ChangeNow 2026

Vom Abgrund aus gedacht – Paris sucht Lösungen


ChangeNow 2026: Vom Abgrund aus gedacht

Auf der ChangeNow in Paris trafen Optimierer auf Paradigmenwechsler. Die Frage, ob grünes Wachstum Lösung oder Mythos ist, blieb bis zum Schluss unbeantwortet.

Wer das Grand Palais in Paris betritt – jenes monumentale Glaspalais, das einst für die Weltausstellung des Jahres 1900 erbaut wurde –, dem erschließt sich sofort die Symbolik dieses Ortes: Ein Bauwerk aus einer Zeit des unbeirrbaren Fortschrittsglaubens, heute Bühne für eine Konferenz, die eben jenen Glauben einer grundlegenden Prüfung unterzieht. Drei Tage lang war das Grand Palais Schauplatz der ChangeNow – nach eigenen Angaben das weltweit größte Event für Lösungen zum Schutz des Planeten. 40.000 Teilnehmende aus mehr als 140 Ländern, 1.200 Investorinnen und Investoren und 1.000 Lösungsanbieter: Die Veranstaltung wächst – ausgerechnet in einem Moment, in dem Nachhaltigkeit politisch und wirtschaftlich unter Druck steht.

„Wir sind bereits über den Abgrund hinweg“

Den Ton setzte Prinz Albert II. von Monaco mit einem Satz, der im Saal nachklang: „Wir nähern uns nicht dem Abgrund – wir sind bereits darüber hinweg. Die Frage ist nun, ob wir auf dem Weg nach unten Flügel bekommen.“ Johan Rockström vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sprach in seiner Eröffnungsrede über planetare Grenzen, Kipppunkte und den „Corridor of Life“. Sein Fazit: Auch in „Zeiten der Dunkelheit“ sei das Handlungsfenster noch offen – eine Botschaft, die das Publikum offensichtlich brauchte. Sandrine Dixson-Declève vom Club of Rome betonte eindringlich: Laut den Vereinten Nationen habe es 2025 erstmals keinen messbaren Fortschritt im Kampf gegen Armut gegeben, Wohlstand werde zunehmend ungleicher verteilt, die KI-Disruption könnte dies noch verschärfen.

Was sich durch alle drei Konferenztage zog, war eine auffällige Energie des gegenseitigen Ermutigens. Klimaaktivistin Luisa Neubauer brachte dies auf den Punkt: „Change travels with the speed of trust.“ Die Anwesenden – ESG-Verantwortliche, Impact-Investoren, Aktivistinnen, Unternehmensentscheider – teilten das Bewusstsein, dass Nachhaltigkeit in Teilen der politischen und wirtschaftlichen Öffentlichkeit derzeit an Rückhalt verliert. Gründer Santiago Lefebvre erinnerte aber auch daran, dass es bei der ersten Ausgabe der ChangeNow kaum möglich gewesen sei, 100 Lösungsanbieter zu finden. Heute sind es 1.000, was er als Beleg für die zunehmende Reife des Feldes wertet.

Optimierung oder Systemwandel?

Das Programm war in gewisser Weise zweigeteilt – und diese Spannung war produktiv, wenn auch unaufgelöst. Auf der einen Seite standen Beiträge, die Nachhaltigkeit als Geschäftschance innerhalb des bestehenden Systems verorteten. Gauthier Acket, Head of Global ESG bei KPMG, sprach von Nachhaltigkeit als „Wettbewerbsvorteil“ – ein Argument, das angesichts geopolitischer Verwerfungen und volatiler Rohstoffpreise an Plausibilität gewonnen hat: Unternehmen, die sich durch Elektrifizierung und erneuerbare Energien unabhängiger von fossilen Ressourcen gemacht haben, zeigen sich gegenüber Preisschocks robuster. Das Credo: nicht weniger Wachstum, sondern neu definiertes Wachstum – „Green Growth“.

