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| Mobiles Arbeiten

Sesshafte in der Minderheit

Professor Jochen Prümper von der HTW Berlin hat eine Befragung zum Thema "mobiles Arbeiten" durchgeführt.
Bild: Martin Pichler

Die Zahl der Mitarbeiter, die mobil arbeiten, ist mittlerweile größer als die derer, die ausschließlich stationär arbeiten. Das hat eine Befragung zum mobilen Arbeiten ergeben. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an die Kompetenzen der Mitarbeiter und die Arbeitsorganisation in Unternehmen.

Genau 54 Prozent der Berufstätigen in Deutschland arbeiten schon "teilweise oder ausschließlich" mobil. Sie erledigen ihre Berufstätigkeit von wechselnden Orten aus oder auf Reisen und nutzen dabei tragbare Computer (97 Prozent), Smartphones (93 Prozent) oder Tablets (62 Prozent) als Arbeitsgerät. Anders ausgedrückt: Nur noch 46 Prozent der Beschäftigten sitzen ausschließlich an einem stationären Arbeitsplatz.

Die Sesshaften sind in der Minderheit

Die Sensation dabei: Die Sesshaften sind plötzlich eine Minderheit! Es gibt offenbar immer mehr Jobs, die mittels Computer erledigt werden und dementsprechend gibt es auch immer mehr Tätigkeiten, die mobil (oft in einem virtuellen Netzwerk) abgearbeitet werden können. Wenn es nach den meisten Zukunftsforschern geht, wird es bald keine Berufe mehr geben, in denen die Mobilität nicht Einzug gehalten hat.

Diese Erkenntnisse stammen aus der Studie "Mobiles Arbeiten", die Anfang 2016 in Auftrag gegeben wurde. Als Mit-Initiatoren wurden die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW), die Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP) sowie das Büro für Arbeits- und Organisationspsychologie (BAO) gewonnen. Durchgeführt wurde die Studie von Professor Jochen Prümper (siehe Foto), Wirtschafts- und Organisationspsychologe an der HTW in Berlin. An der Befragung nahmen 674 Unternehmensvertreter teil.

Die Studienergebnisse im Überblick

Die Studienergebnisse hat Prümper Mitte Mai auf der Messe "Personal 2016 Süd" vorgestellt. Im Einzelnen sieht demnach die Situation für die mobilen Arbeiter so aus:

  • 46 Prozent arbeiten ausschließlich an einem stationären Arbeitsplatz ("Stationary Worker"). Das sind Menschen, die zum Beispiel in der Leitstelle eines Kraftwerks arbeiten.
  • 29 Prozent arbeiten sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens an wechselnden Arbeitsplätzen ("Internal and External Mobile Worker"). Das sind Menschen, die zum Beispiel in der Zentrale ein eigenes Büro haben, aber auch mit dem PKW oder einem Lieferwagen zum Kunden fahren und ihre Arbeit dort mittels Computer durchführen und vor Ort nachbereiten.
  • 14 Prozent arbeiten nur innerhalb eines Unternehmens mobil ("Internal Mobile Worker"). Das sind zum Beispiel Abteilungsleiter, die ein Büro haben und die zusätzlich mit ihrem I-Pad einen Besprechungsraum nach dem anderen aufsuchen, um an Projekten mitzuarbeiten.
  • Elf Prozent arbeiten immer nur außerhalb des Unternehmens an wechselnden Orten ("External Mobile Worker"). Das sind zum Beispiel Außendienstmitarbeiter, die nur sehr selten in einer Niederlassung oder der Zentrale auftauchen und die ihr Auto oftmals für viel Geld zu einem Büro mit Drucker ausgebaut haben.
  • Ein überraschendes Ergebnis der Befragung ist, dass sich durch die mobile Arbeit die gesamte Arbeitssituation verbessert haben soll. "Mobile Worker" profitieren demnach davon, die Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit selbst bestimmen zu können. Mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) sehen bessere oder viel bessere Gestaltungsmöglichkeiten. Vor allem die Aufteilung der Arbeitszeit bringt nach Einschätzung der Befragten deutliche Vorteile (34 Prozent sagen "besser" und 19 Prozent sagen sogar "viel besser"). Nur zwölf Prozent der Teilnehmer beurteilen die Gestaltung der Arbeitszeit bei digitalisierter Mobilarbeit schlechter oder viel schlechter. Durch die Veränderungen hin zu mobilen Arbeitsformen hat sich – so die befragten Chefs – auch die Arbeitsleistung und die Arbeitsqualität der Beschäftigten positiv entwickelt. Besonders groß ist der Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit (sagen 67 Prozent). Nur sieben Prozent beobachten eine Verschlechterung. Zudem hat sich laut Angaben von mehr als der Hälfte der Befragten (55 Prozent) die Leistung der Beschäftigten insgesamt verbessert. Nur eine Minderheit von drei Prozent sieht eine Verschlechterung.

