02.11.2016 | Serie Kolumne Personalentwicklung

Anleitung zum gescheiten Scheitern

Serienelemente
Oliver Maassen kennt das Thema "Personalentwicklung" sowohl aus Personaler- als auch Beratersicht. Heute widmet er sich dem Thema "Scheitern".
Bild: Thies Raetzke

"Fuck-up Nights", bei denen Unternehmer über ihr Scheitern sprechen, haben Hochkonjunktur. Was ist es, das Menschen dorthin zieht? Voyeurismus und Schadenfreude oder doch Lernwunsch und Erfahrungsaustausch? Kolumnist Oliver Maassen über Fehlschläge und persönliche Lehren, die er daraus gezogen hat.

Selten habe ich auf einen Auftritt mehr Resonanz bekommen als auf diesen: ein Gespräch zum Thema "gescheiter scheitern" auf der Messe "Zukunft Personal" 2016. Unmittelbar nach meinem Impuls, aber auch über die sozialen Medien gab es zig An- und Nachfragen und – was bei mir eher selten vorkommt – mit deutlich mehr Lob als Kritik.

Das Thema hat gezogen, das größte Forum auf der Messe war bis auf den letzten Platz gefüllt, was natürlich auch an meinen Mitdiskutanten lag: Schwimmweltmeister Thomas Lurz und Hermann Arnold, Gründer und Ex-CEO von Haufe-Umantis. Vor allem aber lag es daran, dass die Grundidee die Menschen angesprochen hat: Lernen über den Umgang mit Misserfolgen.

Frohe Botschaft für Personalentwicklung: Selbstreflexion ist "in"

Es scheint fast, als gäbe es ein Zeitfenster für eine neue Form der Auseinandersetzung mit sich selbst. Es ist en vogue, sich an den Erfahrungen anderer abzuarbeiten, die steigende Nachfrage nach Biografien großer Persönlichkeiten ist ein solider Indikator.

Und natürlich ist der Zulauf zu den sogenannten "Fuck-up Nights" landauf landab erstaunlich. Menschen treffen sich, um über das Scheitern zu hören und zu reden. Für Personalentwickler kann das eine sehr erfreuliche Botschaft sein, Selbstreflektion ist "in".

Bisher war gerade bei Führungskräften eher zu beobachten, dass diese den Fall des eigenen Misserfolgs sehr bewusst nicht als Option betrachtet haben. "Augen zu und durch" lautete die Devise. Im Ergebnis wird durch diesen Mangel an Selbstreflexion der "Arschloch-Entwicklung" Vorschub geleistet, also dem Weg in die Negativspirale von Persönlichkeitsveränderungen bei Top-Managern.

Gescheiter scheitern: drei wesentliche Erkenntnisse

Es ist also wünschenswert, dass Menschen den Erkenntnissen derer lauschen, die sich mit dem Scheitern durch eigene Erfahrung auseinandergesetzt haben. Noch besser ist es, wenn sie daraus Schlüsse ziehen, um die eigenen Kompetenzen zu stärken.

In diesem Kontext habe ich drei wesentliche Erkenntnisse in meinem Gespräch auf der Messe vermitteln wollen:

Erkenntnis 1: Je früher scheitern, desto besser

Schon vor vielen Jahren habe ich in Einführungsveranstaltungen für Nachwuchsgruppen darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, möglichst frühzeitig auf dem Berufsweg dem Gefühl des Scheiterns zu begegnen. Kaum eine andere Erfahrung in unserer Berufstätigkeit eröffnet so viele Felder für das Lernen und die Entwicklung wie der Misserfolg. Mir haben immer wieder Top-Manager bestätigt, dass ihre bedeutsamsten Entwicklungen nach einer Phase entscheidender Fehleinschätzungen passierten.