Auf der anderen Seite meldeten sich Stimmen zu Wort, die diese Perspektive grundlegend hinterfragten – mit einer Konsequenz, die auf vergleichbaren Konferenzen im deutschsprachigen Raum selten zu hören ist. Dixson-Declève brachte es in der Podiumsdiskussion „Business within Planetary Boundaries“ auf eine knappe Formel: „Wir haben eine Wirtschaft, die vom Profitstreben einiger weniger bestimmt wird. Wenn wir das nicht überwinden, werden wir niemals im Rahmen der planetarischen Grenzen wirtschaften können.“ Der ehemalige Unilever-CEO Paul Polman formulierte es mit Blick auf die bereits überschrittenen sieben von neun planetaren Grenzen unmissverständlich: „Wenn dein Unternehmen schlecht für den Planeten ist, reicht es nicht, weniger schlecht zu sein.“

Einer der am besten besuchten Vorträge war der des Makroökonomen Timothée Parrique von der Universität Lausanne. Er kritisierte scharf: „CSR und ESG sind ein Schwindel – kein Fehler, sondern ein Schwindel.“ Solange Gewinne privatisiert und ökologische Kosten vergesellschaftet würden, sei „grünes Wachstum” keine Lösung, sondern eine Legitimationserzählung. Kate Raworth, die Begründerin der Doughnut-Ökonomie, untermauerte dies mit einer ernüchternden Zahl: Dem UN-Report „State of Finance for Nature 2026“ zufolge fließt für jeden Dollar, der in naturpositive Initiativen investiert wird, das Dreißigfache in Maßnahmen, die der Natur schaden.

Aus der Praxis: Daten, Lieferketten und Aufsichtsräte

Neben den Grundsatzdebatten bot die ChangeNow auch Raum für konkrete Einblicke. Ariane Coulombe vom CDP mahnte, Nachhaltigkeitsdaten nicht zum Selbstzweck zu erheben: „Es geht darum, Daten sinnvoll zu nutzen, und nicht nur darum, Datenpunkte zu sammeln.“ Unternehmen, die ihren Klimazielen tatsächlich näherkommen, haben eines gemeinsam: Nachhaltigkeit ist auf höchster Managementebene verankert und wirkt sich auf die Vergütung aus.

Niki Schilling von Rituals schilderte einen typischen Praxiskonflikt: Der Wunsch der Kundschaft nach weniger Plastik und die eigenen CO₂-Ziele lassen sich nicht ohne Weiteres vereinbaren – ein vollständiger Umstieg auf Glas würde die Emissionen erhöhen. Die Lösung: ein Refill-Angebot. Coline Pont, Chief Sustainability Officer bei Accor, ergänzte, dass solche Produktinnovationen auch bei Geschäftspartnern Prozessveränderungen anstoßen könnten.

In der Session zur Rolle von Aufsichtsräten diagnostizierte Paul Polman, die meisten Boards seien „Hüter der heutigen Welt und nicht Verantwortungsträger von morgen“. Sein Vorschlag: ein freier Stuhl in jeder Aufsichtsratssitzung, der symbolisch die Interessen künftiger Generationen repräsentiert. Barbara Martin Coppola stellte das Modell von Patagonia vor, bei dem alle Unternehmensgewinne in eine Stiftung für ökologische und soziale Projekte fließen: „Der Planet ist unser einziger Shareholder.“

Das unbehagliche Gefühl einer offenen Frage

Am Ende der drei Tage formulierte eine Besucherin, was viele im Gespräch bewegt hatte: „Ich habe keine Lust mehr auf Konferenzen, auf denen wir uns gegenseitig bestätigen, wie wichtig das alles ist, ohne die eigentliche Systemfrage zu stellen: Wann fangen wir an, das Fundament zu verändern, statt nur das Dach zu reparieren?”

Es ist eine Frage, die die ChangeNow zumindest gestellt hat – lauter und konsequenter als viele vergleichbare Formate. Ob daraus Handlungen folgen, wird sich nicht in Paris entscheiden. Dass diese Debatte jedoch mitten in einem Glaspalast aus dem Jahr 1900 stattfindet, ist ein Signal: Die Auseinandersetzung um die Grundlagen unseres Wirtschaftens hat die großen Bühnen erreicht.


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