MINT-Report: Fachkräftemangel wächst stark

Der Fachkräftemangel in Deutschland verschärft sich – schneller und stärker als von vielen erwartet und mit gravierenden Folgen für die Unternehmen. Das zeigen der MINT-Herbstreport und der aktuelle DIHK-Fachkräftereport.

Die bundesweite Arbeitskräftelücke im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) beträgt laut dem MINT-Herbstreport im Oktober 2021 insgesamt 276.900 und liegt damit deutlich höher als im Oktober 2020 (damals: 108.700) und sogar erstmals wieder höher als im entsprechenden Vergleichsmonat vor Corona im Jahr 2019 (Oktober 2019: 263.000). "Ohne die Zuwanderungs-Erfolge der letzten Jahre würden heute rund 280.000 MINT-Fachkräfte in Deutschland zusätzlich fehlen und die Lücke läge bei über einer halben Million", so Studienleiter Professor Dr. Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln).

MINT-Herbstreport 2021: MINT-Fachkräftebedarf wird sich weiter erhöhen

Strukturelle Effekte durch Digitalisierung, Dekarbonisierung und Demografie werden den Bedarf in den kommenden Jahren noch einmal deutlich erhöhen, während durch die Pandemie ein Rückgang des MINT-Nachwuchses zu befürchten ist. Des Weiteren ist der geringe Frauenanteil in den MINT-Berufen von lediglich 15,5 Prozent (März 2021) besorgniserregend.

DIHK-Fachkräftereport: Mehr als die Hälfte der Unternehmen können offene Stellen nicht besetzen

Einen dramatischen Anstieg des Fachkräftemangels verzeichnet auch der aktuelle Fachkräftereport des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Der Report beruht auf den Antworten von rund 23.000 Unternehmen. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Unternehmen können derzeit offene Stellen zumindest vorübergehend nicht besetzen. Das bedeutet nicht nur einen immensen Zuwachs gegenüber Herbst 2020 – damals hatten lediglich 32 Prozent der Unternehmen von Fachkräfteengpässen berichtet –, sondern auch ein Plus gegenüber der Lage vor der Corona-Krise: Im Herbst 2019 hatten "nur" 47 Prozent der Betriebe Schwierigkeiten bei der Akquise neuer Mitarbeitender.

Doppelte Herausforderung: Zur Energiewende kommt die Fachkräftewende

"Der Fachkräftemangel in den Betrieben ist zurück: schneller und in größerem Umfang als von vielen erwartet": So fasst der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks die Ergebnisse des DIHK-Reports zusammen. "Wir haben bei den Arbeitskräften den Zenit erreicht. In den kommenden Jahren wird es für die Unternehmen ein immer mühsameres Geschäft, sich gegen die Fachkräfteengpässe zu stemmen. Zur Energiewende gesellt sich für die Betriebe nun auch die Herausforderung einer 'Fachkräftewende'."

Nun fehlt nicht (nur) das Geld, sondern auch der Mensch

Zu den Knappheiten bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie Lieferkettenproblemen kommen immer häufiger Engpässe bei Fachkräften hinzu – eine zusätzliche Herausforderung auch für die Umsetzung zentraler gesellschaftlicher Zukunftsaufgaben wie Digitalisierung, Klimawandel oder E-Mobilität. "Im Zweifel fehlt nicht (nur) das Geld, sondern auch der Mensch. Und da dieser Fachkräftemangel natürlich auch die öffentliche Verwaltung betrifft, erschwert das über längere Genehmigungsverfahren den Betrieben zusätzlich das Leben", erläutert Dercks.

Fachkräftemangel: Größte Engpässe am Bau, steilster Anstieg in der Industrie

Die größten Lücken bei qualifiziertem Personal meldet mit 66 Prozent der Betriebe die Bauwirtschaft. Den stärksten Anstieg der Stellenbesetzungsprobleme gegenüber dem Vorjahr gibt es unter den Industrieunternehmen mit nun 53 Prozent nach 29 Prozent im Herbst 2020. Dabei lässt der besonders hohe Anteil von 57 Prozent bei den Investitionsgüterproduzenten wie etwa dem Maschinenbau befürchten, dass sich auch dadurch der Investitionsstau in Deutschland weiter verschärft.

