Keine Einstiegsjobs mehr wegen KI?
Die KI-Jobkrise trifft Berufseinsteigerinnen und -einsteiger besonders hart, heißt es in einer Headline von t3n . So würden KI-Systeme junge Menschen viele Berufschancen kosten. Auch die Welt berichtet, Unternehmen würden weltweit Junior-Positionen abbauen, und verweist auf den Report „CEO Agenda 2026“ der Strategieberatung Oliver Wyman und der New York Stock Exchange. Demnach ist der weltweite Anteil der Unternehmen, die Junior-Positionen abbauen, binnen eines Jahres von 17 auf 43 Prozent gestiegen. Einen möglichen Mechanismus dahinter beschreibt das „Global AI Jobs Barometer“ von PwC : KI übernimmt zunehmend Routinetätigkeiten, die bislang häufig am Anfang einer beruflichen Laufbahn standen. Dafür sind in Juniorjobs inzwischen sieben Mal häufiger Fähigkeiten gefragt, die traditionell eher mit Berufserfahrung verbunden sind, wie zum Beispiel Führungskompetenzen. Young Professionals stehen dadurch vor einer paradoxen Situation: Sie sollen immer früher Kompetenzen von Berufserfahrenen mitbringen, während zugleich genau die Routinetätigkeiten wegfallen, über die sie bislang praktische Erfahrung sammeln konnten. Zeit für einen Blick in die Forschung: Was macht KI wirklich mit Einstiegspositionen und den damit verbundenen Lerngelegenheiten?
Der Forschungskontext
Internationale Forschungsergebnisse zu Künstlicher Intelligenz und Einstiegspositionen sind vor allem unter den Begriffen „generative AI entry-level workers“ und „generative AI labor market“ zu finden. Da generative KI erst seit Ende 2022 breit verfügbar ist, handelt es sich überwiegend um sehr aktuelle Studien.
Zentrale Fragestellungen sind bislang zum Beispiel:
- Welche Tätigkeiten werden durch KI automatisiert und welche neuen Aufgaben entstehen dadurch?
- Wie verändern sich die Aufgabenprofile verschiedener Jobs und Erfahrungslevel durch KI-Unterstützung?
- Welchen Einfluss hat KI auf die Produktivität und das Verantwortungsgefühl von Beschäftigten?
Die Forschungslage
Die Schlagzeilen legen nahe, dass KI bereits massenhaft Einstiegsjobs ersetzt. Eine umfassende empirische Untersuchung zu den Auswirkungen generativer KI auf den Arbeitsmarkt findet dafür jedoch bislang keine belastbaren Hinweise. Humlum und Vestergaard kombinierten dafür repräsentative Befragungen mit dänischen Registerdaten. Zwei Jahre nach Einführung von ChatGPT fanden sie keine nennenswerten Auswirkungen auf Beschäftigung, Einkommen oder Arbeitszeit. Auch in Analysen für Beschäftigte in frühen Karrierephasen fanden sich keine belastbaren Belege für solche Effekte. Die Ergebnisse sprechen zunächst gegen die Annahme, dass generative KI bereits flächendeckend Einstiegsjobs verdrängt, auch wenn das Forschungsteam betont, dass sich die Struktur der Arbeit bereits deutlich verändert. Neuere US-Arbeitsmarktdaten deuten jedoch laut einer Analyse von Forschenden der Stanford University darauf hin, dass sich erste Hinweise auf Nachteile für junge Beschäftigte in stark KI-exponierten Berufen zeigen könnten. Ob sich diese Entwicklung auch in anderen Ländern bestätigt, ist bislang offen.
Doch was verändert der Einsatz von KI konkret im Arbeitsalltag? Brynjolfsson und sein Forschungsteam untersuchten in einer Studie bei über 5.000 Callcenter-Beschäftigten die Auswirkungen eines KI-Assistenten auf deren Arbeitsleistung. Insgesamt stieg die Produktivität der Beschäftigten um durchschnittlich rund 15 Prozent. Besonders stark profitierten dabei die am wenigsten erfahrenen Mitarbeitenden, deren Leistung um etwa 30 Prozent zunahm. Die Autorinnen und Autoren erklären dies damit, dass der KI-Assistent Wissen erfahrener Mitarbeitender verfügbar macht. Dies könnte die Frage aufwerfen, ob KI Berufseinsteigerinnen und -einsteigern langfristig auch einen Teil jener Lerngelegenheiten nimmt, die bislang durch das eigenständige Bearbeiten von Problemen entstanden sind. Diese mögliche Folge war allerdings nicht Gegenstand der Studie.
