Geschäftsleitung. Denn das zentrale Thema ist die Twin Transformation: die strategische Integration von Digitalisierung/KI und Nachhaltigkeit. Kein Entweder-oder, sondern ein gemeinsames Betriebssystem für das Unternehmen. Kurzum: Das Buch richtet sich an Entscheider und Transformationsverantwortliche, die bereit sind, wie Gärtner zu denken, die täglich beobachten, pflegen und nachsteuern. Nicht wie Landschaftsbauer, die kommen, etwas umbauen und wieder verschwinden.

„Daten sind das Bewässerungssystem der Transformation“

Inwiefern macht die Metapher des Gärtnerns komplexe Transformationsprozesse in Unternehmen greifbar?

Lassen Sie mich das andersherum fragen: Was verstehen Sie unter „IROs im Rahmen der doppelten Wesentlichkeitsanalyse"? Und glauben Sie, das versteht eine Einkäuferin oder ein Produktionsleiter auf Anhieb? Genau das ist das Problem. Erfolgreiche Transformation braucht als Fundament ein gemeinsames, abteilungsübergreifendes Verständnis, das auch ohne MBA verstanden werden kann. Die Gartenanalogie schafft genau das: eine gemeinsame Sprache, die jeder sofort versteht. Begriffe, mit denen jeder etwas anfangen kann. Gärtnern ist eine Daueraufgabe. Und genau das ist der entscheidende Unterschied zu Projektdenken: Transformation ist kein Sprint, den man abhakt. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess – wie das Pflegen eines Gartens.

Wie werden Organisation und Kultur transformationsfähig?

Indem das Unternehmen weiß, wo es steht und sich im Klaren ist, wo es hinwill. Kennen Sie die Geschichte der drei Maurer? Jemand fragt drei Handwerker, was sie tun. Der erste sagt: "Ich setze Stein auf Stein." Der zweite: "Ich baue Fensterbögen." Der dritte: "Ich baue eine Kathedrale." Welche dieser drei brauchen wir für eine erfolgreiche Transformation? Organisation und Kultur sind am Ende Menschen. Und Transformation ist der Weg von A nach B. Was braucht es dafür? Einen Leader, einen Gärtner, der die Menschen mitnimmt. Nicht antreibt, sondern ermöglicht. Simon Sinek bringt es auf den Punkt: Leaders eat last. Wer zuerst an sich denkt, verliert sein Team. Wer den Weg zeigt und Hindernisse aus dem Weg räumt, baut Kultur. Und Kultur ist wie Boden: Den kann man nicht kaufen. Den muss man täglich pflegen.

Weshalb bleibt Nachhaltigkeitsmanagement ohne klare Datenbasis ein Blindflug?

Datengetriebene Entscheidungen sind keine Eigenheit der Nachhaltigkeit - das gilt für jeden Bereich im Unternehmen. Die entscheidende Frage ist: Wie soll Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie integriert werden, wenn nicht bekannt ist, wo das Unternehmen steht, wie sich Fortschritte messen lassen etc.? Nachhaltigkeit rechnet sich, aber nur, wenn man es nachweisen kann. Welche Energieeffizienzmaßnahme spart wie viel CO₂ und wieviel Euro? Wo lohnt sich der Einstieg in die Kreislaufwirtschaft zuerst? Ohne Baseline-Daten keine Antwort. Und ohne Antwort kein Budget, kein Management-Buy-in, keine Wirkung. Daten sind das Bewässerungssystem der Transformation: Wer nicht weiß, wo er gießt, verschwendet Ressourcen und erntet trotzdem nichts. Der Pragmatismus hilft hier: Wer noch keine Daten hat, trifft dokumentierte Annahmen. Das ist kein Fehler das ist professionelles Projektmanagement. Man verbessert die Datenbasis Schritt für Schritt. Hauptsache, man fängt an, zu messen.

Wie können vor allem Nachhaltigkeitsmanager die Herausforderung zwischen Berichtspflicht und echter Wirkung meistern?