Ausbildungssituation ist ernstzunehmendes Geschäftsrisiko

Ein nach Dercks' Einschätzung "ernstzunehmendes Geschäftsrisiko für viele Betriebe" ist die Ausbildungssituation: Bei der Bundesagentur für Arbeit seien rund acht Prozent weniger Ausbildungsplatzsuchende registriert als im Vorjahr. Zwar sei die Zahl der Ausbildungsverträge in den IHK-Berufen gegenüber dem Vorjahr in diesem Jahr wieder leicht angestiegen. Doch aktuell suchen 57 Prozent der Unternehmen, die Stellen nicht besetzen können, erfolglos Mitarbeitende, die eine duale Berufsausbildung absolviert haben. Im Herbst 2018 hatten noch 49 Prozent der Befragten Engpässe in diesem Bereich gemeldet.

Auch Absolventinnen und Absolventen von Weiterbildungen etwa zum Meister oder Fachwirt sind gefragt – hier berichten 36 Prozent der Unternehmen mit Stellenbesetzungsproblemen von einer erfolglosen Suche –; bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen gibt es Engpässe vor allem in den MINT-Berufen.

Fachkräftelücke: Wie die Unternehmen gegensteuern

Auf den Fachkräftemangel reagieren 53 Prozent der Unternehmen mit Aktivitäten in Richtung einer höheren Arbeitgeberattraktivität, 46 Prozent wollen die eigene Ausbildung intensivieren, um perspektivisch die Fachkräftebasis zu sichern. Platz drei der möglichen Maßnahmen teilen sich mit je 34 Prozent Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.

Nicht zuletzt möchte etwa jedes dritte Unternehmen mit Stellenbesetzungsproblemen in Weiterbildung allgemein, 29 Prozent speziell in Mitarbeiterkompetenzen zur Bewältigung von Digitalisierung beziehungsweise Strukturwandel investieren, und mehr als jeder vierter Betrieb sieht einen Ansatz in der verstärkten Beschäftigung älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der Fachkräftemangel hat gravierende Folgen für Einzelbetriebe und Gesamtwirtschaft

Insgesamt erwarten 85 Prozent der Unternehmen negative Auswirkungen von dem wachsenden Fachkräftemangel. 61 Prozent der Betriebe sorgen sich um eine Mehrbelastung ihrer Belegschaften, 58 Prozent erwarten als Folge von Engpässen steigende Arbeitskosten – eine Entwicklung, die die anziehende Inflation noch weiter befeuern könnte. Und: 43 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass sie Aufträge ablehnen oder ihr Angebot reduzieren müssen, weil nötiges Personal fehlt. Das bedeutet einen deutlichen Zuwachs gegenüber 2019 mit damals 39 Prozent und lässt weitreichende Konsequenzen erwarten.

"Durch Engpässe in einzelnen Bereichen können weite Teile der Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden", warnt Achim Dercks. "Fehlen beispielsweise IT-Experten, betrifft dies auch Mittelständler, die Geschäftsprozesse digitalisieren oder sich um eine bessere Cybersicherheit kümmern möchten. Fehlen Lkw-Fahrer, können industrielle Produktionsprozesse ins Stocken geraten, weil Vorprodukte nicht rechtzeitig geliefert werden, und fehlen Fachkräfte etwa zur Verlegung von Glasfaserkabeln, verlangsamt sich der dringend erforderliche Ausbau der Breitband-Infrastruktur. Wir haben also nicht nur Lieferprobleme in der Wertschöpfungskette, wir haben auch Fachkräfteprobleme in der Wertschöpfungskette."

Das schmälert auch die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Davon sind vor allem innovationsaktive Wirtschaftszweige wie etwa Kfz- und Kfz-Teile-Hersteller (35 Prozent), Programmierer oder die Medizintechnik (je 37 Prozent) betroffen.

1,7 Millionen unbesetzte Stellen: Fachkräftemangel ist enorme Wachstumsbremse

"Insgesamt liegt die Zahl der aktuell nicht besetzten Stellen dadurch wohl eher bei 1,7 bis 1,8 Millionen", konkretisiert Dercks die Lage. "Das bremst die Wertschöpfung grob geschätzt um rund 90 Milliarden Euro – also circa 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Damit erweist sich der Fachkräftemangel als enorme Wachstumsbremse."


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Schlagworte zum Thema:  Fachkräftemangel, Fachkräfte