An diese Frage knüpft eine qualitative Studie von Anne-Sophie Mayer und ihrem Forschungsteam an. Auch sie zeigt, dass generative KI die Arbeit von Beschäftigten kurz nach dem Berufseinstieg deutlich verändert. Aus Interviews mit 27 Beschäftigten eines internationalen Beratungsunternehmens, darunter Berufseinsteigerinnen und -einsteiger sowie Führungskräfte, berichten die Forschenden, dass KI vor allem klassische Einstiegsaufgaben wie Recherche, das Erstellen von Präsentationen oder die Organisation von Daten unterstützt oder teilweise automatisiert. Durch den Einsatz generativer KI gestalten junge Berufstätige ihre Arbeit aktiv um und übernehmen früher anspruchsvollere Aufgaben wie kundenbezogene oder strategische Tätigkeiten. Sie sind so schneller auf einem Niveau, auf dem sie sinnvolle Beiträge zu Projekten leisten können. Gleichzeitig fürchten die interviewten Führungskräfte, dass dadurch Lerngelegenheiten wegfallen könnten, die bislang zu wertvollen Einblicken in verschiedene Aufgabenfelder und damit zum Erwerb von Erfahrungswissen beigetragen haben. Zudem sehen die Forschenden das Risiko, dass Berufseinsteigerinnen und -einsteiger bei einem unkritischen Einsatz von KI seltener die Gelegenheit haben, Inhalte eigenständig kritisch zu prüfen und zu bewerten.
Der Minimalkonsens
Es gibt bisher keine belastbaren Hinweise darauf, dass generative KI flächendeckend Einstiegsjobs verdrängt; allerdings ist die empirische Evidenz aufgrund der kurzen Zeit seit Einführung generativer KI noch begrenzt. Deutlich erkennbar ist jedoch bereits, dass KI die Aufgaben, Kompetenzanforderungen und Lernwege grundlegend verändert.
Drei offene Fragen
- Werden durch KI tatsächlich weniger Einstiegsstellen geschaffen oder verändern sich nur die Anforderungen?
- Wie erwerben Berufseinsteigerinnen und -einsteiger künftig praktische Erfahrung, wenn KI sie bei Routineaufgaben stark unterstützt?
- Welche Kompetenzen werden für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger künftig wichtiger und wie müssen Unternehmen ihre Einarbeitung und Personalentwicklung daran anpassen?
Fazit
Laut aktuellem Forschungsstand verdrängt KI derzeit zwar nicht flächendeckend die Einstiegsjobs, sie verändert jedoch den Weg, auf dem Einsteigerinnen und Einsteiger zu erfahrenen Fachkräften werden. Das Autorenteam um Hugh Jiliang Liu plädiert deshalb dafür, dass Hochschulen und Unternehmen gemeinsam neue Lern- und Einstiegsmöglichkeiten schaffen. „Die Annahme, dass KI Berufseinsteiger überflüssig macht, greift zu kurz“, sagt Anne-Sophie Mayer, Professorin für digitale Arbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Autorin einer oben genannten Studie. Zwar übernehme generative KI viele Routinetätigkeiten, doch Unternehmen bräuchten Nachwuchskräfte weiterhin, um Expertise und Führungskompetenzen aufzubauen. „Entscheidend wird künftig sein, dass Berufseinsteiger nicht nur KI nutzen, sondern deren Ergebnisse kritisch einordnen, überprüfen und weiterentwickeln können. Grundlagenwissen und Urteilsvermögen werden durch KI nicht weniger wichtig – sondern wichtiger.“
Quellen:
Humlum, A., & Vestergaard, E.: „Still Waters, Rapid Currents: Early Labor Market Transformation under Generative AI“. NBER Working Paper 33777 (2025).
Brynjolfsson, E., Chandar, B., & Chen, R.: „Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence“. Stanford Digital Economy Lab Working Paper (2025).
Brynjolfsson, E., Li, D., & Raymond, L.: „Generative AI at Work.“ The Quarterly Journal of Economics, 140 (2), 889–942 .
Mayer, A.-S., Baygi, R. M., & Buwalda, R.: „Generation AI: Job Crafting by Entry-Level Professionals in the Age of Generative AI“. Business & Information Systems Engineering, 67 (5), 595–613 .
Liu, H. J., Wang, J., & Wijma, F. J.: „What Can a Business School Do When Generative Artificial Intelligence Replaces Entry-Level Graduate Jobs?“. Journal of Education and Training Studies, 14 (2), 162–170 .
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