Mitarbeiter benötigen mehr Selbstkompetenzen

Um mit der gewonnenen Freiheit, aber auch mit der möglichen Vereinsamung klarzukommen, brauchen mobile Arbeiter die Fähigkeit, das eigene Arbeits- und Privatleben gut "regulieren" zu können. Mobiles Arbeiten stellt nach Angaben von mehr als der Hälfte der befragten Unternehmen (52 Prozent) höhere oder viel höhere Anforderungen an die Kompetenzen der Beschäftigten.

Lediglich eine Minderheit (sieben Prozent) ist der Ansicht, dass die Anforderungen abnehmen werden. Mitarbeiter benötigen laut Studie in Zukunft besonders mehr "Selbstkompetenzen". Dazu gehören zum Beispiel Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Flexibilität, Verantwortungs- und Leistungsbereitschaft sowie Zuverlässigkeit. Die Selbstkompetenzen werden wichtiger – da sind sich drei Viertel (78 Prozent) der Befragten sehr sicher.

Mindestens ein komplett arbeitsfreier Tag ist Muss

Studienleiter Prümper sieht eine große Herausforderung auf die "Mobilen" zukommen: Mit der Entgrenzung der Arbeit muss jeder auf sich alleine gestellt verantwortungsbewusst umgehen. Die Sache wird aber laut Prümper letztlich darauf hinauslaufen, dass (selbst wenn die Gesamtarbeitszeit nicht zunimmt) an jedem Tag etwas gearbeitet wird.

Davor warnt die Arbeitswissenschaft aber schon seit Langem. Es reicht nicht, Pausen zu machen. Jeder braucht echte Erholungsphasen, in denen er sich von der Arbeit distanziert. Wenn nicht mindestens ein Tag in der Woche komplett arbeitsfrei bleibt, drohen negative Folgen für die Gesundheit (Bluthochdruck, Schlafstörungen, Burnout). "Man muss lernen, sich Grenzen zu setzen im Sinne von: Sonntag ist Sonntag. Das ist die größte Herausforderung", so Prümper.

Mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer (58 Prozent) meinen außerdem, dass Arbeitnehmer noch mehr gefordert sein werden, wenn es um kommunikative Kompetenzen wie die schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeit geht. Jeder zweite Befragte (49 Prozent) sieht zusätzlich noch höhere oder viel höhere Anforderungen an soziale Kompetenzen auf die mobilen Arbeiter zukommen.


Zusammenfassung: Vor- und Nachteile mobiler Arbeit (nach Prof. Prümper)

  • Vorteil: Arbeitszufriedenheit, Arbeitsleistung und Qualität entwickeln sich positiv.
  • Vorteil: Mitarbeiter können ihre Arbeitszeit besser einteilen (bei gleicher Stundenzahl).
  • Vorteil: Mitarbeiter bauen oft einen engeren Kundenkontakt auf und beobachten den Markt besser.
  • Nachteil: Es gibt keinen arbeitsfreien Tag in der Woche, da immer "ein wenig" gearbeitet wird
  • Nachteil: Führungskräfte wissen nicht, wie sie "aus der Ferne" führen sollen.
  • Nachteil: Viele Mitarbeiter müssen noch ihre Kommunikationskompetenz verbessern.


Hinweis: Dies ist ein Auszug aus dem Beitrag "Mobil arbeiten bringt's", der in Ausgabe 06/2016 der "Wirtschaft + Weiterbildung" erschienen ist. Neben dem kompletten Text zur Studie "Mobiles Arbeiten" lesen Sie dort auch ein Interview mit Thorsten Heilig, Head of People & Organization bei der Moovel GmbH, der über das mobile Arbeiten bei der Daimler-Tochter berichtet.

Mehr zum Thema "mobiles Arbeiten" lesen Sie auch im Titelthema von Ausgabe 05/2016 des "Personalmagazins". Hier können Sie die Ausgabe als App downloaden.


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