10.08.2016 | Serie Kolumne Personalentwicklung

Daddelnde Manager: Der will doch nur spielen

Serienelemente
Oliver Maassen kennt das Thema "Personalentwicklung" sowohl aus Personaler- als auch Beratersicht.
Bild: Thies Raetzke

Das Spiel "Pokémon Go", das auf der Augmented-Reality-Technologie beruht, ist gerade der Renner. Der Hype um die Monsterjagd wirft Fragen auf: Wieviel Spielen ist gut und welche Art von Spiel für die Entwicklung wertvoll? Kolumnist Oliver Maassen antwortet mit Blick auf "Serious Gaming".

Neben mir im Flieger saß vor kurzem ein Mann der, sobald wir in der Luft waren, seinen Tisch herunterklappte, aus der unter dem Sitz liegenden Aktentasche eine Klarsichthülle mit Unterlagen zog und sein I-Pad anschaltete. Auf diesem begann er sodann zu arbeiten, wobei mir schnell auffiel, wie ungewöhnlich seine Fingerbewegungen auf dem Gerät waren.

Tippen war das ganz sicher nicht, und meine Neugier zwang mich näher hinzuschauen, was der Top-Manager (in der Klarsichthülle war eine Präsentation, die ihn als Dr. Soundso, Managing Director einer bedeutenden Professional Service Company, auswies). Der Blick auf seinen Bildschirm zeigte lauter bunte und wild durcheinander wirbelnde Kreise, die er anklickte und die dann in sich zusammen fielen oder neuen Kreisen Raum machten. Der Herr spielte. Zugegeben, mich hat diese bunte Welt – Tortenstücke, wie ich später feststellte, die sich zu bunten und süßen Gebilden auftürmten, irgendwie fasziniert.

Mutmaßlicher Dirigent entpuppt sich als Firmen-Vorstand

Ich erinnere mich an meinen Nachbarn, der durch einen Innenhof getrennt mir in die Wohnung schauen konnte, so wie ich ihm. Lange dachte ich, der Mann sei Dirigent, bis wir uns bei einem Hoffest kennen lernten und ich erfuhr, dass er im Vorstand eines Automobilzulieferers sitzt. Die dirigierenden Armbewegungen, die ich fast jeden Abend sah, entpuppten sich in der Wirklichkeit als Action-Spiel auf seiner ultramodernen Spielekonsole.

Mein Vorstandskollege galt als extrem fleißig, weil er in jeder Sitzung nahezu fortwährend auf seinem Blackberry Mails beantwortete. Als er einmal direkt neben mir saß, erhaschte ich einen Blick auf seinen Bildschirm: keine Mails – er spielte das Handyspiel "Brick Breaker".

Pikachu und Co. legen den Straßenverkehr lahm

Der neuste Rausch allerdings toppt alles bisher da gewesene: Pokémon Go. Zu Tausenden jagen Kinder, Jugendliche und Erwachsene in unseren Städten durch die Gegend und suchen Monster. Die neue virtuelle Realität macht es möglich, dass über Ortung und Landkartensysteme die kleinen Monster in die Realität hineingepflanzt werden können.

So viele Menschen sind auf der Suche, dass es zu diversen Verkehrsbehinderungen kommt, eine Brücke in Düsseldorf über die Kö, auf der besonders viel zu holen ist, muss zeitweise für den Verkehr gesperrt werden, die Stadt hat Dixi-Klos aufgestellt.

Eltern sind begeistert, Kinder bewegen sich

Überraschenderweise sind Eltern von dem Spiel zumeist begeistert: Ihre Kinder stehen morgens freiwillig früh auf und jagen los, und selbst Bewegungsmuffel legen pro Tag viele Kilometer zu Fuß oder auf dem Rad zurück.

Zehn Millionen Umsatz machen die Erfinder des Spiels inzwischen – pro Tag. Es ist eine neue Dimension der "Augmented Reality", die mit dieser Anwendung erreicht wird (mehr dazu lesen Sie hier). Und sie wird Folgen haben auf künftiges Verhalten: der Macher, der Spieler aber auch auf Unternehmen und ihre Mitarbeiter.

Warum spielen Manager?

Dass Kinder und Jugendliche spielen ist jedem klar, akzeptiert und gesellschaftlich gewünscht, auch wenn so manche Eltern sich analogere Spiele mit direktem Kontakt zwischen Kindern und an der frischen Luft wünschen.

