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06.07.2016 | Serie Kolumne Personalentwicklung

Auf dem Weg ins Prekariat?

Serienelemente
Oliver Maassen kennt das Thema "Personalentwicklung" sowohl aus Personaler- als auch Beratersicht.
Bild: Thies Raetzke

Wer arbeitet, hat keine Garantie auf gute Bildungs- und Aufstiegschancen. Unser Kolumnist Oliver Maassen hat beobachtet, dass die Bildungschancen für viele Berufstätige sogar abnehmen. Er beleuchtet, wie es dazu kommt und wie sich diese Entwicklung auf HR und Personalentwicklung auswirkt.

Der Eindruck ist (vor-)schnell geteilt: Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Was für Deutschland in diesem Jahrzehnt – trotz unterschiedlicher Expertenmeinungen – zu gelten scheint, war keineswegs immer so. Seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts blieben zwar die großen Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich durchweg bestehen, aber die Armut verringerte sich.

In der Gerechtigkeitstheorie des Philosophen John Rawls drückt sich das so aus, dass soziale Ungleichheiten dann legitim sind, wenn die am wenigsten Begünstigten die größten Vorteile daraus ziehen.

Arbeit: kein Garant für Bildungs- und Aufstiegschancen

Erwerbstätigkeit ist die Hauptstellschraube zur Vermeidung von Armut. Mit steigenden Einkommen der unteren sozialen Schichten stiegen in der Vergangenheit auch die Bildungs- und Aufstiegschancen. Mit dieser Entwicklung, dass quasi alle Bevölkerungsgruppen gleichmäßig von mehr Wohlstand profitierten und wie auf einer Rolltreppe gemeinsam nach oben fuhren, konnte Deutschland auch im internationalen Vergleich punkten.

In diesem Jahrzehnt hat sich die Geschwindigkeit der Rolltreppe verlangsamt; manche Zahlen deuten sogar darauf hin, dass sich die Richtung umgekehrt hat und es für alle bergab geht. Nun schmerzt es uns sicher wenig, wenn Mark Zuckerberg an einem einzigen Börsentag zwei Milliarden seines Vermögens verliert, aber die Zeichen individueller Brüche und Abstürze der "oberen Zehntausend" nehmen überall doch deutlich zu.

Bildungs- und Aufstiegschancen sinken

Viel schlimmer ist, dass die Armen wieder ärmer werden. Damit sinken gleichzeitig die Bildungs- und Aufstiegschancen – wir sprechen hier auch von sozialer Mobilität –, ein Trend, über den sich die Forscher ausnahmsweise einmal einig zu sein scheinen.

Galt es vor zwanzig, ja vor zehn Jahren noch als ausgemachtes Ziel die Durchlässigkeit im Bildungssystem zu erhöhen und vertikale Mobilität, also den Aufstieg im System, zu verstärken, so ist jetzt, mit den ersten Belegen, dass die Vererbung der sozialen Herkunft wieder steigt, kein Aufschrei in Politik und Presse zu vernehmen.

Es herrscht eher betretenes Schweigen und der Verweis auf eine nebulöse Faktenlage.

Personalentwickler sind oft externe Coachs oder Trainer

Ganz so einfach ist es ja auch nicht, sich ein vollständiges Bild zu machen, denn es gilt einige systemimmanente Effekte zu berücksichtigen. So ist zum Beispiel mit dem Anstieg des Dienstleistungsgeschäftes und dem Rückgang der landwirtschaftlichen Arbeit ein automatischer Rolltreppeneffekt nach oben verbunden.

Auf der anderen Seite sind die vermeintlich sicheren und angesehenen Berufe der Vergangenheit auch einem starken Wandel unterworfen. Lehrer kämpfen heute in vielen Bundesländern mit sommerlicher Arbeitslosigkeit, weil die Dienstherren statt im Beamtenstatus heute Lehrer eher wie Saisonarbeitskräfte behandeln. Arbeitsverhältnisse von Nachwuchsforschern sind prekär.

Auch der Personalentwickler findet sich heute außerhalb von Unternehmensstukturen oft als Coach oder Trainer in einem prekären Selbstständigen-Status wieder. Hier fährt die Rolltreppe abwärts.