Raus aus der Nachhaltigkeitsbubble. Das ist meine klare Empfehlung. Viele Nachhaltigkeitsmanager wurden eingestellt, um Berichte zu schreiben. Sie kennen CSRD, Doppelte Wesentlichkeit, IROs, aber selten die betriebswirtschaftliche Sprache des Vorstands. Das ist kein Vorwurf, sondern eine strukturelle Lücke. Wer als Nachhaltigkeitsverantwortlicher Wirkung erzielen will, muss seine Initiativen als Business Cases denken und kommunizieren: Was ist das Problem? Was ist das Ziel? Was kostet es? Was bringt es? ROI-Sprache, nicht Reporting-Sprache. Das erfordert zwei Investitionen: betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse und noch wichtiger, solides Multiprojektmanagement. Wer beides beherrscht, sitzt am Tisch der Entscheider. Wer nur Berichte schreibt, bleibt außen vor. Der Unterschied: Gärtner vs. Buchhalter des Gartens.

So wird aus dem Vorsatz ein Business Case

Wie wird aus „wir sollten nachhaltiger werden“ ein klar gesteuerter Business Case?

Indem man aufhört, Nachhaltigkeit als Sonderthema zu behandeln, und anfängt, es wie jedes andere Business-Vorhaben aufzusetzen. Ein klarer Business Case beantwortet vier Fragen: Was ist die Ausgangssituation? Was ist das Ziel? Welche Optionen gibt es und was kostet welche? Und entscheidend: Welchen messbaren Nutzen bringt die Investition? Ohne Daten geht das nicht. Wer noch keine hat: Annahmen treffen, dokumentieren, verfeinern. Das ist kein Makel, das ist Standard in jedem soliden Projektmanagement. Was am Ende überzeugt beim Vorstand, im Aufsichtsrat, beim Investor sind keine Hochglanz-Nachhaltigkeitsberichte. Es sind nachweisbare Ergebnisse: 18 Prozent weniger Energiekosten, 40 Prozent reduzierte Ausschussquote, neue Märkte durch Circular-Economy-Produkte. Das versteht jeder. Das öffnet Budgets.

Können Sie Ihre sieben Prinzipien des nachhaltigen Gärtnerns als Blaupause für Unternehmenstransformation konkreter erläutern und ein Beispiel geben? 

1. Strategische Planung, Kakteen wachsen nicht im Moor. Bevor Sie transformieren, müssen Sie verstehen, wo Ihr Unternehmen wirklich steht: Markt, Kultur, Ressourcen. Wer die Standortbedingungen ignoriert, scheitert egal wie gut der Plan auf dem Papier aussieht. Und sie müssen wissen, wo es hingehen soll.

2. Bodenpflege — Die beste Strategie verpufft in totem Boden. Unternehmenskultur ist das Fundament. Vertrauen, Ethik und gemeinsame Werte lassen sich nicht kaufen, die müssen täglich gepflegt werden. Wer seinen Boden vergiftet, erntet irgendwann die Quittung.

3. Das Samenkorn. Nachhaltige Innovation entsteht nicht durch das Kopieren der neuesten Trends, sondern durch eigene, samenfeste Ideen: Lösungen, die sich von innen heraus verbessern und unabhängig machen, statt abhängig von Saatgut-Monopolisten zu sein.

4. Nachhaltige Bewässerung, Gießkannenprinzip vs. Tröpfchenbewässerung. Ressourcen (Budget, Energie, Zeit) müssen gezielt dort eingesetzt werden, wo sie maximale Wirkung entfalten. Wer überall ein bisschen macht, spart nirgendwo.

5. Diversität. Monokulturen kollabieren bei jedem Sturm. Resiliente Unternehmen setzen auf Vielfalt: verschiedene Märkte, Teams, Geschäftsmodelle. Was dem einen schadet, federt der andere ab.