Warum aber spielen Manager? Ist es eine Art Ausbruch aus den starren Regeln, in denen sie sonst zu agieren haben? Oder ist es die Freude am Spiel selbst, quasi einmal das Kind im Manne (spielende Managerinnen habe ich in der Tat noch nie zu Gesicht bekommen) rauszulassen oder es den eigenen Kindern gleichzutun? Die Verhaltensforschung mag Antworten auf diese Fragen liefern.

Mich interessiert in diesem Kontext vielmehr, ob das spielerische Element geeignet sein kann, Manager ins Lernen zu bringen, also ob Spiele auch als Instrumente der Personalentwicklung taugen.

"Serious Games": auch für kleinere Unternehmen erschwinglich

"Serious gaming" ist eben eines dieser Schlagworte, das es ins Glossar der HR-Zunft gebracht hat. In spielerische Elemente werden Lerneinheiten so eingebunden, dass der Spaß im Vordergrund steht, ohne das Lernen zu vernachlässigen.

Da die technischen Entwicklungskosten in den vergangenen Jahren rückläufig sind, kann sich die Investition auch schon bei kleineren Unternehmen und Mittelständlern lohnen. Zumal viele der Lernspiele auch zu generischen Themen, wie Projektmanagement, Arbeitsmethodik et cetera erstellt wurden, also überall anwendbar sind.

Der deutsche Computerspielpreis 2016 in der Kategorie "Serious Game" ging an ein Spiel für Schüler namens "Professor S." von der Lud Inc. "Professor S." verbindet als Echtweltspiel eine digitale Plattform mit einer spielerischen Rahmenhandlung, um in Verbindung mit alltäglichem Schulunterricht dem Lernen in der Klasse eine neue Dimension zu geben und Schüler neu zu motivieren.

Was es bei der Einführung von "Serious Gaming" zu prüfen gilt

Auch in der Personalentwicklung gibt es zahlreiche Spiele, die Lernspaß und Lernerfolg positiv miteinander verbinden. Einzig im Bereich der Führungskräfteentwicklung wird vielerorts noch auf rein analoge Entwicklungsarbeit gesetzt.

Dies sind einige Kernfragen, die vor Einführung von "Serious Gaming" zu prüfen sind:

  • Passt diese Art des Lernens zu unserer Unternehmenswelt, -kultur, ist sie in eine strategische Personalentwicklung eingebettet?
  • Bildet das Spiel die eigene Unternehmensrealität nah genug ab?
  • Arbeitet das Spiel mit "Echtdaten" des Unternehmens, und wenn ja: Sind die sicherheitsrelevanten Aspekte (Zugriff et cetera) ausreichend gelöst?
  • Liegen die Kosten im Rahmen sonstiger, herkömmlicher Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen?
  • Können die Ziele der Kompetenzvermittlung mit diesem Tool besser erreicht werden, als mit den bisherigen Produkten?

Pokémon Go als Vorbild für BGM- oder Bewerber-Spiele

Zum Schluss noch einmal zurück zu Pokémon Go und damit zu dem Hype des Sommers 2016: Das Prinzip der Aktivierung, das Kinder und Jugendliche hier oft zu neuen sportlichen Höchstleistungen treibt, könnte ebenfalls auf andere Bereiche übertragen werden. Man denke nur daran, den Arbeitsalltag von Bürojobs dadurch anzureichern, dass Lernspiele die Mitarbeiter in Bewegung bringen und so insbesondere als präventive Gesundheitsmaßnahme dienen.

Und auch die Anregung Pokémon Go für Bewerber, Jobsuchende oder Arbeitslose so umzuprogrammieren, dass diese bestimmte potenzielle Arbeitgebern aufsuchen, um dort – gerne auch virtuell – ihre Bewerbung abzugeben, wird derzeit in der Szene diskutiert.

Machen Sie sich ruhig selbst ein Bild in diesem Sommer, ihre Kinder oder der Nachbar am Strand sind sicher gerade auf Monsterjagd – schöne Ferien!

Kolumnist Oliver Maassen

Oliver Maassen ist seit 2013 Geschäftsführer der Pawlik Consultants GmbH. Zuvor war er unter anderem Bereichsvorstand und Personalchef der Unicredit Bank. In seinen früheren Funktionen verantwortete er die Bereiche Personal- und Organisationsentwicklung, Führungstrainings, Personalmarketing und Talent Management. Er ist Gründungsvorstand der Zukunftsallianz Arbeit und Gesellschaft (ZAAG).



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Schlagworte zum Thema:  Personalentwicklung, Bildung, Weiterbildung, Lernen

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