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Studienabbrecher sind beliebte Recruiting-Zielgruppe

Wer sein Studium nicht packt, muss nicht verzweifeln: Betriebe stellen Studienabbrecher gerne als Azubis ein, so eine Studie.
Bild: Haufe Online Redaktion

In manchen Regionen finden Betriebe und Azubis nach wie vor deutlich schwerer zusammen als in anderen, zeigen aktuelle Zahlen. Um neue Bewerbergruppen zu erschließen, nehmen viele Recruiter Studienabbrecher ins Visier – allerdings stehen sie dabei noch vor Hürden.

In wenigen Tagen beginnt in vielen Regionen das neue Ausbildungsjahr. Noch dürften einige Ausbildungsbetriebe auf die letzte Minute versuchen, passende Azubis zu finden: Wie Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, waren noch Ende Juli 163.300 Stellen unbesetzt. Die Zahl der jungen Leute, die zu dem Termin noch keine Lehrstelle gefunden hatten, lag bei 155.100.

Jugendarbeitslosigkeit: Extreme in Bayern und NRW

Wie leicht oder schwer Recruiter in Ausbildungsbetrieben jetzt noch junge Leute für eine Ausbildung in ihrem Unternehmen begeistern können, hängt offenbar stark von ihrem Standort ab: Während Unternehmen in Bayern händeringend um Nachwuchs werben, können Recruiter in den ehemaligen Schwerindustriezentren Nordrhein-Westfalens entspannter an die Arbeit gehen. Das ergaben Recherchen der Deutschen Presse-Agentur (DPA).

Demnach fehlen etwa im Raum Ingolstadt, wo Audi sein größtes Automobilwerk hat, Bewerber für vorhandene Ausbildungsplätze. Mit 1,5 Prozent weist der nahegelegene Landkreis Eichstätt die bundesweit niedrigste Jugendarbeitslosigkeit auf. Dagegen hat die Stadt Gelsenkirchen im Ruhrgebiet  die meisten Arbeitslosen unter 25 Jahren, die Quote liegt hier bei 14,5 Prozent.

"Devise: Aus- und Weiterbildung ist Chefsache"

Durch den demografischen Wandel wiesen mittlerweile viele Regionen in Deutschland sinkende Zahlen an Schulabgängern auf und hätten in der Folge einen Mangel an Bewerbern für die Ausbildung, kommentierte Hubert Schöffmann, Sprecher des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK), dies gegenüber der DPA.

"Die Devise muss lauten: Aus- und Weiterbildung ist Chefsache, alle Potenziale müssen erschlossen werden." Große Reserven sieht Schöffmann bei bislang nicht erreichten Bewerbergruppen: Jugendliche ohne Schulabschluss, Studienabbrecher, aber auch junge Flüchtlinge.

Um diese und andere alternative Bewerbergruppen besser ins Ausbildungssystem zu integrieren, lassen sich Politik und Wirtschaft einiges einfallen: etwa verkürzte Ausbildungszeiten für Studienabbrecher oder Coaching für Betriebe, die Hauptschüler als Azubis einstellen. Eine weitere Möglichkeit ist es, die Ausbildung mit zusätzlichen Inhalten anzureichern – etwa in Form eines Trialen Studiums, das den Jugendlichen die Möglichkeit bietet, neben der Lehre auch gleich Meisterqualifizierung und Bachelorstudium zu absolvieren. Das Triale Studium soll vor allem Abiturienten locken, um diese beispielsweise auf eine künftige Führungsposition vorzubereiten.

Kontakt zu Studienabbrechern aufnehmen – aber wie?

Auch Abiturienten, die bereits ein Studium begonnen und abgebrochen haben, rücken immer mehr in den Fokus von Ausbildungsbetrieben. Einer aktuellen Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zufolge verfügt bereits knapp jeder dritte Ausbildungsbetrieb über Erfahrungen mit der Ausbildung von Studienaussteigern, für drei von vier Unternehmen kommt dies grundsätzlich infrage.

Doch bei der Rekrutierung der beliebten Zielgruppe gibt es offenbar noch Hürden: Als große Herausforderung sehen Azubi-Recruiter laut BIBB-Erhebung an, mit Studienaussteigern überhaupt erst einmal in Kontakt zu kommen: Zwei von drei Betrieben ohne und jeder zweite Betrieb mit Erfahrungen in der Ausbildung von Studienaussteigern stuft dies als "eher schwierig" ein.

Das BIBB führte die Befragung in rund 570 Ausbildungsbetrieben durch. Die Studie gibt auch Aufschluss darüber, welche Betriebe schon Erfahrungen mit der Ausbildung von Studienaussteigern aufweisen können: Demzufolge sind dies eher größere Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten, Betriebe im Zuständigkeitsbereich der Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie Einrichtungen des öffentlichen Dienstes, des Gesundheits- und Sozialwesens.

Insbesondere Kleinbetriebe mit weniger als 20 Beschäftigten, Betriebe des produzierenden und des verarbeitenden Gewerbes sowie Handwerksbetriebe verfügen hingegen deutlich seltener über solche Erfahrungen.

Anrechnen von Studienleistungen bereitet Probleme

Die Ausbildung von Studienaussteigern selbst bereitet den Betrieben kaum Sorge. Der Großteil der Unternehmen, die bereits über Erfahrungen verfügen, sieht dies als "eher problemlos" an. Drei von vier befragten Betrieben erklären sich darüber hinaus grundsätzlich bereit dazu, Studienaussteiger zu qualifizieren.

Als problematischer empfinden die Unternehmen dagegen die Anrechnung von Studienleistungen auf die Ausbildung: Mehrheitlich erachten sie es nämlich als "schwierig" – und zwar unabhängig davon, ob sie bereits Studienaussteiger ausgebildet haben oder nicht.


Weitere Ergebnisse der BIBB-Betriebsbefragung finden Sie unter www.bibb.de/rbs.


Informationen für Betriebe, die Studienabbrecher als Azubis einstellen möchten, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung unter www.jobstarter.de zusammengestellt.


Mehr zum Thema "Berufsausbildung" lesen Sie auch in Ausgabe 08/2015 des Personalmagazins, unter anderem:

  • wie das Handwerk versucht, sein Image mit einer großangelegten Employer-Branding-Kampagne zu verbessern
  • wie der Bildungsdienstleister Provadis gemeinsam mit der Ludwig-Maximilians-Universität München ein eignungsdiagnostisches Modell entwickelt hat, das helfen soll, Azubis zu identifizieren, die unterdurchschnittliche Werte in kognitiven Tests mit der passenden Persönlichkeit wettmachen
  • wie zeitgemäße Entwicklungsformate wie Augmented-Reality-Learning das eigenständige Lernen von Azubis fördern können.

Hier können Sie diese Ausgabe als App herunterladen.

dpa/Haufe Online Redaktion

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