Die zukünftige Kanzlei – die Kanzlei der Zukunft!?

Am Anfang steht die Idee, der Wunsch nach der eigenen Kanzlei. Doch dann kommen die Bedürfnisse der Mandanten, der Markt und die Fähigkeiten und Persönlichkeiten der Mitarbeiter dazwischen und der Terminkalender des Alltagsgeschäfts übernimmt die Führung. Das Business Model Canvas und das Modell der Spiral Dynamics helfen, eine aussagekräftige Kanzleistrategie zu entwickeln.

Nur ca. ein Viertel der Berufsanfänger starten ihre berufliche Karriere in der Selbstständigkeit mit eigener Kanzlei. Der weitaus überwiegende Teil möchte erst einmal Berufserfahrung sammeln und startet im Angestelltenverhältnis.

Nach acht Jahren hingegen hat sich das Verhältnis fast umgekehrt: Knapp zwei Drittel der Berufsträger sind in der Selbstständigkeit angekommen (Branchenbericht der Sparkasse Deutschland – mehr dazu in Tutschka „Kanzleigründung und Kanzleimanagement“). Das kann der Aufstieg in die Partnerschaft sein, das kann aber auch das Verlassen der Kanzlei und Eigengründung oder die Übernahme einer Kanzlei sein.

Analyse des Rechtsberatungsmarkts ist unverzichtbar

Die genaue Kenntnis des Rechtsberatungsmarkts im Allgemeinen und im Besonderen (für spezielle Fachgebiete, bestimmte Regionen etc.) ist erfolgsentscheidend.

Die meisten starten mit einem Zeitplan für die Umsetzung des Projektes Kanzleigründung, wobei der Schwerpunkt darauf liegt, wann der ideale Zeitpunkt für die Kanzleigründung ist. Selbstverständlich ist es immer gut, einen Plan zu haben. Wer es jedoch wirklich Ernst meint, sollte mit der Erarbeitung einer Kanzleivision starten:

Diese sollte einerseits das Geschäftsmodell, also z.B. ein Spezialgebiet, einen besonderen Service umfassen sowie die Positionierung dieses USP (Unique Selling Point – das Alleinstellungsmerkmal) am Markt. Idealerweise geht der Erarbeitung des Alleinstellungsmerkmals eine genaue Marktanalyse voraus: Gibt es für diese Lösung tatsächlich einen Bedarf? Wo steht die Konkurrenz? Wo, wann und wie funktioniert dieses Angebot am besten?

Andererseits sollte diese Vision aber auch beinhalten, wofür die Kanzlei stehen soll, welche Werte dort gelebt werden und in welcher Kultur des Miteinanders dort gearbeitet wird: Soll die Kanzlei zum Gemeinwohl beitragen, für gesellschaftliches oder gar gesellschaftspolitisches Engagement stehen? Wird sie streng hierarchisch geführt werden oder eher den Mitarbeitern viel Eigenverantwortung übertragen? Sind Feedback und Verbesserungsvorschläge willkommen und wie sieht es mit der Fehlerkultur aus?

Wohin soll die Reise gehen: Kanzleivision? Kanzleikultur?

Nicht nur aus berufsethischen Gründen sollte eine Kanzlei für bestimmte Werte stehen und sich über die in ihr gelebte Kultur im Klaren sein. In der Annahme, dass alle anderen so sind und denken wie man selbst, unterschätzen Unternehmensinhaber immer wieder, wie wichtig es ist, nicht nur Klarheit über die eigenen Werte und Bedürfnisse zu haben, sondern diese auch deutlich zu kommunizieren. Wird das Unternehmen dann noch von einem Führungsteam geführt, wie in den allermeisten Kanzleien, ist die Klarheit spätestens dann dahin, wenn man sich nicht hinreichend auf einen Führungsstil und einheitliche Werte und die Mitarbeiterkultur geeinigt hat. Hier hilft Schriftlichkeit:

Der Rat, den der Anwalt immer wieder dem Mandanten nach einer missglückten vermeintlichen Absprache mitgibt, sollte er hier unbedingt für die eigene Kanzlei anwenden.

