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07.10.2015 | Serie Das demokratische Unternehmen

Der aktuelle Forschungsstand zu Mitbestimmung und Partizipation

Serienelemente
Die Führungskräfte wählen: In demokratischen Unternehmen ist das ein wesentlicher Prozess.
Bild: Haufe Online Redaktion

Wie sinnvoll ist Demokratie in der Arbeitswelt? In oft hitzigen Debatten wird über diese Frage gestritten. Zwei Studien gehen sie wissenschaftlich an. Sie klären, inwiefern sich Arbeitnehmer wirklich demokratische Unternehmen wünschen und welchen Erfolg diese Organisationsform verspricht.

Meinungsumfragen sind wesentlich für Demokratien – sie helfen bei Konsens- und Entscheidungsfindungsprozessen. So ist es wohl nur folgerichtig, auch das Konzept der demokratischen Organisationsstrukturen auf Grundlage solcher Meinungsumfragen zu evaluieren: Eben dies hat die Technische Universität München (TUM) getan.

Wunsch nach mehr Demokratie besteht

Mit einer repräsentativen Befragung von 1.000 deutschen Arbeitnehmern haben die Wissenschaftler der TUM die Akzeptanz und Realisierbarkeit demokratischer Unternehmensstrukturen geprüft. Hier ging es zunächst darum zu erfassen, inwiefern Arbeitnehmer überhaupt an der Einführung von demokratischen Unternehmensstrukturen interessiert sind.

Das ist mehrheitlich der Fall: Auf einer Skala von 1 ("auf keinen Fall") bis 10 ("auf jeden Fall") wurde der allgemeine Wunsch nach demokratischer Führung in Unternehmen mit 6,7 Punkten bewertet.

Mitbestimmung und Wahlrecht gewünscht 

So allgemein wollten die Wissenschaftler das Ergebnis jedoch nicht stehen lassen. Schließlich kursieren diverse Vorstellungen von einem demokratischen Unternehmen - ähnlich wie es im Staatswesen direkte oder repräsentative Demokratieformen gibt, sind auch im Kontext von Organisationsformen in der Arbeitswelt unterschiedliche Ausprägungen und Begriffsdimensionen zu berücksichtigen.

Darum wurden die Studienteilnehmer auch um eine Antwort auf die Frage gebeten, wie attraktiv eine Mitbestimmung bei der Unternehmensstrategie und ein Wahlrecht für die Bestimmung von Führungskräften erscheint. Auf einer Skala mit dem niedrigsten Attraktivitätswert 1 und dem höchsten Wert 7 wurden für die Mitbestimmung durchschnittlich 4,92 Punkte und für das Wahlrecht durchschnittlich 4,33 Punkte vergeben.

Realisierbarkeit noch kritisch eingeschätzt

Weniger entschieden sind die Mitarbeiter allerdings, wenn es um die Realisierbarkeit dieser Partizipationsmöglichkeiten geht: Auf derselben Skala bewerteten sie die Umsetzbarkeit einer Strategiemitbestimmung durch die Mitarbeiter mit einem Wert von 3,65 und noch pessimistischer zeigten sie sich bei der Frage, ob die Möglichkeit, Führungskräfte durch die Mitarbeiter zu bestimmen, realistisch sei (2,66).

Auf Basis der TUM-Studie lässt sich also auf der einen Seite festhalten, dass sich die Mitarbeiter Partizipation wünschen; auf der anderen Seite halten sie die Einführung entsprechender Organisationsmodelle  aber für unrealistisch.

Demokratie wirkt mittelbar durch "Empowerment"

Ob der Wunsch nach demokratischen Organisationsformen tatsächlich in die Realität umgesetzt wird, hängt auch davon ab, welchen Erfolg sich die Unternehmenslenker davon versprechen können. Dieser Frage gehen Professor Torsten Biemann, Universität Mannheim, und Professor Heiko Weckmüller, FOM Bonn, im Artikel "New Work: Was bringen Demokratisierung, Partizipation und Selbstbestimmung?" im Wissenschaftsmagazin "PERSONALquarterly" nach (Ausgabe 04/2015).

Nach Durchsicht verschiedener, relevanter Studien kommen sie zu diesem Ergebnis: "Zwischen Partizipation und Unternehmenserfolg besteht ein schwacher positiver Zusammenhang." Allerdings entstehe der positive Effekt vor allem mittelbar durch psychologisches Empowerment.

Das Konzept des "Empowerment" enthält wiederum einige Aspekte, die in demokratischen Unternehmen von großer Bedeutung sind: Es geht dabei wesentlich um das individuelle, subjektive Erleben der übertragenen Verantwortung, die sich aus den vier Dimensionen

  • Bedeutsamkeit,
  • Selbstbestimmung,
  • Befähigung und
  • Beeinflussung

zusammensetzt.

Empowerment beeinflusst den Erfolg

Insbesondere eine Metastudie des Psychologen Scott E. Seibert und Kollegen wird im Artikel in den Vordergrund gestellt: Diese zeigt, dass das Empowerment positiv mit einigen personalwirtschaftlichen Erfolgsgrößen zusammenhängt, wie die Wissenschaftler auf der Basis einer Auswertung von 142 Einzelstudien herausgefunden haben. So wirkt sich Empowerment positiv auf die Leistung, die Arbeitszufriedenheit und das Engagement von Arbeitnehmern aus. Zudem nehmen "empowerte" Mitarbeiter eine geringere Belastung wahr, sind insgesamt innovativer und zeigen ein verstärktes, über die Kernaufgaben hinausgehendes Engagement.

Demokratisierung nicht nur für Hochleistungsteams

Da Demokratisierung häufig auf der Teamebene ansetzt, indem Entscheidungskompetenzen an das Team übertragen werden, ist eine weitere interessante Erkenntnis, die Biemann und Weckmüller festhalten: "Empowerment wirkt nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern zeigt vergleichbare positive Effekte auch bei Teams." Dies belegen sie mit einer Studie von M. Travis Maynard und Kollegen.

Die gleiche Studie zeigt außerdem, dass kein positiver Zusammenhang zwischen psychologischem Empowerment und dem Kompetenzniveau des Teams besteht. Biemann und Weckmüller schließen daraus, dass Demokratisierungsinitiativen nicht auf Hochleistungsteams beschränkt sein sollten. 


Hinweis: Weitere Studienergebnisse der TUM können Sie im gerade erschienen Buch "Das demokratische Unternehmen" (Haufe, 2015) nachlesen. Es ist hier im Haufe-Shop erhältlich.

Haufe Online Redaktion

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