Und immer wieder habe ich in meinen Coachings von Mittelmanagern, die den Schritt in die erste Reihe nicht machen durften, erlebt, dass Ihnen wesentliche Erfahrungen des Scheiterns fehlten, ihre Karriere zu glatt in die oberen Führungsetagen geführt hat – nur eben nicht in die oberste. Das haben viele bedauert und damit spät, aber vielleicht nicht zu spät die Erfahrung des Scheiterns nachgeholt haben.

Erkenntnis 2: Die Eigen- und die Fremdsicht abwägen

Natürlich wurde ich bei dem Messeauftritt auch nach meinen eigenen Erfahrungen befragt. Ich habe mir erlaubt, darauf hinzuweisen, dass es wichtig ist, zwischen der Außenwahrnehmung und der eigenen Bewertung zu unterscheiden. Konkret: Als ich mich entschlossen hatte, meinen langjährigen Arbeitgeber zu verlassen und nicht etwa gleich nach einem Anschlussjob zu suchen, schallte mir von vermeintlich wohlmeinenden Ratgebern aus meinem Netzwerk jede Menge Kritik entgegen.

Meine Entscheidung ein Jahr Auszeit zu nehmen und zwei Lebensträume zu verwirklichen – eine Weltreise zu machen und einen Roman zu schreiben – hat ein Großteil meiner Kollegen und Wegbegleiter nicht verstanden. Nicht wenige bewerteten diese Phase und den nachgelagerten Umstieg aus der Personalfunktion in die Unternehmensberatung als Scheitern oder schlicht als Karriereknick.

Bei aller Selbstreflexion habe ich immer genau das Gegenteil empfunden. Ohne die Eindrücke von der Weltreise, die meine Sichtweise auf viele Dinge geändert und geschärft haben, hätte ich kaum den Schritt in die Beraterwelt gemacht. Zwar hatte ich lange schon den Wunsch, statt Cost-Center-HR zu sein, mich den Herausforderungen einer echten "Profit-and-Loss"-Verantwortung zu stellen, wäre aber vielleicht dennoch reflexartig eher in meiner alten Komfortzone, der Personalerwelt, geblieben.

Erkenntnis 3: Zeit nehmen beim Aufstehen

Einen dritten Aspekt des Scheiterns möchte ich gerne auch noch beleuchten, nämlich die Schnelligkeit des Aufrappelns. Es gilt heute als Postulat für Manager, dass man nach einem Fall so schnell wie möglich zur Tagesordnung übergehen soll und sich wieder mit Kraft nach vorne orientiert.

Dagegen ist im Prinzip auch nichts zu sagen, es sei denn, diese "Stehaufmännchen-Qualität" verhindert die intensive Auseinandersetzung mit dem Misserfolg. Ich plädiere dafür, im übertragenen Sinne doch erst einmal einen Moment liegen zu bleiben, die Lage zu analysieren, um besser zu verstehen, wie es zum Fall gekommen ist. Dann empfiehlt es sich, das Aufstehen zu planen und für das Weiter- oder Neumachen ebenfalls schon eine Strategie parat zu haben. So entsteht Lernen und Entwicklung.

Scheitern will also gelernt sein. Auch wenn der Misserfolg nicht wirklich planbar ist, sonst würden wir ihn ja verhindern, so ist zumindest der Umgang mit der Situation lernbar und gestaltbar. Einige der dafür erforderlichen Kompetenzen und Selbststeuerungsinstrumente sollten wir tunlichst in unseren Führungsalltag integrieren.


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Kolumnist Oliver Maassen

Oliver Maassen ist seit 2013 Geschäftsführer der Pawlik Consultants GmbH. Zuvor war er unter anderem Bereichsvorstand und Personalchef der Unicredit Bank. In seinen früheren Funktionen verantwortete er die Bereiche Personal- und Organisationsentwicklung, Führungstrainings, Personalmarketing und Talent Management. Er ist Gründungsvorstand der Zukunftsallianz Arbeit und Gesellschaft (ZAAG).

Schlagworte zum Thema:  Personalentwicklung, Weiterbildung, Lernen

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