6. Kooperation statt Gift: Marienkäfer gegen Läuse. Statt Konkurrenz: strategische Partnerschaften. Unternehmen, die mit ihrem Ökosystem arbeiten statt dagegen, gewinnen mehr als sie verlieren.

7. Kreislaufwirtschaft. In der Natur gibt es keinen Müll. Altes wird zu etwas Neuem. Für Unternehmen bedeutet das: Rückläufer, Produktionsreste, Altmaterial, alles hat Potenzial, wenn man mit System denkt ,statt mit der Schublade "Abfall".

Transformation im doppelten Sinn: digital und nachhaltig

Weshalb ist Twin Transformation für Sie kein Selbstzweck und zielt auf messbaren Mehrwert?

Weil Selbstzweck keine Budgets bekommt und keine Märkte gewinnt. Twin Transformation rechnet sich konkret. KI optimiert Energieverbräuche in Echtzeit. Digitale Lieferkettentransparenz reduziert Risiken und Compliance-Aufwand. Kreislaufwirtschaft senkt Materialkosten und erschließt neue Erlösquellen. Nachhaltigkeit stärkt die Arbeitgebermarke im Wettbewerb um Talente. Der Kern: Wer Digitalisierung und Nachhaltigkeit als separate Silos behandelt, zahlt doppelt, doppeltes Change-Management, doppelte IT-Kosten, doppelter Aufwand für die Belegschaft. Wer beides integriert, zahlt einmal und gewinnt mehrfach. Das ist kein Idealismus. Das ist Betriebswirtschaft.

Was sind die zentralen Handlungsfelder der Twin Transformation?

Drei Handlungsfelder, die zusammenspielen müssen:

Strategie & Steuerung: Nachhaltigkeit und Digitalisierung brauchen eine gemeinsame Strategie mit gemeinsamen KPIs, einem integrierten Governance-Modell und klarem Management-Sponsoring. Solange beide Themen separate Budgets und separate Berichte haben, bleibt Transformation Stückwerk.

Prozesse & Technologie: KI und Daten als Enabler für Effizienz und Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Einkauf und Produktion bis Logistik und Vertrieb. Nicht als Tech-Projekt, sondern als Business-Transformation mit messbaren Zielen.

Kultur & Mensch: Die beste Strategie scheitert am Menschen, wenn die Kultur nicht stimmt. Führungskräfte als Gärtner, nicht als Landschaftsbauer und Mitarbeitende als aktive Mitgestalter des Wandels. Transformation, die in der Kultur verwurzelt ist, überlebt auch den nächsten Strategiewechsel.

Wie wird aus einer Unternehmensvision eine echte Transformationsstrategie?

Indem man aufhört, Vision mit Strategie zu verwechseln. Eine Vision sagt: Wohin wollen wir? Eine Strategie sagt: Warum genau dieser Weg und wie messen wir, ob wir vorankommen? Der Übergang gelingt in drei Schritten: Erst die ehrliche Standortbestimmung, wo stehen wir wirklich, nicht wo glauben wir zu stehen. Dann die strategische Priorisierung: Welche Initiativen bringen uns der Vision näher und rechnen sich? Und schließlich die operative Verankerung: Wer ist verantwortlich, was sind die Meilensteine, welche Ressourcen brauchen wir?

Wie im Garten: Wer einfach Samen in die Erde wirft und hofft, wird enttäuscht. Wer den Standort analysiert, den Boden vorbereitet und zur richtigen Zeit pflanzt, erntet. Visionen ohne Strategie sind Wunschlisten. Strategie ohne Verankerung ist Papier. Beides zusammen, das ist Twin Transformation.

Vielen Dank für das Gespräch.


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Das Buch:

Juergen L. Sommer / Kai Gondlach: Wachstum mit Wurzeln. Strategien für Unternehmen, die nachhaltig und resilient wachsen wollen. Haufe, Freiburg, 2025.

Sie finden das Buch in der Buchhandlung Ihres Vertrauens, aber auch im Haufe Shop.


Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung , Nachhaltigkeit
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