Zwischen unbefristetem Arbeitsvertrag und Freelancertum

Die Anzahl der im Graubereich zwischen unbefristetem Arbeitsvertrag und Freelancertum, zwischen festem Einkommen und Arbeitslosigkeit angesiedelten Menschen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Und mit diesem Anstieg entstehen auch neue Herausforderungen für die Wirtschaft.

Für die Personalarbeit im Unternehmen sind die Auswirkungen vielseitig: es wird noch schwieriger die bestehende Lücke an Fachkräften bei sinkender soziale Mobilität zu schließen. Es steigen die Rekrutierungsaufwände, aber auch die Kosten für Personalentwicklung, insbesondere für Trainingsmaßnahmen im Bereich der fachlichen und sozialen Kompetenzen.

Wirtschaft ist kein Reparaturbetrieb für Elternhaus, Schule, Uni

Die Unternehmen können die Rolltreppe nach unten nicht stoppen, das ist in erster Linie Aufgabe der Politik und Thema vielfältiger Gerechtigkeits- und Umverteilungsdiskussionen. Die Wissenschaftler scheinen sich einig zu sein, dass ein wesentlicher Treiber um sozialen Aufstieg zu ermöglichen die frühkindliche Erziehung ist. Hier ist in den vergangenen Jahren zwar bereits einiges getan worden, genug ist es jedoch bei weitem nicht.

Die Wirtschaft ist ganz wesentlich auf die Impulse der Politik angewiesen, will sie nicht zunehmend zum Reparaturbetrieb von Elternhaus, Schule und Hochschule werden. Ein wenig verlangsamen können Unternehmen die Abwärtsfahrt auf der Rolltreppe aber schon indem sie mit Geld und Initiativen die vertikale Mobilität fördern.

Beispiel: Bildungsinitiative für Grundschulkinder

Eines von vielen positiven Beispielen bietet Henkel mit der Bildungsinitiative "Forscherwelt", die sich gezielt an Grundschulkinder richtet. Im Rahmen dieser Initiative erhalten die Kinder die Möglichkeit zu verschiedenen naturwissenschaftlichen Themen selbstständig zu experimentieren. So bringt das Unternehmen den Kindern die Welt der Wissenschaft näher – und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die soziale Vielfalt in den Klassen noch groß ist.

Ein weiteres Beispiel: Unternehmen wie Penny, Ergo oder Vodafone unterstützen die Initiative "Rock your life". Der Verein qualifiziert Studierende als Mentoren, die ehrenamtlich Schüler aus sozial, wirtschaftlich oder familiär benachteiligten Verhältnissen nach einem strukturierten Mentoring-Prozess auf dem Weg in den Beruf oder auf die weiterführende Schule begleiten. Ziel der zweijährigen Mentoring-Beziehungen ist es, die Schüler zu unterstützen, ihr individuelles Potential zu entfalten und ihre Perspektiven zu erweitern.

Lieber in Bildung als Sport investieren?

Es gibt unzählige weitere gute Beispiele für Engagement zur Steigerung der sozialen Mobilität. Allen gemein ist, dass sie Geld kosten und Engagement aus dem Unternehmer- und Bürgertum erfordern.

Es mag gerade zu Zeiten der Fußball-EM ein unpopulärer Vorschlag sein, aber vielleicht sollten Unternehmen ihre Sponsoring-Beiträge lieber in Bildung investieren als in den Sport.

Wobei fairerweise auch erwähnt gehört, dass gerade Sport ein positiver Treiber für sozialen Aufstieg ist, wie die Beispiele zahlreicher Nationalspieler belegen.

Kolumnist Oliver Maassen

Oliver Maassen ist seit 2013 Geschäftsführer der Pawlik Consultants GmbH. Zuvor war er unter anderem Bereichsvorstand und Personalchef der Unicredit Bank. In seinen früheren Funktionen verantwortete er die Bereiche Personal- und Organisationsentwicklung, Führungstrainings, Personalmarketing und Talent Management. Er ist Gründungsvorstand der Zukunftsallianz Arbeit und Gesellschaft (ZAAG).

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