Planloses und insoweit unausgereiftes Vorgehen erinnert an den Arzt Frankenstein, der, nur weil er es technisch kann, Körperteile zu einem Körper fügt und ihn zum Leben erweckt. Doch ist dieses Etwas deshalb ein Mensch? Sicher nicht: Es fehlt ihm die Seele, Herzensbildung, ein moralischer Kompass. Frankenstein ist ein eindrucksvolles Plädoyer für Werte, Ethik und Kultur und gilt damit gleichermaßen für Unternehmen und Organisationen, also auch für Kanzleien.

Eine Sonderstellung nehmen dabei selbstverständlich die sogenannten Einzelanwälte ein, die immerhin ca. ein Drittel der Kanzleien ausmachen  und in der der Anwalt quasi in Personalunion gleichzeitig die Kanzlei ist. Dort spiegelt die Kanzlei dessen Persönlichkeit und Werte wider.

Tools zur Erarbeitung eines Geschäftsmodells

Für die Erarbeitung des Geschäftsmodells eignet sich ganz hervorragend das Business Model Canvas, womit detailliert das Besondere an Rechtsberatung, Zielmandantschaft, die Schlüsselkontakte, die Akquise und Mandantenkommunikation und vieles mehr herausgearbeitet werden kann. Doch spätestens hier kann es zu einem Dilemma kommen: It´s a people business - Es kommt im Geschäft auf den Menschen an.

Bei der Erarbeitung des Geschäftsmodells nach den Bedürfnissen des Marktes und der korrespondierenden Kultur taucht in der strategischen Umsetzung die Frage auf: Wer sind hierfür die richtigen Mitarbeiter und Kollegen? Bin ich der Richtige für dieses Geschäftsmodell?

Welche Persönlichkeiten braucht die Mandantschaft? Das kann und sollte zu einem ehrlichen Ergebnis führen, was im Zweifel auch bedeuten kann, sich gegen diese Kanzleivision zu entscheiden und auch die Perspektive, welche Mitarbeiter und welches Know How steht für die Kanzleigründung tatsächlich zur Verfügung, von Anfang an mit einzubeziehen.

Ehrliche Analyse des Gründers bezüglich seiner Stärken, Schwächen und Ziele

Eine gesunde Selbsteinschätzung der eigenen Stärken und Schwächen, das Bewusstsein der eigenen Werte und Lebensziele des Kanzleiinhabers bzw. der Partner, ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Gründung. Unternehmensgründung und –führung ist immer auch eine tiefgreifende Selbsterfahrung und eine Möglichkeit der persönlichen Entwicklung. Kanzleigründung beginnt also in erster Linie beim Gründer.

Das Modell der Spiral Dynamics ( Beck/Cowan in „Spiral Dynamics“), welches vom US-amerikanischen Psychologieprofessor Clare Graves bereits in den 60er Jahren entwickelt worden ist, zeigt als “Universal-Landkarte” der menschlichen Entwicklung einen Überblick auf.

Sich mit der Komplexität der Spiral Dynamics zu beschäftigen bevor ein Unternehmen, hier: eine Kanzlei, gegründet wird, hilft, die Zusammenhänge zu verstehen: Warum brauchen Start ups “Anarchie”, um erfolgreich zu sein? Und wieso bewahren die komplexen Hierarchiestrukturen Großunternehmen vor dem Untergang, wo sie doch erwiesenermaßen innovationsfeindlich sind und zu homogenen Führungsteams neigen? Warum verunsichern die Schlagworte “Agilität” und “New Work” ältere Generationen, die wiederum die Datensicherheit als “wertvoll” einschätzen? 

Wo genau Sie sich persönlich auf dieser Entwicklungsspirale befinden, wo sich Ihr idealer Mandant, Ihr Team, Ihre Profession, das Land in dem Sie arbeiten, befindet, ist Teil der Standortbestimmung, die als zweiter Schritt Thema des folgenden Beitrages sein wird.

Dr. Geertje Tutschka ist Juristin, Beraterin und Coach sowie Präsidentin der deutschen Sektion der International Coach Federation (ICF). In Ihrem Fachbuch  „Kanzleigründung und Kanzleimanagement“ beschäftigt sie sich mit dem Gründungsthema.

Schlagworte zum Thema:  Rechtsanwalt, Kanzleigründung, Recht