Mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können, ist für viele Beschäftigte ein Grund die Arbeitszeit zu verkürzen. Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

In der Metall-und Elektroindustrie haben Beschäftigte vom kommenden Jahr an die Wahl zwischen Geld und zusätzlicher Freizeit. Solche Modelle sowie Möglichkeiten zur Arbeitszeitverkürzung gewinnen zunehmend an Attraktivität und halten per Tarifvertrag Einzug in immer mehr Branchen. 

Mehr Geld oder doch lieber mehr Freizeit? Viele Beschäftigte wünschen sich mehr Zeit für Kinder und Familie, für ein Ehrenamt oder mehr persönlichen Freiraum - und würden für eine Arbeitszeitverkürzung auch auf Geld verzichten. 

Bei dem Thema scheint sich offensichtlich etwas zu bewegen: Nicht nur in der Metall-und Elektroindustrie haben die Beschäftigten vom kommenden Jahr an die Wahl. Immer mehr Tarifabschlüsse sehen Arbeitszeitmodelle vor, die Arbeitnehmern die Möglichkeit geben individuell die Arbeit zu verkürzen - zugunsten von mehr freier Zeit. Die Tendenz scheint steigend.

Reduzierung der Wochenarbeitszeit und Freizeit statt Zusatzgeld

Bereits im Februar wurde der Tarifabschluss für die Metall- und Elektroindustrie vereinbart. Vorgesehen ist hier unter anderem eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit. Beschäftigte können künftig ohne Lohnausgleich für bis zu zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden senken.

Zudem gibt es ein Wahlmodell für Beschäftigte, die sich in einer besonderen Situation befinden, wie Schichtarbeiter, Beschäftigte mit jungen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen: Sie können sich für acht Tage Freizeit entscheiden statt ein für alle vereinbartes Zusatzgeld anzunehmen.

Interesse bei Arbeitnehmern scheint groß

Wie viele Arbeitnehmer davon Gebrauch machen, werde sich zwar erst in den kommenden Monaten zeigen, sagte Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler. Nach seiner Einschätzung ist das Interesse bei den Beschäftigten groß, denn bei Befragungen habe etwa ein Fünftel der Beschäftigten angegeben, weniger als die in der Branche geltenden 35 Stunden pro Woche arbeiten zu wollen. Auch der Run auf das Modell mit den acht freien Tagen werde seiner Meinung nach voraussichtlich ziemlich groß sein.

Arbeitszeitverkürzung statt Lohnerhöhung

Mit dem Tarifabschluss für die Metall- und Elektroindustrie sieht sich die IG Metall als ein Wegbereiter für flexiblere Arbeitszeiten in Deutschland. 

Tatsächlich haben auch die Beschäftigten bei der Bahn und der Post bereits seit 2017 die Wahl zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit. 

Auch der Tarifabschluss zwischen Verdi und Telekom sieht für Mitarbeiter in den operativen Bereichen, die Möglichkeit vor, die Wochenarbeitszeit von 38 auf 36 Stunden zu reduzieren. Dies wurde bereits vor zwei Jahren festgelegt, beginnend für Januar 2019. Nun wurde vereinbart, dass keine stundenweise wöchentliche Reduzierung erfolgen soll, sondern Beschäftigte einen Anspruch auf zusätzlich 14 freie Tage im Jahr erhalten.

Außerdem ist eine Art „Mini-Sabbatjahr“ bei der Telekom vorgesehen: Geeinigt wurde sich auf ein Teilzeitarbeitsmodell, bei dem die Mitarbeiter bei gleicher Arbeitszeit einen Teil ihres Gehaltes reduzieren und dafür weitere freie Tage im Jahr bekommen können. Der genaue Termin hierfür steht noch nicht fest.

Immer mehr Branchen folgen

Nach Angaben von Wechsler hat die Gewerkschaft IG BCE das Thema Freizeitausgleich für die Chemie- und Pharmaindustrie ebenfalls auf die Agenda gesetzt. Nach seiner Einschätzung werden noch weitere Branchen folgen - ähnlich wie bei den Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-Woche in den 80er-Jahren. „Immer da, wo es einen Durchbruch bei der Arbeitszeit gab, war das eine Initialzündung“, zieht Wechsler die Parallele. 

Arbeitszeit im Umbruch

Es ist offensichtlich, dass das Thema Arbeitszeit sich aufgrund der Folgen der Digitalisierung und gesellschaftlichen Veränderungen im Umbruch befindet. Auch für Arbeitgeber haben neue Arbeitszeitmodelle positive Aspekte. Sie gewinnen dadurch an Attraktivität. Dass starre Arbeitszeitenregelungen oftmals nicht mehr passgenau sind, haben Arbeitgeber schon lange festgestellt. Sie fordern daher vor allem eine Öffnung des Arbeitszeitgesetzes. Hier soll es nun nach Plänen der Koalition eine tarifliche Öffnung für sogenannten Experimentierräume geben, um mehr betriebliche Flexibilität zu erproben. 

Experimentierräume, die in Richtung einer weiteren Ausdehnung der Arbeitszeiten und Erhöhung des Arbeitsdrucks gehen, seien unnötig, sagt dagegen Rechtsanwalt Jens Peter Hjort vom Verband der demokratischen Juristen (VDJ). Er befürchtet, dass damit dauerhafte Verschlechterungen einhergehen - so wie bei der Einführung der sachgrundlosen Befristung.

Schlagworte zum Thema:  Flexible Arbeitszeit, Tarifabschluss

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